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Die Olympia-Fackel in Radebeul

© Stadtarchiv Radebeul

Sieben Sportler von Radebeuler Vereinen trugen 1936 das Feuer. Die Nazis nutzten den Sport für ihre Propaganda.

Von Peter Redlich

Radebeul. Wenn die Eröffnungszeremonie für Olympia an diesem Sonnabend im brasilianischen Rio die Sportler der Welt begrüßt, erinnern sich auch alte Radebeuler an ein Olympia-Ereignis. SZ-Leser Hans-Günter Lippmann hat einen Zeitungsartikel aus dem Radebeuler Tageblatt ausfindig gemacht. Am 31. Juli 1936, am Vortag der Eröffnung der Olympiade in Berlin, wurde die Fackel mit dem olympischen Feuer durch die Stadt getragen. Das Besondere daran, vor dem Gasthof „Goldne Weintraube“, neben den heutigen Landesbühnen Sachsen, feierten die Nazi-Führer der Stadt eine regelrechte Zeremonie.

Eines der letzten Zeugnisse vom Radebeuler Fackellauf 1936. © Stadtarchiv Radebeul

Von einem olympischen Altar wird da berichtet, an welchem der dritte Läufer namens Hochmuth die Radebeuler Olympia-Flamme mit der Fackel entzündete. Der Läufer war Mitglied im Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen. Wahrscheinlich extra für diese Zeremonie ausgesucht.

Denn bei dem Festakt vor Hunderten Radebeulern, an dem mit Hakenkreuzflaggen behängten Rednerpult, hielt Ortsgruppenleiter Max Thiele eine stramme Rede auf Führer und Vaterland. Bezeichnend, dass in dem Radebeuler Tageblatt-Artikel mindestens ein Dutzend Mal vom Frieden die Rede ist. Die Berliner Propaganda-Maschinerie der Nationalsozialisten benutzte die olympischen Spiele bewusst, um der Welt Macht und Friedensabsicht einzureden. Ortsgruppenleiter Thiele sprach dann auch von einem „Zeichen der Völkerverständigung und des Friedens“, welches durch Radebeul getragen werde.

Das sollte ebenso den Bürgern in Radebeul so suggeriert werden. Viele glaubten daran. In den Stuben standen die sogenannten preiswerten Volksempfänger, im Volksmund Goebbels-Schnauze genannt, aus denen gespannt auf die Olympiaberichterstattung aus Berlin gehorcht wurde. Ganz Vermögende konnten sich gar eines der ersten Fernsehgeräte leisten, welches Manfred von Ardenne, der Dresdner Forscher, mitentwickelt hatte.

Radebeul war auch zur Nazizeit schon eine Stadt der Besserverdienenden, die es sich, oberhalb der Meißner Straße in einer Villa wohnend, leisten konnten, dem Dresdner Trubel auszuweichen. Der Architekt Martin Hammitzsch, der durch den Bau der Dresdner Yenidze bekannt wurde, ist in seinem Wohnsitz „Haus in der Sonne“ in der Oberlößnitz eines der Beispiele. Hammitzsch heiratete 1936 in zweiter Ehe Angela, verwitwete Raubal, geborene Hitler, die Halbschwester Adolf Hitlers. Nachweislich war einer der Obernazis, Luftwaffenchef Hermann Göring, mit seiner Frau hier zu Besuch. Inkognito soll es auch Hitler selbst anlässlich der Einweihung des Dresdner Autobahnabschnittes gewesen sein. Wofür es allerdings keinen schriftlichen Beleg gibt.

Fakt ist, Radebeul war empfänglich für die Auftritte der Nationalsozialisten. Oberbürgermeister Heinrich Severit, von 1935 bis 1945 an der Stadtspitze, galt als ein ganz überzeugter Parteigänger – schon 1922 trat er in die NSDAP ein.

Doch am 31. Juli 1936 sollte die Stadt eigentlich dem Sport gehören. In weißer Sportkleidung liefen sieben Sportler aus hiesigen Vereinen wie dem Radebeuler Ballspielclub RBC, dem Turnverein Radebeul, dem Turn- und Sportverein Wahnsdorf und der Turngemeinde Kötzschenbroda-West mit der Fackel auf der Meißner Straße. Die Werkskapelle des Medzinischen Betriebes Heyden, Feuerwehrorchester und jubelnde Menschen mit Tüchern begleiteten die Läufer.

Die Zeremonie des olympischen Feuers, so die Absicht der Sportfunktionäre im damaligen Nazi-Deutschland, sollte die Bevölkerung unter einem Gedanken zusammenbringen. Viele junge Männer, Sportler, zogen drei Jahre später in den Krieg und starben im Kugelhagel.

Zu den wenigen historischen Belegen an das Fackellaufereignis in Radebeul zählen nur noch die Seite aus dem Radebeuler Tageblatt und eine Fotografie vom Lauf auf der Meißner Straße. Beim RBC nachgefragt, kommt von dort die Antwort, das dazu nichts mehr existiert, was ja auch zu DDR-Zeiten nicht erwünscht war.