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27 Jahre im Dienst für die Armen

Seit 1993 ist Anne Katrin Koch im Netz-Werk Mittweida engagiert. Pro Jahr hilft sie knapp 1.000 Menschen.

Anne Katrin Koch ist die Geschäftsführerin des Netz-Werk Mittweida, zu dem auch die Tafel in Döbeln gehört. Für ihr Engagement bekam sie die Annen-Medaille.
Anne Katrin Koch ist die Geschäftsführerin des Netz-Werk Mittweida, zu dem auch die Tafel in Döbeln gehört. Für ihr Engagement bekam sie die Annen-Medaille. © Christian Essler

Region Döbeln. Da ist sie wieder, die Erinnerung an jene alleinstehende Frau, die vor einigen Jahren vor ihr Stand. So schüchtern sei sie gewesen, dass sie ihr nicht einmal habe in die Augen sehen können. Aufgrund von schweren psychischen Problemen hatte sich die Frau zurückgezogen, war nur eingeschränkt fähig zu arbeiten. Anne Katrin Koch hat sich ihrer angenommen. Und sie auf den Weg zurück ins Leben begleitet.

„Jetzt lebt sie in einer festen Partnerschaft und ist auf dem ersten Arbeitsmarkt integriert“, berichtet Koch. Das Schicksal der Frau ist nur eines von vielen, von dem Koch und ihr Team vom Netz-Werk Mittweida berichten können. 

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Pro Jahr, sagt Koch, seien es etwa 1.000 Menschen, die eines der vielfältigen Angebote des Netz-Werk in Anspruch nehmen. Sei es ein Job in einem der Gebrauchtwarenhäuser, bei den Beräumern, der Textilmanufaktur. Aber auch als Kunde der Tafeln oder als jemand, der sich Hilfe in den Beratungsstellen holt. Im Schnitt gehören inzwischen fast 250 Beschäftigte zu dem Mittweidaer Unternehmen, das im ganzen Kreis aktiv ist. Dessen Anfänge liegen im Jahr 1993.

Nach ihrem Wirtschaftsingenieur-Studium an der Technischen Hochschule Karl-Marx-Stadt, das Koch 1982 begann, hatte sie im September 1986 zunächst als wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Betriebsdirektor in der VEB Wäschefabrik in Mittweida gearbeitet. Als sie 1986 aus der Babypause zurückkam, schrieb sie für die Betriebszeitung. Doch schon kurz nach der Wende zeichnete sich ein Ende der Textilbetriebe in Mittweida ab. 

Wanderwege für die Talsperre

„Wir wurden von den Unternehmen beauftragt, ABM-Projekte zu generieren“, erzählt Koch, die seit gut 20 Jahren in Crossen bei Erlau lebt. Denen, die plötzlich ohne Job dastanden, sollte wieder eine Perspektive gegeben werden.Sie selbst rutschte dabei in eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme (ABM), über die sie ABM-Stellen für andere organisierte.

Zwei Jahre lang führte sie diese Aufgabe aus. „Wir haben in der Zeit viel über die Betriebe hinaus mit den Bürgermeistern initiiert und für die Region getan“, sagt Koch. So seien Kräfte rund um die Talsperre Kriebstein im Einsatz gewesen, um dort Wanderwege wieder herzurichten.

Doch nach zwei Jahren lief ihre ABM-Maßnahme aus. Was sollte mit dem Wissen und den Erfahrungen werden, die Koch und ihr Team in der Zeit gesammelt hatten? Aufgeben und etwas anderem widmen? Das kam für Koch nicht in Frage. So fiel der Entschluss, zunächst den Verein Netz-Werk zu gründen. Dessen Geburtsstunde war der 6. Januar 1993. 

Am Aufbau halfen auch Professoren und Dozenten der Hochschule Mittweida mit. „Die Vertreter kamen aus den alten Bundesländern und hatten in Sachen Vereinsgründung mehr Erfahrung“, erklärt Koch. Auch Vertreter der Stadtverwaltungen sowie der Altkreise Mittweida, Hainichen und Rochlitz waren am Aufbau des Vereins beteiligt.

„Das Netz-Werk ist wie mein Baby“

Dann ging Koch erst einmal weg, suchte ihr Glück in der Wirtschaft. „Ich hatte ja ein kleines Kind, musste auch Geld verdienen“, begründet die 57-Jährige. Dem Verein blieb sie trotzdem treu, als ehrenamtliche Vorsitzende des Vorstands. 1996 schließlich kehrte sie zurück. Der Job in der Wirtschaft ließ zu wenig Zeit und Raum für die Familie. Und der Verein brauchte eine hauptamtliche Geschäftsführung. Anne Katrin Koch übernahm diesen Job und führt ihn bis heute mit Leidenschaft aus. 

„Das geht nur mit Herzblut. Das Netz-Werk ist wie mein Baby. Ich kenne so viele Menschen, die ich schon lange begleite.“ Inzwischen sei sie das Urgestein im Verein. „Die Kollegen, die das Netz-Werk mit gegründet haben, befinden sich alle schon im Ruhestand.“

Aber nicht immer sei es in den vergangenen Jahren leicht gewesen. Vor allem 2005, als zahlreiche Gesetzesänderungen vollzogen wurden, Harz-IV eingeführt und das Arbeitsamt in Arbeitsagentur und Jobcenter geteilt wurde, sei eine schwere Zeit gewesen. „Zeitweise hat man sich gefühlt, als würde man gegen Windmühlen anlaufen“, schildert die Mutter zweier erwachsener Kinder. 

Auf der einen Seite habe sie die Notwendigkeit gesehen, den Menschen zu helfen, auf der anderen Seite gebe es bei der Verwaltung mitunter nur Hilflosigkeit und Bürokratie. Doch gerade in jener Zeit habe sie oft mit den Kollegen zusammengesessen und sich Mut zugesprochen. „Wir haben immer irgendwie weitergemacht“, sagt sie.

Weniger Bürokratie, mehr Nachhaltigkeit

Die Bürokratie ist auch heute noch ein Punkt, der sie manchmal zum Verzweifeln bringt. Und trotzdem gehe sie jeden Tag gern auf Arbeit. Und zu sehen, wie Menschen, denen einst keine Chance gegeben wurde, wieder Fuß fassen, wenn auch nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt, sondern in einer für sie passenden Maßnahme, dann motiviere Koch das, auch zu kämpfen. „Wir können nicht alle retten, aber wir können es zumindest versuchen.“

Sicherlich verbringe sie viel Zeit am Schreibtisch, um genügend Gelder für ihre Projekte, Mitarbeiter und Einrichtungen zu sichern. Doch den Kontakt zu den Menschen habe sie nie verloren. Als während des ersten Lockdown im Frühjahr die Aufträge im textilen Bereich gestiegen sind, habe sie sich auch selbst mit an die Maschine gesetzt. „Da erleben einen die Menschen ganz anders“, erzählt sie.

Ausfälle nur zum Teil kompensiert

Die Pandemie, sie bereitet Koch nun noch manch andere Sorge. Nicht nur die geliebten Reisen nach Spanien fallen aufgrund der Pandemie weg. Beim ersten Lockdown im Frühjahr mussten auch die Gebrauchtwarenhäuser schließen. Die Geschäftsführerin, die ihren Ausgleich beim Volleyball sowie Wandern findet, ist froh, dass die Häuser jetzt geöffnet bleiben können. Denn die Erlöse aus den beiden Bereichen umfassen zwischen 60 bis 70 Prozent der Gesamtfinanzen. Nur zum Teil seien die Ausfälle im Frühjahr durch die Maskenproduktion kompensiert worden.

Eine Herausforderung bei ihrer Arbeit bleibt weiterhin die Nachhaltigkeit der Projekte und Maßnahmen. Viel zu oft endeten diese, bevor den Menschen wirklich eine Perspektive gegeben werden kann. Auch die Bürokratie sollte in ihren Augen abgebaut werden. „Sie kostet sehr viel Kraft, dabei würden wir lieber mit Menschen arbeiten“, so die Geschäftsführerin.

Überraschende Ehrung

Für ihr Engagement ist Anne Katrin Koch vom Freistaat mit der Annen-Medaille ausgezeichnet worden. Mit jener werden jährlich Menschen geehrt, die ehrenamtlich im Bereich der Sozial- oder Familienarbeit besondere Verdienste erworben haben. Dafür vorgeschlagen hatte sie Joachim Rolke vom Landesverband der Tafeln in Sachsen. 

„Ich wusste anfangs nicht, wer dahinter steckte, hatte plötzlich die Einladung im Briefkasten.“ Der Kontakt Rolke sei vor allem 2017 im Zuge der Übernahme der Döbelner Tafel durch das Netz-Werk entstanden. „Er war glücklich, dass wir die Tafel übernommen haben“, sagt Koch. 

Nur wenige Tage, bevor sie die Medaille, die sie nicht auf sich, sondern auf ihr Team beziehe, von Sachsens Sozialministerin Petra Köpping (SPD) in Dresden erhielt, starb Joachim Rolke bei einem schweren Verkehrsunfall. „Das hat mich schwer getroffen.“

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