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Die Zählmeister

Ohne sie wäre eine Bundestagswahl unmöglich: Die SZ hat Wahlhelfer in Zeithain besucht.

© Sebastian Schultz

Von Christoph Scharf

Riesa. Punkt 18 Uhr kommt der Moment der Wahrheit: Einigermaßen aufgeregt kippen Waltraud und Michael Ahner die hüfthohe graue Wahlurne auf das Karree aus zusammengestellten Tischen. Gerade war das Siegel auf dem Deckel mit dem Schlitz gelöst worden, jetzt rutschen Hunderte zusammengefaltete Wahlscheine heraus. Auf einen Schlag verstummen in der Mehrzweckhalle Röderau die Gespräche. Ab jetzt ist nur noch Papierrascheln zu hören, während neun Wahlhelfer sich ans Auffalten, Sichten und Sortieren machen.

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Das war eine Stunde zuvor noch ganz anders. „Na, heute nicht im Garten?“, begrüßt ein Wähler den Mann an der Urne. Michael Ahner, korrekt mit Anzug und Krawatte, grüßt lächelnd zurück. „Nicht bei dem Wetter.“ Dass es draußen grau und diesig ist, stört die Wahlhelfer nicht: Sie verbringen den größten Teil des Sonntags ohnehin im Trockenen. Seit 12.30 Uhr ist die „zweite Schicht“ im Einsatz – drei Männer, zwei Frauen. Erzieher sind darunter, ein Mitarbeiter der Verwaltung, jemand vom Bau, ein Kirchenangestellter. Ohne große Pause strömen die Wähler herein. Man grüßt sich freundlich – und wünscht sich zum Abschied einen schönen Sonntag. „Hier in Röderau kennt man sich“, sagt Michael Ahner, der mal Bauamtsleiter in Zeithain war und heute bei der Evangelischen Landeskirche in Dresden arbeitet.

Weil man sich kennt – vom Sportverein, aus der Kirche, aus der Nachbarschaft – müssen auch nicht alle Wähler den Ausweis zeigen. Aufwendig genug bleibt das vorgeschriebene Prozedere ohnehin: Eine junge Frau reicht die Wahlbenachrichtigungskarte über den Tisch rechts des Eingangs, hinter dem ein Mann und eine Frau sitzen. Mit dem Zeigefinger fährt der Mann über die Seiten des Wählerverzeichnisses. Dann ruft er eine dreistellige Zahl zu den beiden Kollegen hinter dem Tisch gegenüber, auf der linken Seite des Eingangs. Nun wird auf beiden Seiten ein Kontrollhäkchen in der Liste gemacht. Sicher ist sicher. Gleichzeitig gibt eine Frau den zusammengefalteten Wahlschein an die Wählerin – und fügt einer endlosen Strichliste noch einen weiteren Strich hinzu.

„So wissen wir immer genau, wie viel Wahlscheine wir ausgegeben haben“, sagt Michael Ahner, der selbst hinter der grauen Urne wacht. Jetzt – kurz nach 17 Uhr – sind auf der Strichliste schon mehr als 1 000 Striche zusammengekommen. „Das ist ein richtig toller Wert“, sagt der 60-Jährige. 1 600 Wähler stehen in den Listen des Wahllokals, 300 davon haben sich schon zuvor Briefwahlunterlagen zuschicken lassen. Das entspricht einer Wahlbeteiligung von gut 80 Prozent – obwohl noch eine Stunde lang gewählt werden darf.

Mittlerweile ist die Wählerin hinter einer der sieben Wahlkabinen aus aufgestellten grauen Trennwänden verschwunden. Wenig später kommt sie zurück, während schon die nächsten die Mehrzweckhalle betreten. Michael Ahner nimmt ganz kurz das laminierte A-4-Blatt weg, mit dem er sonst den Schlitz in der Wahlurne sichert. Die Frau steckt das zusammengefaltete Papier hinein, bedankt sich, wünscht einen schönen Sonntag und geht.

So geht das jetzt im Minutentakt. Immerhin: Eine Warteschlange, wie einmal am Vormittag und dann noch mal halb drei, bildet sich nicht mehr. Doch erst gegen 17.35 Uhr tritt eine größere Pause ein. Da sind gerade die vier Wahlhelfer der „Frühschicht“ eingetroffen, die ab frühmorgens das Wahlbüro besetzt hatten. Nun – kurz vor der Auszählung – sind die neun Wahlhelfer vollzählig. Michael Ahner nutzt die Gelegenheit, hinter einer aufgestellten Trennwand ein belegtes Brötchen zu essen: Die Gemeinde hat für ihre Helfer in den insgesamt drei Wahllokalen gesorgt: Mittags kam eine Essenslieferung mit Schnitzel, Mischgemüse und Kartoffeln, Käsebrötchen stehen bereit, kalte Getränke und eine Kaffeemaschine.

Jetzt allerdings droht der Kaffee, kalt zu werden: Die große rote Leuchtuhr an der Stirnwand der Mehrzweckhalle zeigt 17.55 Uhr an. Als letzte Wählerin des Tages betritt eine Mittdreißigern das Wahllokal. Als sie gegangen ist, steigt merklich die Spannung. Immer wieder schauen die Helfer hoch zur Leuchtuhr und vergleichen die Uhrzeit mit Armbanduhren und Smartphones. „Ich bin schon ganz aufgeregt“, gesteht Michael Ahner.

Dann ist es so weit: Die Wahlbenachrichtigungskarten werden bündelweise in Umschlägen verpackt, die Tische zusammengeschoben, die Urne ausgekippt: Das große Zählen beginnt.