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Die große Angst vorm Fahrverbot

Dutzende deutsche Städte wollen Dieselautos verbannen. Viele Handwerker im Landkreis Bautzen haben dann ein Riesenproblem.

© Uwe Soeder

Von Sebastian Kositz

Bautzen. Nur ein paar Fotos, mehr Zeugnisse sind nicht geblieben von der einzigartigen Stuckdecke des Hauses zur Goldenen Waage in Frankfurt am Main. Die Rekonstruktion in dem 1944 niedergebombten und nun neu errichteten Gebäude ist eine Herausforderung für Spezialisten – in diesem Fall aus dem Kreis Bautzen. Die Restauratoren von Fuchs und Girke aus Ottendorf-Okrilla haben schon viele bekannte Kulturdenkmäler instand gesetzt, gelten über Deutschland hinaus als Profis. Doch Geschäftsführer Enrico Böttcher steht derzeit vor einer noch viel größeren Herausforderung. Und mit ihm viele Handwerker in der Region.

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Liste betroffener Städte ist lang

Seit dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig zu den Dieselfahrverboten in deutschen Städten sind viele Betriebe in der Region verunsichert. Künftig können die Kommunen im Alleingang Dieselfahrzeuge wegen Feinstaub aus ihren Zentren verbannen. Und die Liste der betroffenen Städte, wo die Luft zu dreckig ist, ist ellenlang. Zwar betrifft es vor allem Orte in den alten Bundesländern, darunter Düsseldorf, Stuttgart, München oder eben Frankfurt am Main. Doch genau auf den Baustellen in diesen Städten sind tagtäglich viele Handwerker aus dem Kreis Bautzen mit ihren Dieselfahrzeugen unterwegs.

Bei der Kreishandwerkerschaft haben die Verantwortlichen das Problem deshalb längst auf den Schirm. Zwar sind in Sachsen aktuell keine Fahrverbote geplant. Allerdings gibt es im Landkreis Bautzen etliche Betriebe, die im gesamten Bundesgebiet Aufträge abarbeiten. Neben Spezialisten wie Fuchs und Girke sind das allen voran Firmen, die im Baugeschäft unterwegs sind. „Das betrifft vor allem Tischler, Maler, Metallbau- und Elektrobetriebe“, erklärt Kreishandwerksmeister Frank Scholze.

Nicht zu stemmender Kraftakt

Konkret betroffen ist beispielsweise der Malerbetrieb Schuster in Wilthen. Das Familienunternehmen ist bereits seit 1890 im Geschäft. Aufträge auf Baustellen in Mittel- und Süddeutschland sind heute eines der Standbeine. „Ich hätte ein Riesenproblem, wenn ich plötzlich nicht mehr nach Frankfurt oder andere Großstädte hereinfahren kann“, erklärt Betriebsleiter Hanso Schuster. Insgesamt vier Dieseltransporter gehören zur Fahrzeugflotte der Firma.

Die Transporter hat der Betrieb über eine Finanzierung gekauft. Diese mit einem Schlag auszutauschen wäre für das kleine Familienunternehmen ein nicht zu stemmender finanzieller Kraftakt. Zumal, so erklärt Hanso Schuster, aktuell die Hersteller faktisch kaum Alternativen bieten. „Unsere Mitarbeiter sind teilweise bis zu 1 500 Kilometer am Tag unterwegs“, erklärt Hanso Schuster. Mit einem Elektroantrieb sei das nicht zu machen, so der Malermeister.

30 Transporter und 15 Pkw – alles Diesel

Vor genau diesem Problem steht auch Enrico Böttcher in Ottendorf-Okrilla. Der Fuhrpark der Firma Fuchs und Girke umfasst 30 Transporter und 15 Pkw – alles Diesel, wie der Geschäftsführer sagt. Die bringen nicht nur die 150 Mitarbeiter von Ottendorf auf die Baustellen, sondern auch Werkzeuge und Material. „Unsere Baustellen liegen nun einmal in den historischen Innenstädten. Ich kann die Mitarbeiter schlecht mit Bus und Bahn hinschicken“, so Enrico Böttcher. Die gesamte Flotte läuft über Leasing. Die Fragen nach Kosten und Alternativen beiseitegelassen, würde der Austausch vier bis sechs Jahre dauern.

Kreishandwerksmeister Frank Scholze zeigt einerseits Verständnis für die Probleme in den Städten. „Auch wir Handwerker wollen saubere und bessere Luft. Aber viele Wege, die die Städte in Angriff nehmen, der Ausbau des Nahverkehrs oder der Bau von Fahrradwegen, sind eben für Handwerker nicht nutzbar“, sagt Frank Scholze.

Aus seiner Sicht braucht es deshalb Ausnahmegenehmigungen für Handwerker, wenngleich auch Frank Scholze weiß, dass damit noch mehr Bürokratie und Zusatzkosten auf die Betriebe zukäme. Auch Roland Ermer, der Präsident des Sächsischen Handwerkstags, plädiert für Ausnahmeregelungen, „wenn bei der Nahversorgung in Innenstädten auch künftig ein Kollaps von vornherein ausgeschlossen werden soll.“

Drastische Folgen befürchtet

Zugleich könnten Handwerker, deren Kunden und die Verbraucher nicht die Leidtragenden für Versäumnisse von Autoherstellern und der Politik sein, erklärt Roland Ermer. „Verursacher der Dieselabgas-Misere sind schließlich die Autohersteller. Für dringend notwendige Nachrüstungen muss die Politik gesetzliche Regeln festlegen“, sagt der Bäckermeister aus Bernsdorf.

Auch Enrico Böttcher hofft nun auf Ausnahmegenehmigungen. Für andere Lösungen fehle es ihm derzeit an Fantasie, wie er sagt. Sollten die Fahrverbote dennoch kommen, hätte das nicht nur für seinen Betrieb drastische Folgen. „Wir können dann in den betroffenen Städten unsere Leistungen nicht mehr anbieten“, sagt der Firmenchef.