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Dobry den, Frau Doktor!

Seit einem Jahr arbeitet die Tschechin Zdenka Prochazkova in einer Pirnaer Hausarztpraxis. Damit ist sie eine Ausnahme.

© Katja Frohberg

Von Ulrike Keller

Die gesunde Drittelstunde

Impfen lassen? Neue Therapien? Was zahlen Kassen? Fragen rund um das Thema Gesundheit: hier gibt es Antworten. Redakteur Jens Fritzsche im Gespräch mit Experten.

Blumen und Pralinen, dieses Duo netter Gesten pflegt Bernd Liebscher zu jedem Termin, den er bei seiner Hausärztin in Pirna bestellt ist. Und auch das „Dobry den“ zur Begrüßung. „Wenn jemand Sie so anspricht, ist doch die Heimat da“, sagt der 73-jährige Rentner aus Graupa zur Frau Doktor. Zdenka Prochazkova lächelt ihrem charmanten Patienten zu und bestätigt schmunzelnd: „Da haben Sie recht.“

Im Februar wird es ein Jahr, dass die 34-jährige Pragerin mit dem tschechischen Akademikergrad eines Doktors der Medizin (MUDr.) in der allgemeinmedizinischen Praxis von Christine Kosch arbeitet. Sie ist angestellte hausärztliche Internistin und damit eine große Ausnahme. In Pirnaer Hausarztpraxen gibt es aktuell weniger als eine Handvoll Ärzte ausländischer Herkunft. Im Gegensatz zur Zahl in den Kliniken. Einem Bericht des Ärzteblatts Sachsen zufolge waren Ende 2013 im Freistaat 1 521 internationale Mediziner in Krankenhäusern und nur 296 in Praxen tätig.

Von den Patienten fühlte sich Zdenka Prochazkova von Anfang an gut angenommen. Nur in Einzelfällen spürte sie eine gewisse Distanz, vielleicht auch aufgrund ihrer Herkunft. Ausgesprochen hat es niemand. „Mit einer neuen Ärztin ist man immer erst einmal unzufrieden“, weiß sie. „Es braucht für gewöhnlich drei Kontakte, um gegenseitiges Vertrauen zu finden.“

Allerdings wusste sie viele Monate gar nicht, dass sie die wohl härteste Nuss in Gestalt ihrer Chefin geknackt hatte. Christine Kosch ist zwar stets offen für Neues. So stellt sie zurzeit etwa auch die vorübergehend ungeklärt gewesene Betreuung der Patienten im Altenpflegeheim Bad Gottleuba sicher. Doch sie gesteht: „Ich habe immer den Vorbehalt gepflegt, dass man in einer Praxis nur Muttersprachler beschäftigen kann.“ Eine Schlussfolgerung, die die Hausärztin über die Jahre aus der oft schwierigen Kommunikation mit ausländischen Krankenhausärzten gezogen hatte. Zum Vorstellungsgespräch lud sie die tschechische Bewerberin ein, um „wenigstens mal zu gucken“. Ein Glücksfall. Denn sofort war dem ganzen Team klar: „Sie ist es, sie würde gut zu uns passen.“

Zdenka Prochazkova wiederum hatte sich schon in Freitaler und Dresdner Praxen vorgestellt und für ein Angebot so gut wie zugesagt. Aber in Pirna erlebte sie ein bestens weitergebildetes Praxisteam mit eigens geschulten Diabetesberaterinnen, kurzum eine „Profi-Praxis“. Dazu kommt: Schon in Prag hatte sie sich in Richtung Diabetologie spezialisiert und ihre Doktorarbeit in diesem Bereich geschrieben.

Doch als sie und ihr Mann – er ist Kinderarzt – den Abschluss der Prager Uniklinik in der Tasche hatten und als Ärzte bereits fest eingeplant waren, schien ihnen das restliche Leben doch schon zu festgelegt. Sie fühlten sich jung und wollten zumindest noch mal ein bis zwei Jahre über den Tellerrand schauen. Natürlich lockte auch der etwa dreimal höhere Verdienst. „Aber der Plan war nicht: Wir bleiben da“, betont sie. 2009 kam das Paar nach Deutschland. Sie arbeitete in den Krankenhäusern Weißwasser und Görlitz. Bis ihr Mann eine Stelle in der Dresdner Uniklinik bekam. Darum suchte auch sie in der Nähe eine passende Aufgabe für sich.

Bei den Patienten ist sie längst überaus beliebt. Bernd Liebscher aus Graupa schwärmt: „Sie berät mich gut und erklärt alles sehr verständlich.“ Dabei musste die attraktive Tschechin in den ersten Monaten einige Erwartungen enttäuschen. „Manche hatten die Hoffnung, dass ich auch ein paar Altweiber-Tricks aus böhmischen Dörfern kenne“, erzählt sie.

Zdenka Prochazkova hält nicht nur ihren Arbeitsplatz für den bisher schönsten. Sie schätzt auch, dass ihre Heimat quasi um die Ecke liegt. Ein fester Plan für den Herbst ist bereits, dass das Praxisteam nach Prag reist. Ein ganzes Wochenende will sie den Kollegen ihre Stadt zeigen.

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