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Die Mondbäume von Colmnitz

Blaufichten, die vor dem elften Vollmond gefällt werden, sollen länger frisch bleiben. Das untersuchen Forscher der TU Dresden.

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Von Ines Mallek-Klein

Stephan Holfert schaut auf die Uhr. Erst wenn die Sonne untergegangen ist, darf er die Säge ansetzen. Es ist ein milder Montagabend in Colmnitz. Der Wind wiegt die Baumspitzen sanft hin und her. An einigen Bäumen flattert eine Banderole. Diese markierten Blaufichten wird Stephan Holfert gleich zu Fall bringen. Es sind besonders dicht gewachsene Exemplare. Ideale Weihnachtsbäume, schwärmt der Colmnitzer. Er schützt sich mit Handschuhen und Arbeitskleidung. Die blaugrünen Nadeln piksen extrem. Sie haben dem Baum auch den Namen Stechfichte eingebracht. Mit gleichmäßigen Zügen durchtrennt Stephan Holfert den ersten Stamm.

Kalenderfund auf Boden

Knapp zehn Jahre sind die Bäume alt, die Stephan Holfert auf der Privatwaldplantage anbaut und im Nebenerwerb verkauft. Besonders schön sind die Mondbäume. Sie werden am dritten Tag vor dem elften Vollmond geschnitten, so wie in dieser Montagnacht. Der Mondkalender von 1912, den Stephan Holfert auf dem Dachboden fand, verspricht, dass diese Bäume ihre Nadeln besonders lange behalten. Wissenschaftliche Beweise gibt es dafür nicht, zumindest noch nicht. Denn jetzt untersucht auch eine Forschergruppe der Technischen Universität Dresden, was an dem Phänomen dran ist. Holfert erklärt sich die Ausdauer der Bäume so: Bei zunehmendem Mond steigen die Nährstoffe weiter nach oben in dem Baum. Wird er dann gefällt, hat er ein entsprechendes Depot, das ihn versorgt und verhindert, dass die Nadeln ausfallen.

Stephan Holfert hat seinen Weihnachtsbaum am Montagabend gleich mit geschlagen. Die anderen werden verkauft. Sie sind zehn bis 20 Prozent teurer als ein normales Exemplar, halten aber auch länger, begründet der Colmnitzer. Er bedauert, dass der alte Brauch der Mondbäume dem Gewinnstreben der Forstwirte geopfert wurde. Zu DDR-Zeiten wurden die letzten Mondbäume im Tharandter Wald geschlagen. Sie bekamen einen eigenen Stempel. In diesem Jahr haben die Mondbäume ganz besonders große Chancen, sich mit ihrem immergrünen Kleid von den anderen Tannen und Fichten abzuheben. Der viel zu warme Herbst sorgt dafür, dass die Bäume noch immer Photosynthese betreiben, also Kohlendioxid in Sauerstoff umwandeln. Das macht sie anders als im vorigen Jahr, wo die Kälteperiode sehr früh einsetzte, anfälliger, ihre Nadeln zu verlieren.

Übrigens, der Mondkalender berät die Forstleute nicht nur beim Weihnachtsbaumschlagen. Wer sein Holz am 7., 25. oder 31. Januar schlägt, kann daraus problemlos Dachrinnen bauen. Es wird nicht faulen. Das Holz von Bäumen, die am 1. März nach Sonnenuntergang gefällt werden, brennt nicht. Es wurde in Kaminschloten verbaut.

Wer einen Mondbaum möchte, sollte ihn unter [email protected] reservieren. Ab 3. Dezember werden in Colmnitz, Am Bahnhof 2a, Bäume verkauft und zum Fällen angeboten.