Teilen:
Freizeit und Genuss  

Die maskierte Diva

Starkes Ensemble, beeindruckende Solisten: Die neu inszenierte "Fledermaus" am Mittelsächsischen Theater in Döbeln hat Schmiss. © Foto: Jörg Metzner

„Die Fledermaus“ am Mittelsächsischen Theater ist attraktive Unterhaltung, ohne die Maske des schönen Scheins fallenzulassen.  

Sie ist beliebt, anspruchsvoll und hintersinnig. Strauss‘ Operette „Die Fledermaus“ hat die Eigenschaften einer Dame der Gesellschaft, wie sie Rosaline, eine ihrer Hauptfiguren, repräsentiert. Beliebt ist die Musik: Eingängige Melodien, große Walzer, raffinierte Ensembles, stimmungsvolle Chöre. Dabei ist Strauss, will man ihn gut spielen und singen, das Leichte, was schwer zu machen ist, ob für den schmelzenden Tenor, die perlige Koloratursopranistin oder die Grandezza jener Rosaline. Und schließlich birgt sie Hintersinn. Der lustige Streich von Eisenstein, der seinen Freund Falke einst blamierte, stieß diesen vermutlich in ein gesellschaftliches Loch. „Die Rache der Fledermaus“ führt Doppelmoral und falsches Spiel beim ellbogenharten Ringen ums große Geld vor. Hinter der Maske heiterer, champagnerbeschwingter Stimmung lauert beißende Gesellschaftskritik. Bei den Mittelsächsischen Theatern tritt das sehr in den Hintergrund. Dennoch ist die neue Inszenierung, die am Sonntag ihre zweite Aufführung in Döbeln erlebte und kommenden Samstag in Freiberg Premiere haben wird, empfehlenswert. Die Interpretation der beliebten Musik wird allen hohen Ansprüchen gerecht. 

Chefdirigent Raoul Grüneis geht bereits zur Ouvertüre schwungvoll und mit zügigen Tempi voran, die Mittelsächsische Philharmonie folgt ihm mit hoher Präzision und spürbarer Spiellaune. Auch das Sängerensemble inklusive Chor ist ganz auf der Höhe, präzise, mit stimmlicher Verve und schönem Klang. Und wenn es mal nicht ganz treffsicher klingt, kompensieren die Darsteller durch mitreißendes und überzeugendes Spiel die Schwachstellen. 

Ivan Alboresi inszenierte dieses Spiel in den Figurenbeziehungen klar und genau, auch wenn ihm die harten Fakten hinter der stimmungsvollen Oberfläche weniger wichtig sind. Er setzt dabei mit Erfolg auf die Wirkung der musikalischen Nummern, die er sinnvoll neu sortierte. Die Dialoge sind auf das notwendige Maß reduziert. Natürlich darf Frosch extemporieren. Auch Advokat Blind darf der Komödie geben, was sie braucht. Die Regie verzettelt sich nicht. Eckehard Reschat hat die Handlung mit feschen Kostümen in die Zwanzigerjahre geholt. Das funktioniert gut und ist schick, auch wenn manche Farbwahl gewöhnungsbedürftig ist. Sein Bühnenbild wird durch eine große Revuetreppe geprägt, die anfangs in Eisensteins Wohnzimmer hineinragt, in Orlofskys Palais Platz für malerische Arrangements bietet und, im unteren Bereich zur Rampe hin verschoben, dem Gefängnis im dritten Bild mehrere Spielebenen verschafft. 

Höhepunkt des Abends ist Leonora Weiß-del Rio, die als Rosalinde stimmlich glänzt und ihre eheliche Treue ebenso augenzwinkernd vor sich herträgt wie ihr Mann Gabriel seine Unwiderstehlichkeit. Michael Heim gibt den Gabriel lesartkonform als charmanten Schwerenöter mit mindestens ebenso schönen Tenortönen wie Frank Unger den Alfred. Mit blitzsauberen Koloraturen und sympathischer Direktheit überzeugt Lisa Schnejdar als Adele, die neben dem Publikum auch Gefängnisdirektor Frank, bodenständig von Sergio Raonic Lukovic gegeben, um den Finger wickelt. Dr. Falke, der Strippenzieher (Elias Han) und Orlofsky, der Mäzen (Dimitra Kalaitzi- Tilikidou) singen schön, bleiben dabei charmant, nett und so blasse Figuren. Reiz- und stimmungsvoll sind viele Ensembleszenen und Chöre, gut einstudiert und diszipliniert geführt. Großer Applaus im ausverkauften Döbelner Haus.