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Die Gunst der Stunde

Glashütte-Uhren aus der DDR-Produktion stehen bei Sammlern hoch im Kurs. Für die meisten Sachsen verbindet sich damit eine Erinnerung. Quelle-Kunden im Westen blieben ahnungslos.

© Robert Michael

Peter Ufer

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Hanna Schuchardt nimmt sich Zeit. Sie betrachtet den Chronograph Kaliber 64 und weiß, dass sie das Stück eines Liebhabers in den Händen hält. Die Uhrmacherin restauriert im Glashütter Uhrenmuseum historische Exemplare. Und dieses ist wirklich selten. Zwischen 1955 und 1961 produzierten die volkseigenen Uhrenbetriebe Glashütte 12 500 Stück des Zeitmessers, der heute bei Händlern in einem guten Zustand mit weißem Zifferblatt ab 1 100 Euro und mit schwarzem Zifferblatt ab 1 500 Euro zu bekommen ist. Schon in der DDR gehörte die Uhr zur exklusiven Ware, kostete damals 430 Mark.

Zwischen 1955 und 1961 produzierten die Uhrenbetriebe Glashütte 12500 Stück des Chronograph Kaliber 64. © Deutsches Uhrenmuseum Glashütte
Zum 20. Jahrestag der Kampfgruppen erhielten Mitglieder eine Glashütte-Uhr. Sondereditionen wie diese sind bei Sammlern besonders begehrt, denn sie existieren nur in limitierten Auflagen. © Deutsches Uhrenmuseum Glashütte
Gütekontrolle der volkseigenen Produktion. Die Spezimatic wurden von 1964 bis 1979 hergestellt, Stückzahl insgesamt 3,6 Millionen. © Deutsches Uhrenmuseum Glashütte

Der Glashütter Chronograph zeugt von der Tradition des sächsischen Handwerks, zeitlose Schönheit kombiniert mit mechanischer Präzision und einem hohen Sammlerwert. Doch wer Uhren erwirbt, um damit kurzfristig Geld zu verdienen, der scheitert. Das sagt Andreas Schuhmann jedem Kunden, der bei ihm nach Wertanlagen fragt. Der Uhrmachermeister betreibt seit 2013 gegenüber dem Museum eine Werkstatt mit Laden und täglich kommen zu ihm vorzugsweise Männer, die mehr wissen wollen über die Beständigkeit der VEB-Produkte. In den vergangenen Monaten besuchten ihn besonders viele Interessenten, denn seit Juni vergangenen Jahres läuft im Museum die Sonderausstellung „Glashütte zur DDR-Zeit“. 27 000 Gäste bestaunten bereits die Exposition. Deshalb wurde sie jetzt bis Ostern verlängert.

Das Interesse an den Zeitmessern aus DDR-Produktion steigt seit Jahren und der Handel damit ebenfalls. Besonders begehrt sind gegenwärtig Uhren aus den 1950er- und 1960er-Jahren. Hierbei handelt es sich noch um Stücke mit mechanischen Werken, die seit Mitte der 1990er-Jahre mit dem Aufstieg von Luxusuhrenherstellern wie Lange & Söhne, Glashütte Original oder Marken wie Nomos und Union eine Renaissance erleben. Überall, wo Glashütte draufsteht, wird zumindest Wertbeständigkeit vermutet. Preise richten sich allerdings auch hier nach Angebot und Nachfrage und schwanken enorm. Am besten sollte der Käufer auf Kleinserien setzen und auf zeitlos klassische Modelle in neutralem Stil, mit klarem Zifferblatt. Denn die Designtrends vergehen schneller, als es vielen Uhrenkäufern recht ist.

Deshalb wissen sowohl die Restauratorin Hanna Schuchardt als auch der Uhrmachermeister und Händler Andreas Schuhmann, dass der Wert einer Uhr aus der DDR-Zeit vor allem ein ideeller ist. Zur Hochzeit, Jugendweihe, zum Abitur oder anderen Gelegenheiten bekamen Männer und Frauen Uhren geschenkt, wollen sie heute in bester Erinnerung behalten. Sammler dagegen fasziniert das zeitlose Glashütte-Design, die robusten mechanischen Werke mit Handaufzug oder automatischem Aufzug sowie die Geschichte.

Neben dem Chronograph aus den 1950er-Jahren, in dem noch echte Handarbeit steckt, suchen Fans zurzeit nach Exemplaren mit dem Schriftzug „Lange VEB“. Die Uhrenmanufaktur Lange & Söhne existierte nach ihrer Enteignung bis 1951 als VEB Mechanik Lange & Söhne, stellte mechanische Armbanduhren her. Nur wenige Exemplare sind davon noch im Umlauf und kosten, gut erhalten, um die 3 000 Euro. Vor fünf Jahren bekamen findige Sammler sie für die Hälfte.

Viele ältere Sachsen besitzen eine Automat oder Spezimatic aus dem VEB Glashütter Uhrenbetriebe, kurz GUB. Die Spezimatic wurde von 1964 bis 1979 hergestellt, Stückzahl insgesamt 3,6 Millionen, 1,8 Millionen mit Datumsanzeige, 1,8 Millionen ohne. Endverbraucherpreis damals 230 Mark. Die Großserienproduktion gibt einen zarten Hinweis darauf, dass genug Spezimatic noch heute auf dem Markt sein dürften. Auf Trödelmärkten bieten sie Händler reparaturbedürftig ab 50 Euro an. Wertvoll sind sie vor allem dann, wenn sie im Originalzustand und wenig abgenutzt vorliegen. Restaurierte Exemplare bieten Händler gegenwärtig ab 400 Euro.

Die Preisangaben schwanken selbstredend je nach Zustand und Ausführung. Völlig unkalkulierbar stellen sich die Angebote im Internet dar. Denn dort kann kaum nachgeprüft werden, ob es sich tatsächlich um ein Original handelt und in welchem Zustand sich die Uhr befindet. Wer auf Nummer sicher gehen möchte, kauft am besten bei einem Uhrmacher oder stationären Händler seines Vertrauens.

Über Ersatzteile für eine Reparatur verfügen die meisten Werkstätten ausreichend. Allerdings werden Gehäuse und Zifferblätter immer seltener. Und bekanntlich wird alles interessant, was Seltenheitswert besitzt. Das Besondere liegt im Speziellen. So sind sämtliche Sondereditionen aus den Sechzigern und ebenso aus den Siebzigern begehrt. Das Glashütter Uhrenmuseum zeigt deshalb einmalige Stücke wie eine Uhr als Geschenk für Botschafter mit der eingravierten Unterschrift von Erich Honecker.

Bei Antikhändlern fragen Kunden immer häufiger nach Sondereditionen aus dem VEB-Glashütte-Uhren. Für die Erbauer des Palastes der Republik in Berlin gab es beispielsweise eine Auszeichnungsuhr, von der 5 000 Stück hergestellt wurden. Auch für das Durchhaltevermögen in der Kampfgruppe oder die Diensttreue beim Ministerium des Innern produzierten die Glashütter limitierte Editionen. So merkwürdig es erscheint, aber genau diese übersichtlichen Auflagen steigen seit den vergangenen fünf Jahren besonders im Wert.

Am Neumarkt in Dresden registrieren Händler eine stabile Nachfrage. In der Auslage des Uhren-Ateliers in der Schössergasse liegt eine Spezichron als Auszeichnungsuhr für 30 Jahre Dienst im Ministerium des Innern der DDR samt Medaille sowie einer Urkunde mit Namen des Ausgezeichneten und Datum der Übergabe im Jahr 1984. Angezeigter Preis 850 Euro. Hergestellt wurde die Uhr in den volkseigenen Uhrenbetrieben von 1979 bis 1983, etwa 700 000 Stück verließen damals die Produktionshallen.

Ein normales Exemplar ohne Datumsanzeige findet sich heute bei Händlern ab 150 Euro. Je nach Ausfertigung, mit Datum oder ohne, je nach Gehäuseart, vergoldet oder nicht, kostete die Spezichron in der DDR bis zu 525 Mark.

Die Zeiten in Glashütte hatten sich in den 1970er-Jahren extrem geändert. 1967 entstand ein Kombinat aus den Uhrenfabriken in Glashütte, Weimar und Ruhla, 1978 erfolgte der Zusammenschluss mit dem Kombinat Mikroelektronik Erfurt. Vom Geist der sächsischen Uhrenmanufakturen der Vorkriegszeit blieb nicht viel übrig. Die Zeitmesser aus den 1970er-Jahren sind heute für verhältnismäßig wenig Geld zu bekommen. Doch ihr Wert wird steigen. Tatsächlich brauchen Uhren Zeit, um als Anlage zu wirken, sagt Andreas Schuhmann übereinstimmend mit Experten aus deutschen Auktionshäusern. Produkte aus Glashütte aus den 1950er- und 1960er-Jahren sind gegenwärtig sehr begehrt, die 1970er-Jahre entwickeln sich.

Sachsen zeigen mit dem Tragen der historischen Glashütte-Uhren vor allem ihre Verbundenheit mit der Tradition des Landes. Doch es muss schon „Glashütte“ auf dem Zifferblatt stehen. Ab 1964 lieferten die volkseigenen Uhrenwerke Glashütte ihre Werke in die Bundesrepublik. Der Versandhändler Quelle kaufte sie gern, ließ auf die Zifferblätter die eigene Marke „Meister Anker“ drucken und schon war die vermeintliche Westuhr fertig, kostete damals 67 DM. Und so manche Uhr schickten die lieben Westverwandten im Paket in den Osten zurück, ohne zu wissen, dass sie eigentlich in Glashütte hergestellt wurden.

Doch nicht nur Armbanduhren lösen bei Sammlern Begeisterung aus, sondern ebenso Wanduhren. Die „Glashütte elektrochron“, Baujahr 1968 bis 1978, hing in vielen Küchen oder Büros zwischen Rostock und Suhl. Die Schlichtheit des Zifferblatts mit leichter Bauhaus-Anmutung lässt sie klassisch erscheinen. Die Zeiger treibt ein elektronisches Uhrwerk an, das Gehäuse wirkt wie Elfenbein, aber ist aus Plaste. Dennoch geht der Preis zurzeit stetig nach oben, mindestens 150 Euro sind zu zahlen. Der Trend bestätigt das Geschäft mit historischen Modellen. Wer wirklich Entwicklung sehen will, muss oft 25 Jahre warten. Selbst ganz bekannte Modelle warten darauf: Eine Rolex Daytona, wie sie Paul Newman 1969 im Film „Winning“ trug, kostete Ende der 1980er-Jahre noch keine 1 000 Mark. Erst heute legen Sammler dafür bis zu 60 000 Euro auf den Tisch.

Die VEB-Glashütte-Uhren inspirierten indes die Konstrukteure von heute. Glashütte Original legte die Oldies wieder auf. Der Retrotrend beschert nicht nur Autobauern wie bei VW oder Fiat gute Umsätze, sondern ebenso den Uhrenherstellern. Sowohl mit ihrer Sixties- als auch der Seventies-Kollektion landeten die Glashütter zwei Hits. Die gute alte Spezimatic erlebte ihre Wiedergeburt und der Kunde zahlt für die Reinkarnation im Edelstahlgehäuse mindestens 6 300 Euro. Freilich vergrößerte sich das neue Modell und präsentiert ein komplett anderes Innenleben. Die Manufaktur besann sich auf die Anfänge, Handarbeit dominiert. Ende der 1960er-Jahre wurden die meisten Einzelteile in Masse gestanzt, was heute undenkbar wäre.

Die neuen Manufaktur-Uhren, inspiriert von der Designvergangenheit, ziehen mit ihrem Preis den Wert der historischen Originale nach oben. Aber gleichzeitig gehört es zur Erkenntnis, dass DDR-Produkte mit Qualität eben nicht auf den Schrotthaufen der Geschichte gehören. Aber auch das benötigte Zeit. Immerhin fast 25 Jahre mussten verstreichen, dass das Alte zu neuen Ehren kam. Aber so kann es gehen: Wer lange genug unmodern bleibt, gehört irgendwann zu den Trendsettern.

Das passt nicht nur zu Uhren, sondern ebenso zu Fahrrädern von Diamant und schon lange zu Simson-Mopeds aus Suhl. Die gute alte „Schwalbe“ zählt bei Studenten seit Jahren zum lässigen Vorzeigefahrzeug. Aber offensichtlich braucht es eine Generation, bis sich Qualität wieder durchsetzt. Das hat mit DDR-Vergangenheit oder Ostalgie wenig zu tun, sondern mit dem Zeitgeist und mit Wertbeständigkeit sowie einem hohen Anspruch an die Produkte. Auch Schallplatten erleben seit wenigen Jahren wieder eine Rückkehr in die Stuben, weil deren Hörgenuss digitale Klangsauberkeit schlägt.

Die Uhrenhersteller in Glashütte nutzen die Tradition der sächsischen Feinmechanik. Genauso hätte beispielsweise auch die Dresdner Kameraindustrie überleben können. Wer heute Praktika-Kameras sammelt, der weiß, dass hier gegenwärtig genauso der Wert steigt wie bei Uhren aus dem VEB Glashütte. Dasselbe erleben Besitzer von Autos aus DDR-Produktion. Schon lange sind restaurierte Wartburgs aus den 1960er-Jahren heiß begehrte Oldtimer, aber auch der Trabant erlebt eine Wiederkehr als unkaputtbare Karosse.

Sammler bewegen sich hier nicht im Luxusbereich, sondern nutzen Alltagsware als Wertanlage. Egal ob Designstücke wie Eierbecher, Kassettenradios oder Hellerauer Möbel, viele DDR-Produkte erleben eine Rückkehr als Ikonen der Ost-Moderne. Im Pirnaer oder Radebeuler DDR-Museum können sich Sachsen inspirieren lassen, was zu sammeln wäre, um es in zehn oder zwanzig Jahren zu vergolden. Jeder, der auf dem Boden oder in irgendwelchen Schränken Schätze besitzt, der möge sie nicht wegwerfen, sondern gut bewahren.

Die Zeit schafft Werte. Das Uhrenmuseum in Glashütte zeigt sie. Zu den Exponaten in der Sonderausstellung gehören neben Uhren historische Plakate und Schriftzüge, ein wieder aufgestellter Arbeitsplatz aus den 1960er-Jahren sowie Werbemittel, die auf Messeständen in der Welt aufgestellt wurden. Heute arbeiten in Glashütte wieder so viele Uhrmacher wie zu DDR-Zeiten. Mit neuen Herstellern wie Großmann oder Tutima zogen Firmen in den Ort, um von dem traditionsreichen Namen zu profitieren.

Hier lebt die Zeit, steht am Ortseingangsschild. Vor allem aber leben hier Konstrukteure, Uhrmacher, Werkzeugmacher und Feinmechaniker, die mit ihren Visionen und ihrem Anspruch an sächsische Handwerkskunst seit Jahrhunderten überzeugen. Hanna Schuchardt, Andreas Schuhmann oder die Uhrenhändler am Dresdner Neumarkt leben gut davon. So zeigt die Zeit, dass es zu den großen Irrtümern gehört, Menschen und ihre Leistungen einfach zu ignorieren. Alles hat seine Zeit. Übrigens produzierte der VEB in Glashütte keine eigenen Zifferblätter. Die kamen unter anderem aus dem Westen, aus Pforzheim. Seit 2012 gehört die Zifferblatt-Manufaktur zu Glashütte Original. Auch das ist deutsch-deutsche Zeitgeschichte.

Ausstellung „Glashütte zur DDR-Zeit“ im Deutschen Uhrenmuseum Glashütte, Schillerstraße 3a, 01768 Glashütte/Sachsen, täglich geöffnet von 10 bis 17 Uhr.