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Die verramschte Milch

Sie ist Grundnahrungsmittel und trotzdem kaum noch etwas wert. Wer macht den Milchpreis - und wer verdient daran?

© dpa/Franziska Gabbert

Die Kunden jubelten, die Milchbauern waren verzweifelt: 46 Cent kostete die Packung Vollmilch damals, im Mai 2016, beim Discounter - so wenig wie nie zuvor. Die Zeche zahlten die Landwirte: Sie bekamen nicht einmal mehr 20 Cent pro Liter. Heute kostet die billigste konventionelle Frischmilch 69 Cent. Die Milchbetriebe erhalten mit derzeit 31 Cent nicht mal die Hälfte davon. Wer bestimmt den Preis - und wo landet der Profit, wollte die Sächsische Zeitung von Juliane Bergmann vom Landesbauernverband Sachsen wissen.

Frau Bergmann, ein Liter Vollmilch kostet im Laden zwischen 69 Cent und 1,19 Euro. Ist die teure Milch besser?

Nein, es ist ja überall das Gleiche drin - auch wenn das keiner zugeben will. Die Tankwagen sammeln die konventionelle Milch aus den verschiedenen Betrieben ein. Ein Teil davon landet dann in der Discounter-Verpackung, ein anderer in einer Marke. Die Molkereien müssen nur Bio-Milch oder speziell ausgelobte Milch wie Heumilch oder gentechnikfreie Milch getrennt verarbeiten.

Was macht dann den Preisunterschied von fast 50 Cent zwischen einem Liter frischer Vollmilch von Aldi und einer Flasche Sachsenmilch aus?

Allein der Markenname. Der Handel will ein billiges Produkt im Sortiment, mit dem Kunden in den Laden gelockt werden. Und die Molkerei entwickelt, weil sie ja auch etwas verdienen will, ein teureres Markenprodukt, das beworben wird. Diese Marketingkosten müssen ja wieder reinkommen.

Verdient wenigstens der Milchbauer mehr, wenn ich zur "Sachsenmilch" statt zur No-Name-Milch greife?

Nein. Der sächsische Landwirt verkauft die Milch aus seinem Betrieb ja zu einem fixen Preis an die Molkerei. Ob diese die Milch in ein Discounterprodukt oder in eine Flasche "Sachsenmilch" abfüllt, ist egal.

Wenn der Liter 69 Cent bis 1,19 Euro kostet und der Landwirt 31 Cent erhält - wer verdient dann an der Milch?

Jedenfalls nicht der Landwirt. Eher die Molkereien, der Vertrieb und der Einzelhandel. Selbst als der Milchpreis ins Bodenlose fiel, haben sich deren Gewinnspannen nicht verschlechtert. Im Gegenteil. Das zeigen Berechnungen des Kieler Instituts für Ernährungswirtschaft für 2013 und 2015. Demnach blieb die Molkereimarge fast gleich, obwohl der Verbraucherpreis im Laden von 65 auf 55 Cent pro Liter und der Erzeugerpreis für den Bauern von 36 auf 23 Cent fielen. Der Handel erhöhte seine Marge sogar um knappe 50 Prozent!

Warum ist das so?

Weil die Landwirte in der Wertschöpfungskette das schwächste Glied bilden. Sie erzeugen ein schnell verderbliches Lebensmittel - sie können Milch ja nicht einfach lagern und abwarten, bis der Preis wieder ansteigt. Daher sind sie in einer schwachen Verhandlungsposition.

Und wer bestimmt den 31 Cent-Preis?

Der Lebensmitteleinzelhandel und die Molkereien. Zwar schließen auch Landwirt und Molkerei einen Liefervertrag ab. Darin steht, dass der Milchbauer alle Milch aus seinem Betrieb an die Molkerei liefern muss; im Gegenzug verpflichtet sich diese, ihm die gesamte Milch abzunehmen. Aber ein konkreter Preis steht in diesem Vertrag meist nicht. Denn den verhandelt die Molkerei separat mit den Einzelhandelskonzernen. Das läuft so ab: alle sechs Monate - meist im Frühjahr und Herbst - schreiben Aldi, Rewe & Co. eine bestimmte Menge Milch EU-weit aus. Molkereien geben daraufhin ihr Angebot ab. Danach wird verhandelt. Bekommt die Molkerei den Zuschlag, berechnet sie aus der Verwertung ihrer Produkte den Preis, den sie dem Landwirt bezahlt. Wie hoch dieser Preis ist, erfährt der Milchbauer oft erst einen Monat später. Sprich: Er weiß nie, wie viel er mit der aktuell abgelieferten Milch verdient. Er hat null Planungssicherheit.

In Deutschland teilen sich vier Ketten 85 Prozent des Lebensmittelhandels: Edeka, Rewe mit Penny, Aldi sowie die Schwarz-Gruppe mit Lidl und Kaufland. Spielt das beim Milchpreis eine Rolle?

Ja, natürlich. Die Handelsketten können den Preis diktieren und die Molkereien unter Druck setzen: Wenn du nicht mitmachst, kaufe ich die Milch woanders ein. Dadurch hat auch eine Molkerei keine große Wahl. Sie muss ihre Produkte absetzen.

Die Klage, Molkereien seien vom Handel abhängig, sei eine billige Ausrede, sagt der Bundesverband Deutscher Milchviehhalter. Die Molkereien müssten einfach aufhören, sich bei den Ausschreibungen des Handels gegenseitig zu unterbieten. Sehen Sie das auch so?

Die Molkereien unterbieten sich gegenseitig, weil der Handel sie in die Ecke drängt. Der Landwirt zahlt den Preis für den Preis. Die Molkereien sollten sich, genau wie Landwirte, im Rahmen des Kartellrechtes zusammenschließen. Das würde ihre Verhandlungsposition stärken.

Kritiker sagen, Molkereien haben gegenüber dem Handel so wenig Spielraum, weil die Milchbauern schlichtweg zu viel Milch produzieren.

Preise und Mengen werden heute auf dem Weltmarkt bestimmt, da sowohl der Lebensmitteleinzelhandel als auch die Molkereien international agieren. Deshalb kann man nicht einfach sagen, dass allein die deutschen Bauern zu viel Milch produzieren. Derzeit steigern vor allem Länder in Asien, etwa Indien, ihre Milchproduktion. Wenn also zu viel Milch auf dem Markt ist, hat eine Absenkung der Milchanlieferung allein in Deutschland keinen Effekt.

Was wäre ein fairer Preis für Bauern?

Ein Erzeugerpreis, der zumindest die Produktionskosten deckt, also zwischen 35 und 40 Cent pro Liter. Wenn dann noch ein oder zwei Cent dazu kommen, ist das auch okay. Dann hätte der Milchbauer einen kleinen Gewinn. Den hat er heute nicht.

Was verhindert einen fairen Preis?

Zum einen möchte jeder Handelskonzern seine Milch so günstig wie möglich einkaufen, um sie günstig weiterzuverkaufen. Das sichert ihm Marktanteile, die Masse der Kunden schaut nun mal auf den Preis. Auch die Molkereien versuchen, den Preisvorstellungen des Handels gerecht zu werden, um sich am Markt zu etablieren. Da ist der Erzeugerpreis die größte Stellschraube.

Wie können Milchwirte so überleben?

Sie bauen etwa Weizen und Raps an oder liefern Biogas. Damit subventionieren sie die Milchproduktion.

Bio-Bauern bekommen seit fünf Jahren einen relativ stabilen Preis für ihre Milch, derzeit 47 Cent, obwohl sie seit Januar dreißig Prozent mehr produziert haben. Schielen konventionelle Bauern da nicht neidisch auf die Öko-Kollegen?

Das kann schon sein. Doch Öko-Bauern haben durch teurere Futtermittel und größeren Platzbedarf auch höhere Kosten - und das bei einem geringeren Milchertrag. Hinzu kommt: Würden alle Landwirte auf Bio umstellen, hätten wir auch bei Bio einen Angebotsmarkt. Dann gäbe es auch keine 47 Cent mehr. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage gilt auch für die Öko-Branche.

Sind Verbraucher bereit, im Supermarkt mehr für die Milch zu bezahlen?

Ich glaube schon. Milch muss erschwinglich sein. Das Kaufverhalten ändert sich aber bei größeren Preisschwankungen kaum. Insofern verkauft der Handel nicht weniger Milch, wenn sie 80 Cent oder gar einen Euro kosten würde. Außerdem: Wer sagt denn, dass ein höherer Erzeugerpreis einen höheren Milchpreis im Laden nach sich zieht? Angesichts ihrer Gewinnspanne müssen Handelskonzerne den Mehrpreis, den sie der Molkerei zahlen und den diese an den Landwirt weitergeben könnte, nicht auf den Verbraucher umlegen!

Juliane Bergmann ist Referentin für Tierische Erzeugung beim Sächsischen Landesbauernverband. Sie hat Agrarwirtschaft studiert.