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Döbeln: Fitnessstudio kämpft ums Überleben

Die Zwangsschließung sehen die Betreiber kritisch. Kosmetikstudios fürchten den Kundeneinbruch nach dem Lockdown.

Steffen Ulbricht vom Fitnessstudio Vitalis in Waldheim setzt mit Kollege Max Schubert (hinten) auf Online-Sportangebote. Doch retten können die nichts.
Steffen Ulbricht vom Fitnessstudio Vitalis in Waldheim setzt mit Kollege Max Schubert (hinten) auf Online-Sportangebote. Doch retten können die nichts. © Lars Halbauer

Region Döbeln. Sie haben Geräte verrückt, in teure Mittel gegen Viren investiert, Markierungen angebracht. Sie haben sich neue Systeme zur Erfassung der Kunden erdacht und umgesetzt. Und jetzt? Nun soll auch all das nichts mehr helfen gegen die Ausbreitung des Coronavirus. Steffen Ulbricht vom Fitnessstudio Vitalis in Waldheim ist einer von vielen in der Region, die gerade das nicht verstehen können.

„Es gibt Studien, die belegen, dass Hygienekonzepte in Sportstätten höchst wirksam sind“, sagt der 49-Jährige. Bisher sei ihm auch kein Fall bekannt, dass sich einer seiner Kunden im Fitnessstudio mit Covid-19 infiziert habe. Umso unverständlicher ist für den Rossauer, dass er seine Einrichtung nun, vorerst für vier Wochen, schließen muss. In manchen Supermärkten oder Geschäften seien die Hygienemaßnahmen deutlich geringer. „Da werden die Kunden nicht erfasst“, vergleicht Ulbricht.

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Doch nicht nur diese Tatsache verärgert den Inhaber und viele seiner Kollegen in der Branche. Die Entscheidung der Regierung soll die Menschen schützen, aber mit der Schließung der Fitnessstudios verbinden viele Betreiber auch eine Gefahr für die Gesundheit der Kunden (Sächsische.de berichtete). Denn gerade diese leide nun auch während des zweiten Lockdown wieder. Die meisten Kunden würden schließlich nicht zum Spaß ins Fitnessstudio kommen, sondern weil sie gesundheitliche Probleme hätten. Sie leiden an Krankheiten wie Bluthochdruck, Diabetes und psychischen Erschöpfungssyndromen. „Ein Kunde mit Knieproblemen meinte jetzt zu mir: Es war alles auf einem guten Weg. Jetzt geht der Zirkus wieder los“, erzählt Ulbricht.

Reha-Kurse sind noch möglich

Schon nach dem ersten Lockdown hätte sich der Zustand vieler seiner Kunden erheblich verschlechtert. Aus eigener Erfahrung sagt Ulbricht, dass der Körper schnell abbaut, wenn nicht am regelmäßigen Training festgehalten werde. Lediglich Reha-Sport-Angebote sowie den Kurs „Gesunder Rücken“, für deren Besuch es Rezepte gibt, kann Ulbricht noch durchführen. Doch dies mache nur fünf Prozent seines Umsatzes aus. Und die Abrechnung erfolge erst nach 50 absolvierten Einheiten.

Darüber hinaus hat Ulbricht ein Online-Angebot für die Kursmitglieder aufgebaut. Gegen Geld erhalten sie einen Zugang zu einer Plattform, auf der verschiedene Angebote zu den Themen Sport, Ernährung, Regeneration sowie Motivation zu finden sind. Einige Kunden hätten sich bereits angemeldet, berichtet Ulbricht. Allen rät er dazu, sich auch zu Hause eine gewisse Routine aufzubauen, feste Tage und Zeiten für das Training festzulegen.Die Monatsbeiträge für November erlässt er seinen Kunden. 

Im Frühjahr sah das anders aus. Beim ersten Lockdown hatten die Kunden weiter gezahlt, die fehlende Leistung wurde ihnen auf verschiedenen Wegen gutgeschrieben. An den Ausgleichsleistungen hat das Fitnessstudio noch immer zu arbeiten. „Noch einmal konnte ich das jetzt nicht machen“, sagt Ulbricht daher. Er wird die 75-prozentige Unterstützung durch den Staat in Anspruch nehmen. Und hofft, dass das Geld schnell fließt. „Ein paar Rücklagen haben wir noch. Anderthalb Monate kommen wir damit hin. Aber dann...“. Jetzt fehlen die Einnahmen, aber die festen Kosten für Miete, Personal und Kredite laufen weiter.

Ungewisse Zukunft

Seit Januar 2007 ist Ulbricht mit seinem Studio am Markt. Ob es ihn auch weiterhin geben wird, das hängt von den nächsten Wochen und Monaten ab. Beim ersten Lockdown habe er sich noch gedacht: Hier beißen wir uns durch. Er und sein Team haben angepackt. Es wurde ein Kredit über 50.000 Euro beantragt. Mit dem Geld ist der Umkleidebereich neu gestaltet worden. Aber jetzt? „Wir können nichts mehr machen. Es geht jetzt ums Überleben.“

Was die Zeit bringt, ist ungewiss. Ulbricht fragt sich, wie viele in diesen Tagen: „Wie wird es nach den vier Wochen weitergehen? Was ist mit Januar und Februar?“ Es fehlt eine Perspektive. Einem seiner Mitarbeiter hat Ulbricht am Freitag die Kündigung überreicht. Eine weitere Mitarbeiterin geht Ende November in den Ruhestand. „Die Stelle wird nicht wieder neu besetzt werden“, kündigt der Chef an. Zwei Azubis sowie drei weitere Mitarbeiter hat er in Kurzarbeit geschickt.

Kosmetiker sind „zu nah am Gesicht“

Entlassungen hat es bei Katrin Luckweil im Kosmetikstudio Küttner in Döbeln noch nicht gegeben. Doch auch ihr Team hat die Fachkosmetikerin jetzt in Kurzarbeit geschickt. Behandlungen sind in dem Studio an der Klosterstraße nicht mehr möglich. Im Unterschied zum Friseur seien die Kosmetiker zu nah am Gesicht der Kunden, heißt es in der Begründung. 

„Das ist ein Streitpunkt. Wir haben mit hohem hygienischem Standard gearbeitet“, sagt Luckweil. Ihre Kollegen in Thüringen und Sachsen-Anhalt dürfen hingegen weiter arbeiten. „Aber da sind die Infektionszahlen auch anders“, meint die Döbelnerin. Dass es diese unterschiedlichen Regelungen in Deutschland gibt, werde aber von vielen kritisiert. „Das irritiert viele“, meint die Kosmetikerin. Zwar hat Luckweil auch Fußpflege im Angebot, doch die kann nur noch auf Rezept und bei Podologen wie Physiotherapeuten durchgeführt werden. Ganz schließen will sie ihr Studio aber nicht. Für den Verkauf kann sie öffnen.

An zwei Tagen in der Woche soll dies voraussichtlich so sein. Zudem bleibt Luckweil erreichbar für ihre Kunden, telefonisch oder per E-Mail. Durch den Verkauf erhofft sie sich zumindest ein paar Umsätze. Die Verluste sind trotzdem immens. Bis Ende des Jahres war das Studio weitestgehend ausgebucht. Und selbst wenn Luckweil ab Dezember wieder öffnen dürfte, gebe es keine Kapazität, um die Termine von November nachzuholen. Die Einnahmen sind verloren.

Kunden sparen an der Kosmetik

Die Inhaberin des Studios, das es schon seit 20 Jahren gibt, hofft nun auf das Weihnachtsgeschäft. „Wenn das auch noch wegbricht, wird es eng.“ Noch versuche sie, die laufenden Kosten so zu finanzieren und keine Stundungen in Anspruch zu nehmen. „Irgendwann muss das Geld ja trotzdem bezahlt werden“, meint Luckweil. Die versprochenen 75 Prozent Umsatzausgleich wolle sie in jedem Fall in Anspruch nehmen. Doch inzwischen genieße sie solche Angebote mit Vorsicht. „Das klingt erst einmal gut, aber man muss genau hinschauen. Denn nicht alle geschäftlichen Kosten werden abgedeckt.“

Sorge bereitet auch Katrin Luckweil die Ungewissheit in Hinblick auf die kommenden Wochen. Niemand könne sagen, wie es weiter gehe. Und selbst wenn ihr Studio wieder öffnen darf, sei noch nicht gesagt, dass ihr die Kunden weiter die Treue halten. „Die Kosmetik ist ein Bereich, an dem die Kunden mit zuerst sparen.“ Das habe sie bereits nach dem ersten Lockdown gespürt. Kunden, die in Kurzarbeit gegangen sind oder deren Job nicht mehr sicher war, seien ferngeblieben. Die ungewollt freie Zeit werde sie nun nutzen, um ihr Studio umzudekorieren.

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