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Die Königsteiner Geschichtsretter

Das Stadtarchiv war lange ohne jegliche Ordnung. Engagierte Einwohner haben aufgeräumt – und es so zugänglich gemacht.

© Daniel Schäfer

Von Katharina Klemm

Die gesunde Drittelstunde

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Königstein.Katastrophal hat es ausgesehen. Unzählige Ordner, lose Blätter und Akten lagen unsortiert auf dem Boden oder waren irgendwie in die Regale gestapelt. Das reinste Chaos. In der kleinen Dachkammer des Königsteiner Rathauses ist das Stadtarchiv untergebracht. In diesem Zustand jedoch war es unbrauchbar. Wie hätte man da etwas Bestimmtes finden sollen?

Zuvor lag alles offen und unsortiert in den Regalen.
Zuvor lag alles offen und unsortiert in den Regalen. © privat

Holger Natusch begann daher 2013 damit, Ordnung in die Dokumentensammlung zu bringen. Doch allein hätte der Diplomkulturwissenschaftler das nie geschafft. „Dafür hätte ich fünf bis sechs Leben gebraucht“, sagt er. Schließlich datieren die Dokumente im Archiv bis ins 15. Jahrhundert zurück. Anfänglich unterstützte ihn der Radebeuler Udo Kühn. Nach und nach kamen andere hinzu. Zur derzeitigen Arbeitsgruppe Stadtarchiv gehören neben Natusch auch Dirk Dietrich, Manfred Riebe und Günter Müller. Jeder hat seine Aufgabe. Das Ziel allerdings ist dasselbe. „Wir wollen das Archiv so weit aufbereiten, dass andere es nutzen können.“

Mittlerweile füllen etwa 550 himmelblaue Aktenordner die alten Holzregale. Akkurat reiht sich einer an den anderen. In ihnen werden die historischen Schriftstücke aufbewahrt. Alte Stadtratsbeschlüsse, Urkunden, offizieller Schriftverkehr und und und. Viele Dokumente hielt seit Jahrzehnten, vielleicht sogar seit Jahrhunderten kein Mensch mehr in den Händen. Vom Staub der Zeit befreit wurden sie zwar nicht, dafür fehlt einfach das Geld. Doch sind sie jetzt immerhin geschützter aufbewahrt als bisher. Sie stauben nicht noch mehr ein, sind keinem schädigenden Sonnenlicht ausgesetzt. Und warten nun sicher, bis jemand sie zum Forschen heraussucht.

Bewahren durch neue Technik

Was in den unzähligen Akten steht, das wissen die vier Hobbyarchivare noch nicht. Vielleicht warten noch ein paar unentdeckte Perlen der Geschichte auf einen glücklichen Schatzsucher. Doch das sei derzeit nicht wichtig, sagen die Hobby-Archivare. Schließlich gehe es erst einmal darum, zu wissen, wo man überhaupt nach bestimmten Dokumenten suchen muss.

Daher hat Holger Natusch jeden Aktendeckel einzeln eingescannt. Jede Akte bekommt eine Archivnummer zugewiesen, mit der sie in der eigens angelegten Datenbank gefunden werden kann. Und eben auch im Archiv. Denn für jede Akte ist genau vermerkt, in welchem Karton sie liegt. Auch das grobe Thema, das darin behandelt wird, ist notiert. Eine gute Grundlage für weiteres Arbeiten. Dafür müssen aber oft mühsam die Buchstaben auf dem Deckblatt entziffert werden. Eine Herausforderung bei alten Handschriften wie Sütterlin oder Kanzleischrift, die heute nur noch wenige lesen können.

Auch eine Objekt- und Personendatenbank mit Informationen zu Häusern und Flurstücken, historischen Straßennamen sowie den jeweiligen Bewohnern und eine Bilddatenbank hat die Truppe angelegt. In letzterer sammeln die vier Herren alte Filme, Bilder und Stadtansichten. Über 100 000 Stück sind bereits gelistet und digitalisiert. Während Holger Natusch durch die Unmenge an Daten scrollt, bekommt Kollege Günter Müller eine „Hausaufgabe“.

Natusch bittet ihn, sich einige Fotos und Videos anzusehen. Eines der Videos zeigt in Schwarz-Weiß, einen Umzug zum 1. Mai in den 1970er-Jahren. „Vielleicht erkennst du ein paar Leute und weißt auch noch die Namen“, bittet Natusch. Bestimmt wird Müller helfen können. Schließlich nennen die anderen ihn nicht umsonst scherzhaft ihre „laufende Datenbank“. Er ist erst seit November letzten Jahres dabei. Die Geschichte seiner Heimatstadt aber interessiert ihn schon lange. Seit etwa 35 Jahren beschäftigt er sich mit ihr, insbesondere mit dem Ortsteil Hütten.

Eine weitere Mammutaufgabe haben die vier mit dem historischen Lokalblatt „Königsteiner Anzeiger“, das bis 1945 erschien, angepackt. Die vorhandenen Ausgaben sollen für Recherchen zugänglich gemacht werden. Manfred Riebe hat begonnen, die Zeitung Blatt für Blatt zu digitalisieren. Besser ist das. Denn das Papier entsäuern zu lassen, um es vor dem völligen Verfall zu retten, ist teuer und Geld dafür derzeit nicht vorhanden.

Eine ganze Menge haben die Geschichtsretter mit ihrer Hingabe für das Alte schon geschafft, viel ist noch zu tun. Über Mitstreiter, die ebenso wie sie für die Geschichte der Stadt brennen, würden sie sich daher freuen, sagen sie. Und natürlich über jegliches weitere Material zur Stadt. Das muss dem Archiv auch nicht überlassen werden, sondern kann dank der Digitalisierung beim Besitzer verbleiben.