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Die Last der Steine

Die Burgruine in Tharandt ist ein Beispiel dafür, wie schwer es mitunter fällt, Denkmäler zu erhalten.

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© Andreas Weihs

Von Annett Heyse

Tharandt. Als Falk Schlegel noch Schüler war, in den Siebzigerjahren, da ist er manchmal mit Freunden auf Tharandts Burgberg gestiegen. Sie sind durch uralte Fenster geklettert, über Schuttberge nach unten geschlittert und inmitten düsterer Mauern gelandet. Die Burgruine hoch über der Stadt, sie war ein Abenteuerspielplatz. Heute führt Falk Schlegel ab und an Besucher über das Plateau, referiert über Lehnsherren, Bergfried und schmale Erker mit Loch im Boden – die Toiletten des Mittelalters.

Matthias Herklotz vom Förderverein erklärt Besuchern in der Herklotzmühle den Doppelsäumer, der die Bretter von der Borke trennt. Anlässlich des Tages des Denkmals führte der 58-jährige Elektromeister aus Falkenhain am Sonntag durch die historische Anlage
Matthias Herklotz vom Förderverein erklärt Besuchern in der Herklotzmühle den Doppelsäumer, der die Bretter von der Borke trennt. Anlässlich des Tages des Denkmals führte der 58-jährige Elektromeister aus Falkenhain am Sonntag durch die historische Anlage © Frank Baldauf
Lutz Schneider, 41, Mitglied der Kirchgemeindevertretung aus Seifersdorf, erklärte interessierten Gästen am Sonntag zum Tag des Denkmals den 500 Jahre alten Altar in der Kirche Seifersdorf. 1518 wurde der Altar wahrscheinlich von einem Dippoldiswalder Kün
Lutz Schneider, 41, Mitglied der Kirchgemeindevertretung aus Seifersdorf, erklärte interessierten Gästen am Sonntag zum Tag des Denkmals den 500 Jahre alten Altar in der Kirche Seifersdorf. 1518 wurde der Altar wahrscheinlich von einem Dippoldiswalder Kün © Frank Baldauf

An diesem Sonntag war es wieder einmal so weit: Zum Tag des offenen Denkmals folgten gut 50 Besucher dem Vorsitzenden des Tharandter Burgen- und Geschichtsvereins über den Burgberg. Sie kamen dabei auch in das sonst verschlossene Kellergewölbe, das Falk Schlegel und seine Mitstreiter Anfang der Neunzigerjahre freilegten. Steile Stufen führen hinunter, unten ist es kühl und klamm. Schlegel zeigt auf die Ziegel, den Putz, das Steinmetzzeichen. „Niemand weiß, wann das Gewölbe angelegt wurde. Eventuell um 1400, aber das ist nur eine Vermutung.“

Burgen, Häuser, Kirchen, Mühlen, Bergwerke – am diesem Sonntag öffneten in Deutschland über 8 000 Denkmale ihre Pforten. Und nicht immer weiß man über ihre Geschichte alles. Vieles ist im Laufe der Jahrhunderte vernachlässigt worden, verloren gegangen, verändert worden. Und dann wird es schwer, aus dem Rest überhaupt noch ein halbwegs verlässliches Gesamtbild zusammenzusetzen. Die Tharandter Burgruine, das Wahrzeichen der Forststadt, wie Falk Schlegel gern betont, ist dafür ein gutes Beispiel.

1216 wird Tharandt erstmals urkundlich erwähnt. Wahrscheinlich war die Burg damals schon gegründet und im Bau, keiner weiß es. Fakt ist: Das heutige Tharandt war Anfang des 13. Jahrhunderts Grenzregion und kaum besiedelt. Die Wege von Dresden Richtung Erzgebirge verliefen auch nicht durchs Tal sondern über die Höhenzüge. „Die Burg lag am Ende einer Sackgasse“, sagt Schlegel. Sie war auch in den Jahrhunderten danach nie bedeutend. Die Anlage, die sich immerhin 160 Meter lang über den Berg erstreckt, war eher Wohn- und Herrschaftssitz, später Station für Jagdgesellschaften. Nach 1510 wurde sie ausgeräumt und stand leer. Als 1568 der Blitz einschlug, war ihr Schicksal besiegelt. Der Abriss begann. Steine, Holz, Schiefer, Fensterteile, Stufen – die Bürger holten sich alles, was sie selbst gebrauchen konnten. Der Rest verfiel.

Erst als ihre Stadt um 1800 herum Badeort wird, erinnerten sich die Tharandter der Burg. Die Anlage wurde im Geschmack der Romantik hergerichtet, damit die Besucher dort gefahrenfrei spazieren konnten. Dabei wurden teilweise sogar Mauern zum Einsturz gebracht, es sollte alles so schon ruinös aussehen. Erste wissenschaftliche Grabungen begannen 1977. Falk Schlegel war als Schüler mit dabei. Sie gruben alte Mauern aus, fanden Gewölbe und Reste von Küchenräumen. „Da lag sogar noch der alte Ziegelboden drin.“ Sie buddelten Keramikscherben und alte Ofenkacheln aus. 1992 wurde der Burgenverein gegründet. Die Mitglieder besorgten Fördergelder, die Außenmauern wurden saniert und wieder ein Stückchen höher gezogen, die alten Strukturen sind nun besser erkennbar.

Trotzdem ist aus der Tharandter Ruine nie so eine Berühmtheit geworden wie beispielsweise die Burg Stolpen. „Wir tun uns schwer mit der Burg“, gibt Hobbyhistoriker Schlegel zu. Es läge vor allem am Geld. Denn die Burg gehört der Stadt Tharandt und die muss ihr Geld in wichtigere Dinge als in eine Ruine investieren. Gemacht wurde trotzdem viel, zuletzt 2014, als eine Wand des ehemaligen Wohngebäudes komplett saniert wurde. Nun stockt es.

Es gibt ein Sanierungskonzept. Demnach müssten auch die anderen Wände des ehemaligen Haupthauses erneuert werden. Anschließend will man den Innenhof aufgraben. Denn dort, wo heute die Besucher stehen, war früher nicht das Bodenniveau sondern die erste Etage. „Alle, die hier hochkommen, stehen auf einem riesigen Schuttberg. Wir wollen wissen, was darunter liegt“, sagt Schlegel. Die Ruine berge bestimmt noch viele Geheimnisse. Sie zu entdecken und die mittelalterlichen Gebäude gleichzeitig bewahren, sei für die Vereinsmitglieder und die Stadt eine gewaltige Herausforderung.