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Corona lässt Hofläden boomen

Die Nachfrage nach regionalen Produkten ist gewachsen. Darüber spricht der Chef des Sächsischen Bauernverbandes zum Auftakt der Serie "Lecker vom Hof".

01.07.2019 , Foto: Dietmar Thomas ,  Oberschule Leisnig , Berufsmesse , Torsten Krawczyk GbR Landgut Westewitz erklärt die Getreidesorten
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01.07.2019 , Foto: Dietmar Thomas , Oberschule Leisnig , Berufsmesse , Torsten Krawczyk GbR Landgut Westewitz erklärt die Getreidesorten Foto: © Bildstelle

Region Döbeln. Die regionale Erzeugung und Vermarktung von sicheren und qualitativ hochwertigen Lebensmitteln steht seit Corona wie nie zuvor hoch im Kurs der Verbraucher. 

Rückverfolgbarkeit und Qualität sind ebenso wichtig wie die ökologische Bilanz. Das heißt, die Produkte haben kurze Wege vom Hersteller zum Kunden. Torsten Krawczyk, Präsident des Sächsischen Landesbauernverbandes kann das bestätigen. Und dafür benötigt er keine Statistik. 

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Denn er ist selbst Landwirt und betreibt mit seinem Bruder Sven Krawczyk das Landgut Westewitz. Hier wird noch Bilderbuch-Landwirtschaft betrieben, die Schweine haben viel Auslauf und stehen auf Stroh. Krawczyks legen viel Wert auf eine artgerechte Haltung. Trotz aller Liebe zum Tier, werden die Schweine auch geschlachtet, von Sven Krawczyk verarbeitet und direkt an den Kunden verkauft.

Herr Krawczyk, das Interesse an regionalen Produkten ist gestiegen. Worin sehen Sie die Ursache dafür?

Torsten Krawczyk: Das Bewusstsein für gesunde Ernährung ist nach mehreren Lebensmittelskandalen in den vergangenen Jahren wieder in den Fokus gerückt. Dabei spielen regionale und saisonale Lebensmittel eine große Rolle, da die Rückverfolgbarkeit bis zum Produzenten und der direkte Kontakt zu diesem gegeben sind. 

Schon seit dem Jahr 2000 ruft der Sächsische Landesbauernverband (SLB) alle Landwirtschaftsbetriebe zum „Tag des offenen Hofes“ auf. Die Besucher können sich vor Ort auf den Feldern und im Stall selbst ein Bild von realistischer, moderner Landwirtschaft machen und dabei erkunden, wie unsere regionalen Lebensmittel produziert werden. 

Auch das Umweltbewusstsein ist in der Bevölkerung, vor allem bei jungen Menschen und Familien, stark gestiegen. Regionale Wertschöpfungsketten gewinnen immer mehr an Bedeutung, kurze Wege der Lebensmittel vom Produzenten bis zum Verbraucher optimieren den ökologischen Fußabdruck.

Welchen Einfluss hat die Corona-Pandemie auf das Einkaufsverhalten der Menschen?

Die Corona-Pandemie hat durchaus positive Effekte hinterlassen. Während des Lockdowns boomte der Einkauf in Hofläden, da in vielen Supermärkten und Discountern die Lieferketten unterbrochen waren.

 Dabei fanden doch einige Verbraucher zurück zum Kauf regionaler Produkte, ob dieses Einkaufsverhalten anhält, lässt sich jetzt noch nicht beurteilen.

Welche Vorteile haben regionale Produkte?

Kurze Wege und die Nähe zum Verbraucher bieten einen unschlagbaren Vorteil der garantierten Frische und den unverfälschten Genuss. Ist dies nicht das bedeutendste Entscheidungskriterium, wenn man Lebensmittel kauft? 

Der Genuss von heimischen Produkten in ihrem authentischen Geschmack und ihrer Frische, das Vertrauen in die Herkunft und das Wissen, etwas Richtiges im Umgang mit den Ressourcen unserer Natur und der Umwelt getan zu haben. 

Dies alles bietet die Kaufentscheidung direkt vom Hof. Somit wird der Erwerb dieser Produkte nicht nur eine einfache Erfüllung von Bedürfnissen, sondern ein Erlebnis. Unsere Direktvermarkter zaubern Heimat in ihr Produkt.

Machen die Kunden einen wesentlichen Unterschied zwischen regionalen Produkten und Bio-Produkten?

Nein. Viele Verbraucher wünschen sich Produkte, bei denen die Rückverfolgbarkeit erkennbar ist. Ob diese bio oder konventionell produziert werden, steht nicht unbedingt im Vordergrund. 

Viele Biomärkte bieten Produkte aus der ganzen Welt an, die zwar ein Biolabel tragen, aber wer kann sich schon die Produktion von Bohnen in Südamerika anschauen. 

Und aus umwelttechnischer Sicht schneiden diese Produkte durch lange Transportwege per Flugzeug oder Schiff bei vielen Verbrauchern schlechter ab.

Torsten Krawczyk  wurde im vergangenen Jahr  Präsident des Bauernverbandes Sachsen.
Torsten Krawczyk  wurde im vergangenen Jahr  Präsident des Bauernverbandes Sachsen. © Dietmar Thomas
Landwirstschaftsminister Wolfgang Günther (rechts) lässt sich von Torsten Krawczyk zeigen, wie die Ernte dieses Jahr ausfällt. Aufgrund des Frosteinbruchs sind wohl viele taube Ähren dabei.
Landwirstschaftsminister Wolfgang Günther (rechts) lässt sich von Torsten Krawczyk zeigen, wie die Ernte dieses Jahr ausfällt. Aufgrund des Frosteinbruchs sind wohl viele taube Ähren dabei. © Lars Halbauer

Was ist unter dem Begriff Direktvermarktung zu verstehen?

Der Begriff Direktvermarktung ist nicht geschützt. Wir in Sachsen sprechen von landwirtschaftlicher Direktvermarktung, wenn Produkte aus der landwirtschaftlichen Urproduktion verarbeitet und dabei die Zukaufsgrenze von 30 Prozent eingehalten wird.

 Die Produkte müssen in eigenen Hofläden, auf Märkten oder über Wiederverkäufer verkauft werden.

Wie würde Ihrer Ansicht nach eine ideale regionale Direktvermarktung aussehen?

Produkte unserer landwirtschaftlichen Direktvermarkter, ob bio oder konventionell produziert, sind sogenannte Nischenprodukte, also keine Massenware. Das ist gut so und sollte auch so bleiben. 

Die Akzeptanz in der Bevölkerung für regional erzeugte Lebensmittel wächst, erkennbar am Zuspruch zu den Hofläden, Milchtankstellen, Verkaufsautomaten für Eier und andere abgepackte Waren, kleine Verkaufsstände und Bauernmärkte.

Spielt das Finanzbudget der Kunden beim bewussten Einkauf von regionalen Lebensmitteln eine Rolle?

Nicht unbedingt. Wichtig ist die Einstellung der Verbraucher zu Lebensmitteln.  Legt er Wert auf regionale, saisonale und ökologische Erzeugung, ist die Akzeptanz für einen gerechten Preis gegeben. 

Sind ihm Herkunft, Anbau und Verarbeitung schlicht egal, greift er zu anonymen Angeboten in Supermärkten und Discountern.

Wie viele Direktvermarkter gibt es in der Region Döbeln und wie sind diese vernetzt?

Es gibt keine Erhebung zur Anzahl von landwirtschaftlichen Direktvermarktern in Sachsen und in den jeweiligen Regionen.

Der Sächsische Landesbauernverband (SLB e. V.) ist Herausgeber der Anbieterbroschüre, der Einkaufsführer der sächsischen Direktvermarkter. Auch das Landratsamt Mittelsachsen hat einen Mittelsächsischen Einkaufsführer herausgegeben.

Auf dem Portal www.regionales.sachsen.de werden Direktvermarkter, Hofläden oder Milchtankstellen vorgestellt. Allerdings sind nicht alle Anbieter erfasst.

Anbieter erfasst. Weshalb ist es so schwierig, die regionalen Angebote für die Verbraucher übersichtlich zusammenzufassen? Gibt es Ideen, wie das künftig geändert werden kann, um noch mehr Kunden zu erreichen?

Eine Erfassung aller landwirtschaftlicher Direktvermarkter bedarf der Zuarbeit der betreffenden Betriebe sowie eine stete Aktualisierung der bestehenden Datenbank unter Einhaltung der bestehenden Richtlinien der Datenschutzgrundverordnung und bedarf eines enormen personellen Aufwandes.

Unser Einkaufsführer der sächsischen Direktvermarkter wurde bis zum Jahrs 2020 mit finanzieller Unterstützung des Freistaates Sachsen hergestellt. Für das Jahr 2021 wird der SLB der alleinige Herausgeber sein, also auch die Kosten übernehmen. 

Um die Direktvermarkter besser miteinander zu verknüpfen und bekannter zu machen, plant der SLB die Einrichtung einer zentrale Koordinations- und Vernetzungsstelle für sächsische landwirtschaftliche Direktvermarkter.

Würde es Sinn machen, wenn Direktvermarkter in einer großen, zentralen Halle ihre Waren anbieten, damit die Kunden kürzere Wege haben?

Gemeinschaftliche Verkaufseinrichtungen gibt es in dem Sinne schon, größere Hofläden. Viele Landwirtschaftsbetriebe haben ihre Hofläden erweitert und das Warensortiment den Nachfragen der Kundschaft angepasst. 

Sie kaufen von anderen regionalen Produzenten zu, um eine breite Warenpalette anbieten zu können. Auch gibt es in einzelnen Regionen „Markthallen“, in denen Markttage stattfinden. 

Beständige Öffnungszeiten sind schwierig, da stets Personal gebunden ist und das komplette Warensortiment vorgehalten werden muss. Die klassischen Einkaufstage sind nach wie vor der Donnerstag und der Freitag.

Welche Möglichkeiten der Zusammenarbeit wurden bereits in der Vergangenheit getestet und welche Ideen gibt es für die Zukunft?

Der Verein Direktvermarktung in Sachsen wurde 1994 gegründet und zu Ende 2018 aufgelöst. Die Hauptaufgabe des Vereins bestand in der Vernetzung und Qualifizierung der einzelnen Direktvermarkter sowie in der Koordinierung der Absatzförderung. Ideen, Direktvermarkter und Kunden zusammenzubringen, gibt es viele. 

Alle Beteiligten müssten dann aber aktiv an der Umsetzung verschiedener Projekte mitarbeiten. Die Koordination ist zeitaufwendig und bedarf eines grundlegenden Personalmanagement.

Sehen Sie in der Abo-Kiste mit Saisonalen Produkten eine Alternative?

Es ist auf jeden Fall eine Möglichkeit, wie die Produkte vom Produzenten zum Kunden kommen. Da in diesen Kisten oft auch Erzeugnisse von anderen Anbietern sind, ist das ein Gewinn für alle.

 Die Verbraucher, die sich über sogenannte Abo-Kisten Produkte liefern lassen, akzeptieren natürlich das saisonale Sortiment. Neueinsteiger erhalten meistens eine Liste, zu welcher Jahreszeit welche Produkte lieferbar sind.

Der Döbelner Anzeiger stellt in seiner Serie „Lecker vom Hof“ Direktvermarkter, Hofläden und Milchtankstellen in der Region vor. Die erste Serie erscheint am 8. Oktober.

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