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Die Ideen von „Richterin Gnadenlos“ bleiben lebendig

Die Juristin Kirsten Heisig hat gegen Jugendgewalt und soziale Verwahrlosung gekämpft. Vor einem Jahr nahm sie sich das Leben.

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Von Jutta Schütz, Berlin

Der Schock saß tief, als die prominente Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig am 3. Juli 2010 nach tagelanger Suche tot in einem Wald gefunden wurde. Die 48-Jährige hatte sich erhängt. Die couragierte Juristin war im Kampf gegen Jugendkriminalität neue Wege gegangen und damit bundesweit bekannt geworden. Am 28. Juni war die Mutter zweier Töchter das letzte Mal gesehen worden; es soll auch der Tag ihres Todes gewesen sein.

Als Heisig starb, war ihr Neuköllner Modell gerade eingeführt. Heute betont Berlins Justizsenatorin Gisela von der Aue (SPD), Heisigs Idee sei ein Exportschlager. Denn nicht nur in Berlin rauben Jugendliche Handys, bespucken Lehrer oder prügeln um sich. Heisig, von Kritikern auch „Richterin Gnadenlos“ genannt, war für den sozialen Brennpunkt Neukölln zuständig.

Kriminelle Karrieren müssten früh gestoppt werden, hebt auch Jugendrichter Stephan Kuperion hervor. Der 47-Jährige arbeitete eng mit Heisig zusammen. Jetzt ist er Koordinator für das Neuköllner Modell. Kerngedanke ist, dass sich Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht und Jugendhilfe unverzüglich über schwarze Schafe und die Fälle informieren. Das Verfahren solle binnen weniger Wochen folgen, um auf kriminelle Jugendliche bis zu 18 Jahren vor allem erzieherisch einzuwirken, betont Kuperion. Strafen können Jugendarrest sein, aber auch Freizeitarbeit.

Laut Statistik geht die Jugendkriminalität in Berlin weiter zurück, der Anteil mutmaßlicher Täter unter 21 Jahren an der Verdächtigen-Gesamtzahl sank zwischen 2001 und 2010 um knapp 30 Prozent.

Kurz nach dem Tod von Heisig erschien ihr Buch „Das Ende der Geduld“. 18 Auflagen, 350.000 verkaufte Exemplare: Eine Sprecherin des Verlages Herder sagt, die Missstände, auf die Heisig hinwies, seien nicht obsolet – obwohl das Buch-Interesse nachlasse. (dpa)