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Das Inferno im Hochwald

Im März 1945 stürzte ein US-Bomber in den Hochwald bei Schmiedeberg. Einer der letzten Zeitzeugen erinnert sich.

Herbert Liebscher mit dem Typenbuch alliierter Flugzeuge, das er seit der Kriegszeit bis heute aufbewahrt hat.
Herbert Liebscher mit dem Typenbuch alliierter Flugzeuge, das er seit der Kriegszeit bis heute aufbewahrt hat. © Matthias Schildbach

Von Matthias Schildbach

Es war Donnerstag, der 21. März 1945. Herbert Liebscher erinnert sich genau. Die Bäckerei des Vaters Kurt war zu, der Vater im Krieg. Das Brot wurde für den Ort aus Schmiedeberg geliefert. Die Mutter half im Kolonialwarenladen des Großvaters aus. Hier hielt sich der damals zehnjährige Herbert Liebscher mit seinem älteren Bruder auf. „Der Opa“, ihn erwähnt Herbert Liebscher immer wieder. Er hat ihn sein Leben lang positiv beeinflusst. Mit sechzig Jahren hatte der genug Lebenserfahrung, um abschätzen zu können, was die nächsten Wochen bringen würden.

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Die Kinder spielten vormittags am Haus des Großvaters, heute ist es die Dönschtner Talstraße 15. Der Opa war beschäftigt im Hof. Plötzlich brummte und dröhnte es im Himmel über ihnen, das knatternde Geräusch von Maschinengewehrschüssen war zu hören. Es kam von oben, aus dem wolkenverhangenen Himmel. Gerade scheuchte der Opa die Jungens ins Haus, als wenige Meter neben ihnen pfeifend eine schwere Geschosshülse in den Hof fiel. Herbert Liebscher weiß heute noch, wie golden das Messing glänzte. „Stürzt ab!“, hörten sie den Großvater rufen. Dann donnerte es oben im Hochwald, ein Knall – und Ruhe kehrte ein.

Herbert Liebscher und sein Bruder kamen in den Hof gerannt, betrachteten die Geschosshülse und über ihnen im Himmel sahen sie Fallschirme zu Boden schweben. Sie trieben nach Osten Richtung Johnsbach ab. Mindestens drei müssen es gewesen sein, erinnert er sich. Heute ist Herbert Liebscher 86 Jahre alt. Er ist rüstig, sein Gedächtnis funktioniert hervorragend. Er erzählt, was seine Augen als Zehnjähriger wahrgenommen haben und man merkt, wie ihn dieses kurze Erlebnis des Krieges noch heute beschäftigt. Je näher sie der Absturzstelle kamen, umso mehr hörten sie das Knallen explodierender Bordmunition, rochen und sahen den Rauch von Feuer.

Ein schauriger Anblick

Nach dreißig Minuten Fußmarsch nach Norden, quer durch die Wälder des Hochwaldes, sahen sie die Überreste des mächtigen US-Bombers: Das Heck war abgerissen. Die Tragflächen außen gekappt, nur die Stümpfe am Rumpf waren noch zu sehen. Sie waren nach hinten weggeknickt. Die übermannshohen Motoren aus den Tragflächen gerissen. Der Bomber hatte beim Absturz von Osten her eine mächtige Schneise in den Hochwald rasiert, wie ein Messer durch weiche Butter. Der Rumpf hatte den Waldboden tief aufgewühlt. Hier und da brannte es noch leicht. In einem Baum hing ein geöffneter Fallschirm. Im hinteren Teil des Rumpfes lagen zwei schwarze, verkohlte Leichen. „Ich war erstaunt, wie klein sie waren, durch das Feuer zusammengeschrumpft“, erinnert sich Herbert Liebscher. Für ihn war es der erste Anblick von Leichen in seinem Leben. Daneben lag eine völlig unversehrte Leiche. Es sei der Pilot gewesen, wie man sagte. Sein Gesicht war mit einem Tuch abgedeckt. „Und das war auch gut so“, sagt Liebscher, „ich weiß nicht, ob wir Kinder diesen Anblick verkraftet hätten.“ Sie bestaunten die mit Fell gefütterte Kleidung und die dicken Schnürschuhe.

Originalaufnahmen des völlig zerstörten Bomberwracks im Hochwald.
Originalaufnahmen des völlig zerstörten Bomberwracks im Hochwald. © Matthias Schildbach

Mit seinem Typenerkennungsheft, das Herbert Liebscher damals schon hatte, identifizierte er das Wrack als eine amerikanische B-17 Flying Fortress, eine „fliegende Festung“. Das Heft hält er heute noch in allen Ehren. Und die Überlebenden, die an Fallschirmen abgesprungen waren? Deutsches Militär, das in Falkenhain stationiert war, hätte sie gefangen genommen, so wurde erzählt. Genauso, dass es dieser Bomber auf die Gießerei in Schmiedeberg abgesehen hätte. Da wurden Panzerräder hergestellt. Doch diese Erklärung kam ihm schon immer seltsam vor.

Die Archive der US Army Air Force geben heute Antworten: Die B-17 war am Morgen des 21. März in Suffolk, etwa 100 Kilometer nordöstlich von London, gestartet. Das Ziel: die VOMAG-Panzerwerke im sächsischen Plauen. Als sich der Bomberstrom von Südwesten seinem Ziel näherte, wurde er im Raum Hof von deutschen Düsenjets vom Typ Me262 attackiert. Der Bomber des Piloten Lieutenant William Audette wurde getroffen, aus der Heckflosse war der Vertikalstabilisierer herausgeschossen worden. Heckschütze, Rumpfschütze und Funker waren sofort tot. Noch flugtüchtig, aber ohne Hoffnung, den Weg zurück nach England schaffen zu können, beschlossen Pilot und Copilot, nach Osten zu fliegen. Mit etwas Glück hätten sie die sowjetischen Linien erreichen und dort notlanden können. Doch sie wurden aufgespürt. Ein deutsches Jagdflugzeug, ein „einsamer Wolf“, versetzte dem Bomber den Todesstoß. Hier im Osterzgebirge, über dem Hochwald.

Begraben, beräumt und vergessen

Von der zehnköpfigen Besatzung überlebten vier. Sie hatten keine Ahnung, wo sie waren. Noch Jahre nach dem Krieg waren sie im Glauben, in der Gegend bei Riesa abgestürzt zu sein. So gaben sie es auch nach ihrer Rückkehr zu Protokoll. Dass sie überlebt hatten, verdankten sie den beiden umgekommenen 23-jährigen Piloten, die im Cockpit alles dafür taten, ihre verbliebene Besatzung zu retten. Das Wrack wurde nach und nach ausgeschlachtet. Die Einheimischen gingen mit Blechscheren in den Hochwald, holten sich Aluminiumplanken, Reifengummi, Verkabelungen. Schon nach wenigen Jahren war nichts mehr da. Die Toten wurden in einem Waldgrab bestattet, das ein hölzernes Kreuz schmückte. Daran erinnert sich Herbert Liebscher noch gut. Aber es hat nicht lange existiert. 1947 exhumierte ein amerikanisches Bergungsteam die Leichen und überführte sie nach Neupre in Belgien. Dort befindet sich auf dem Amerikanischen Soldatenfriedhof noch heute ihr Grab.

Von dem Bomber blieb nicht viel übrig.
Von dem Bomber blieb nicht viel übrig. © Matthias Schildbach

„Wir haben als Kinder an die Parolen geglaubt, der Krieg musste gewonnen werden“, sagt Herbert Liebscher. Der Opa, der hatte schon lange vor Kriegsende begriffen, dass „der ganze Mist“ zu Ende gehen würde. In Dönschten hat der Krieg viele von denen verschlungen, die Herbert Liebscher aus der Schule und dem Ort kannte.

Als er älter wurde, hat er sich den DDR-Kampfgruppen verweigert. Weil er nicht verstand, dass Deutsche auf Deutsche schießen sollen. Er trat keiner politischen Organisation bei. Das hat ihm manchen Nachteil bereitet. Seine Einstellung vertritt er bis heute: Der Frieden soll bewahrt werden. Dafür sei er viel zu kostbar. Das wünscht er sich auch für die Zukunft, als einer der letzten Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges im Osterzgebirge.

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