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„Die Radtour war ein gutes Training“

Die Siemens-Radler sind von München zurück in Görlitz. Zwei von ihnen berichten, warum es trotz Kälte gar nicht so schlimm war.

© nikolaischmidt.de

Von Ingo Kramer

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Görlitz. Als sämtliche Medien im ganzen Land noch schrieben, dass die Siemens-Mitarbeiter 550 Kilometer von Görlitz nach München mit dem Fahrrad fahren wollen, war Steffen Bachran längst einen Schritt weiter. „Für uns waren es schon immer 700 Kilometer“, sagt der 44-Jährige. Aber er klingt dabei nicht vorwurfsvoll: „Klar, die Autobahnstrecke sind 550 Kilometer.“ Und wer Autofahrer sei, der überlege nicht, dass Fahrradfahrer meist Landstraßen nutzen – und die Route dadurch länger wird.

Steffen Bachran (re.) bei der Ürreichung des Zukunftspapiers an Siemens-Chef Joe Kaeser.
Steffen Bachran (re.) bei der Ürreichung des Zukunftspapiers an Siemens-Chef Joe Kaeser. © privat

Am Ende waren es sogar 770 Kilometer und 9 000 Höhenmeter – und Bachran der Einzige, der die komplette Strecke mit dem Fahrrad zurückgelegt hat: „Wir sind noch zwei Umwege gefahren, um zwei Termine einbauen zu können.“ Aber ein paar Hundert Kilometer hin oder her, für ihn spielt das keine große Rolle: Er ist allein im vorigen Jahr 12000 Kilometer mit dem Rad gefahren. „Mein persönlicher Rekord“, sagt der großgewachsene Mann aus Schönau-Berzdorf. Im Durchschnitt fährt er im Jahr 10500 Kilometer, einen guten Teil davon als Rennradfahrer im Postsportverein, wo auch sein zehnjähriger Sohn schon aktiv ist. Steffen Bachran nimmt jährlich an etwa 20 Rennen teil. Im Juli will er erstmals bei den Deutschen Meisterschaften der Senioren starten. Das sind 135 Kilometer auf vertrautem Terrain: Die Meisterschaften finden beim Radrennen „Rund um die Landeskrone“ in Görlitz statt. „Da war die Radtour nach München ein gutes Training“, sagt er. Der Sport ist aber nicht die einzige Freizeitbeschäftigung des zweifachen Familienvaters: Auch Haus, Grundstück und Modelleisenbahn sind ihm wichtig.

Die Idee für die Fahrt nach München kam aber nicht von ihm. Als bekannt wurde, dass Siemens den Standort Görlitz schließen will, habe sich ziemlich fix ein Organisationsteam für Arbeitskampf-Aktivitäten gefunden, berichtet Bachrans Kollege Christoph Scholze. Ebenso schnell war klar, dass es besondere Aktionen braucht: „Der klassische Arbeitskampf mit roter Weste und Trillerpfeife beeindruckt Joe Kaeser nicht“, sagt der 38-Jährige. Stattdessen wollten die Görlitzer dem Siemens-Chef zeigen, was für ein Potenzial in ihnen steckt. „Wir sind bereit, die Extrameile zu gehen, auch für Siemens“, sagt Scholze.

Seine Kollegin Cornelia Gotzmann war es, die zunächst die Idee für einen Fackel- oder Staffellauf zur Siemens-Hauptversammlung in München hatte. „Das wäre vielleicht ein bisschen zu verrückt gewesen“, sagt Scholze. Aber der Grundgedanke stimmte: „Geografisch bedingt wird Görlitz schnell vergessen, einfach von der Landkarte gestrichen.“ So wurde aus dem Lauf eine Radtour: „Auf jeden Fall ist das für uns ein Alleinstellungsmerkmal.“

Dafür fand sich ein Organisationsteam aus Bachran, Scholze, Cornelia Gotzmann und Constanze Bennes. Die vier überlegten, wen sie ansprechen. Ein Rundschreiben im ganzen Werk war undenkbar. „Wir brauchten ein gewisses Geheimhaltungslevel“, sagt Scholze. Die Idee sollte nach außen nicht so schnell die Runde machen. Zu den zwölf Siemensianern, die ganzjährig Rad fahren, kamen noch zwei Dutzend andere hinzu, sodass letztlich 35 oder 36 Kollegen mitfuhren, einige für ein paar Stunden oder Tage, andere länger, aber nur Steffen Bachran die gesamten 770 Kilometer in fünf Tagen auf dem Sattel. Ansonsten waren es mal mehr und mal weniger Mitfahrer, im Schnitt sechs bis acht, auf dem allerletzten Stück von Dachau bis München sogar 18. Vier Görlitzer waren vom ersten bis zum letzten Tag dabei, neben Bachran auf dem Rad und Scholze im Begleitauto auch Constanze Bennes (38) und Manfred Pohlenz (57). Die beiden letztgenannten fuhren stets stundenweise Fahrrad.

Als die Planung im Dezember anlief, konnte niemand das Wetter abschätzen. „Letztlich hätte es viel schlimmer kommen können“, sagt Bachran. Es habe weder verschneite Straßen noch Glatteis gegeben: „Ein bisschen Schnee von oben spielt keine Rolle, solange die Straßen befahrbar sind.“ Das Härteste an der Tour sei der Abend der ersten Etappe gewesen: „Es war dunkel, dazu Nebel, Nieselregen – und wir hatten noch 50 Kilometer vor uns“, sagt Bachran. Am Abend standen 183 Kilometer auf dem Tacho – die längste Etappe der ganzen Tour. Dem 44-Jährigen war jetzt klar: Die nächsten Tage werden besser laufen, die Strecken sind kürzer. Noch einmal richtig hart wurde es, als die Truppe eines Tages bis Mittag in Erlangen sein wollte: Das waren 97Kilometer in vier Stunden bei Gegenwind, Niesel und mit Bergen: „Aber es war hell, da fühlten sich die Leute sicherer.“

Einen Sturz hat Steffen Bachran unverletzt überstanden, allerdings brach das Schaltauge, sodass er ab diesem Punkt mit einem anderen Rad fahren musste, das ihm eigentlich zwei Nummern zu klein war. „Sonst hatten wir keine Probleme, es ist zum Glück auch keiner krank geworden“, sagt Scholze. Wichtig sei, in den durchgeschwitzten Klamotten keine langen Pausen zu machen: „So lange man fährt, bleibt einem warm.“ Einen Physiotherapeuten hatten die Görlitzer nicht dabei. „Leider“, sagt Bachran, „ich hätte es mal nötig gehabt.“ Gerade die Oberschenkel hätten sich gefreut, der Rücken aber auch.

Arbeitskampf muss auch mal ein bisschen wehtun, sagt Scholze. Letztlich sei ja alles gut gegangen – und die erhoffte Medienresonanz war enorm: „Wir haben Sympathiebekundungen aus der ganzen Republik erhalten.“ Ihr Zukunftspapier konnten die Görlitzer in München an Joe Kaeser persönlich überreichen. Nach dieser Aktion sind jetzt erst einmal keine weiteren spektakulären Aktionen geplant. Die nächsten Schritte müsse der Betriebsrat mit dem Management gehen. Der konstruktive Dialog sei gefragt. „Ich hoffe, dass wir nicht noch einmal zu solchen Mitteln greifen müssen“, sagt Scholze. Wenn es aber doch dazu kommen sollte, hätten seine Leute und er noch ganz viel in petto. Letztlich gehe es um die Arbeitsplätze in Görlitz. Bachran würde die Aktion für dieses Ziel auch wiederholen, selbst im Winter: „Dafür fahre ich auch bis an die Algarve.“