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Die Partei hat immer recht

Beim Stammtisch der Satirepartei „Die Partei“ ist es laut, lustig und liederlich. Hunde müssen nicht draußen bleiben.

© Norbert Millauer

Von Anna Hoben

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Eine Nacht lang abfeiern mit Kerstin Ott, Nicci Schubert und Oliver Frank.

Natürlich gibt es eine Tagesordnung, so viel Bürokratie muss sein. Punkt eins: Themen. Punkt zwei: Und so. Doch Themen wollen erst einmal gefunden werden. Ideenfindung also, die Vorschläge kommen wie aus der Pistole geschossen: Drogen! Lügenpresse! Charlie Hebdo! Pegida! Und natürlich nicht zuletzt: eine endgültige Entscheidung über den Kandidaten zur Dresdner Oberbürgermeisterwahl!

Ein Abend in der Woche, eine Kneipe im Neustädter Hechtviertel: Stammtisch der Satirepartei „Die Partei“. 15 Menschen sind gekommen, viele im Partei-Dress mit roter Krawatte, dazu ein schwarzer Mops namens Mogli. Die Menschen werden im Laufe des Abends mehr, der Hund bleibt allein, wird dafür aber ununterbrochen von drei Frauen gleichzeitig gestreichelt.

Wie diskutieren die Mitglieder der Partei? Wie entstehen Ideen wie die Anfang Dezember, als die Partei beim montäglichen Pegida-Spaziergang mit einem eigenen Transparent aufkreuzte, auf dem zu lesen war: „Heimat-Orientierte Marschieren Oeffentlich FÜR Sächsisch-Teutonisches ENgagement“? Weder den Pegida-Anhängern noch den Gegendemonstranten war zunächst aufgefallen, dass die großgeschriebenen Buchstaben das Wort „Homofürsten“ ergaben. Jüngster Streich der Spaßpartei: eine Einlassforderung zum Semperopernball am Freitag. „Gerne machen wir drinnen alles an Charity und Social Washing mit, was das Jubelprotokoll vorsieht und der Fassadenpflege Dresdens dient“, schrieb Kreisverbandsvize Michael Höfler an Ball-Chef Hans-Joachim Frey. Der ließ als Antwort lediglich über die Presse verlauten, er kenne die Partei nicht.

Wenn ein Reporter beobachten will, wie es beim Stammtisch der Partei so zugeht, kann er sich zunächst auf ein Schauspiel gefasst machen. Wicküler-Bierflaschen werden geöffnet, die Parteimitglieder sitzen im Stuhlkreis, jeder hat einen Zettel in der Hand, auf dem geschrieben steht, wer wann was zu sagen hat. „Wenn man das Protokoll danach schreiben will, erinnert sich meistens keiner mehr“, wird Michael Höfler später erklären, „es ist also von Vorteil, das vorher zu tun“. Das Schauspiel nach vorgefertigtem Drehbuch nimmt dem Stammtisch zwar ein Stück Authentizität. Andererseits könnte man es auch als recht gelungene Persiflage auf die Floskelhaftigkeit des Politikbetriebes verstehen, in dem ja auch meist jede Seite reflexhaft weiß, was zu sagen ist.

Außerdem haben die Parteimitglieder sich wirklich Mühe gegeben mit ihrem Skript. Erstes Thema, Drogen: Die Anwesenden springen auf und sortieren sich nach Pro und Contra. „Anders könnte ich eure Fressen nicht ertragen“, ruft einer von der Pro-Seite. „Aber was wird dann aus Deutschland?“, fragt einer von der Contra-Seite und dichtet: „Wir Sachsen, wir sind Spitze, auch ohne Joint und Spritze.“ Das zweite Thema, die „Lügenpresse“, wird in Anbetracht der Anwesenheit der Presse vertagt. Nächstes Thema also, Charlie Hebdo. Es kommt nun ein Ball zum Einsatz, er fliegt von Mitglied zu Mitglied, jeder, der ihn fängt, soll mal sagen, wo er war, als er von dem Attentat in Paris erfahren hat, und wie er sich dabei gefühlt hat.

So plätschert der Abend dahin, eine Mischung aus Kunstperformance, moderatem Gelage und Grundschul-Stuhlkreis. Wobei plätschern das falsche Wort ist. Eher ist es ein Donnern. Kreativität im Allgemeinen ist laut, das zeigt sich hier, ständig wird geklatscht und aufgesprungen und „Fürwahr!“ gerufen oder „Hurra!“. Ständig drehen sich etwa vier Leute gleichzeitig eine Zigarette. Neue Bierflaschen werden geholt. Satirische Kreativität im Speziellen ist außerdem eher männlich, auch das zeigt sich. Die Genossen schreien deutlich lauter und häufiger als die Genossinnen.

Pegida-Zeiten sind gute Zeiten für die Satire. „White Man’s Heil“, so heißt der nächste Tagesordnungspunkt. Kostprobe: „Die Ausländer nehmen mir die Parkplätze weg!“ – „Du hast doch gar kein Auto.“ – „Aber ich hätte eins, wären die nicht da.“ Einer wirbt um Verständnis für Pegida-Demonstranten: „Wir müssen auch an die Gefühle denken.“ Ein anderer widerspricht: „Gefühle haben Schweigepflicht.“

Und dann, tata, der Tagesordnungshöhepunkt: Welchen Kandidaten wird die Partei zur OB-Wahl unterstützen? Überraschung: den FDP-Mann Dirk Hilbert. Zustimmung von allen Seiten: „Bisschen sexy ist er ja schon!“ – „Ein Dach, stark wie ein Stier!“ – „Für eine Zukunft mit Zukunft!“ Von ihrer Unterstützung, sagt die Partei, dürfe Hilbert ruhig aus der Presse erfahren.

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