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„Die Russen draußen und die Deutschen unten halten“

Der einstige Außenseiter Deutschland hat sich in der Nato zum größten Truppensteller entwickelt.

Von Dieter Ebeling, Brüssel

Als die Bundesrepublik Deutschland vor 50 Jahren der Nato beitrat, hatte sie noch gar keine Soldaten. Am 6. Mai 1955 wurde Westdeutschland Mitglied des Nordatlantischen Bündnisses. Die ersten 101 Freiwilligen der Bundeswehr bekamen jedoch erst am 12. November 1955 ihre Ernennungsurkunden ausgehändigt, dem 200. Geburtstag des preußischen Generals Gerhard von Scharnhost. Ein halbes Jahrhundert später ist das – nunmehr vereinigte – Deutschland aus der Nato nicht mehr wegzudenken. Und die Bundeswehr ist auch ohne Nato nicht vorstellbar.

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Als die Deutschen in die 1949 gegründete Nato aufgenommen wurden, war der Brite Lord Ismay Generalsekretär: Seiner Ansicht nach war Sinn und Zweck des Bündnis damals, „die Amerikaner drinnen (in Westeuropa), die Russen draußen und die Deutschen unten zu halten“. Doch rasch lernten auch die Gegner von einst die neuen deutschen Politiker und die deutsche Armee zu schätzen, vor allem deren Verteidigungsbeitrag mitten im Kalten Krieg.

„Nach 50 Jahren gehört die Nato fest zum Traditionsverständnis der Bundeswehr“, sagt ein deutscher Nato-General in Brüssel. „Es gibt ja heute kaum einen deutschen Uniformträger, der nicht irgendwann einmal schon in irgendeiner Weise in der Nato verwendet wurde.“ Freilich hat sich das Verhältnis der deutschen Militärs zum Bündnis gewandelt. Das jetzige Führungspersonal hat mit der einstigen Wehrmacht nichts mehr zu tun. „Aber für die Generation vor uns war es ein wichtiges Vehikel für das eigene Selbstverständnis, sich mit dem Bündnis zu identifizieren.“

Ein halbes Jahrhundert Deutschland in der Nato - das steht auch für dramatische Veränderungen innerhalb des Bündnisses. Bis zum Fall der Mauer 1989 war die Nato ein vorwiegend militärisches Bündnis, das ganz auf die Abschreckung setzte. Den Blick fest auf das nordhessische „Fulda Gap“ gerichtet, wo sowjetische Panzerkolonnen für den Fall eines bewaffneten Konflikts zwischen Ost und West erwartet wurden, gerüstet mit modernen Atomwaffen der USA, Frankreichs und Großbritanniens, konzentrierte man sich auf die Bedrohung jenseits des Eisernen Vorhangs.

Mittlerweile ist die Welt eine andere. Der Nato ist der Feind im Osten abhanden gekommen, mit dem weltweiten Terrorismus und der Sorge vor unberechenbaren „Schurkenstaaten“ sind neue Gefahren hinzu gekommen. Die Deutschen, die sich lange Zeit nicht außerhalb des Bündnisgebietes engagieren mochten, sind mittlerweile der größte Truppensteller bei Nato-Einsätzen „out of area“. Seit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Juli 1994 sind deutsche Soldaten vor allem, aber nicht nur auf dem Balkan und in Afghanistan tätig. Insgesamt 172 000 deutsche Soldaten waren und sind an 18 Operationen der Allianz beteiligt – von „Sharp Guard“ 1995 in Ex- Jugoslawien bis hin zu „Allied Harmony“ in Mazedonien.

Für die Deutschen war die Aufnahme in die Nato, wie es ein deutscher Diplomat formuliert, ein wichtiger Schritt bei der „Rückkehr in den Kreis der Kulturnationen“ nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Brüsseler Nato-Zentrale sind heute die deutschen Diplomaten und Offiziere anerkannt und geschätzt. Und im Bündnishauptquartier denkt niemand mehr daran, die Deutschen „unten“ zu halten. (dpa)