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„Es ist ein Kampf um jede Tafel Blech“

Die Materialsituation in den mittelsächsischen Firmen ist angespannt. Den Preis zahlen die Verbraucher, sagt IHK-Präsident Thomas Kolbe.

Thomas Kolbe, Geschäftsführer der Firma Max Knobloch und Präsident des Regionalverbandes Mittelsachsen der IHK Chemnitz, wünscht sich ein besseres Miteinander von Politik und Wirtschaft.
Thomas Kolbe, Geschäftsführer der Firma Max Knobloch und Präsident des Regionalverbandes Mittelsachsen der IHK Chemnitz, wünscht sich ein besseres Miteinander von Politik und Wirtschaft. © Lutz Weidler

Region Döbeln. Die meisten Firmen arbeiten wieder, viele auch im Schichtsystem. Doch die Auswirkungen des Lockdowns sind nach wie vor spürbar. Und ein Ende ist nicht absehbar, sagt Thomas Kolbe, Präsident des Regionalverbandes Mittelsachsen der IHK Chemnitz und Geschäftsführer der Max Knobloch Nachf. GmbH. Diese stellt in Döbeln Brief- und Paketkästen her.

Derzeitiger Materialengpass erinnert an DDR-Zeiten

Ein großes Problem stellt die Materialknappheit dar. Dies betreffe alle Segmente und wirke branchenübergreifend. Thomas Kolbe benennt dafür zwei Ursachen: die Materialklemme und den Preis. Beides sei ein Kreislauf. Die Materialklemme resultiere aus gestörten Lieferketten. Lieferanten könnten Verträge nicht einhalten, weil auch die Zulieferer das Materialproblem haben.

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Dazu komme der menschliche Reflex, sich aufgrund der Knappheit mit Material zu bevorraten. Dadurch werde die Knappheit verschärft. Hinzu kommen unter anderem steigende Energie- und Personalkosten. All das lasse den Preis für das Material steigen.

„Der Materialbereich ist ein sehr schwieriger. Es gibt keine gesicherten Aussagen darüber, wie es mit der Preisentwicklung weitergeht und wann sich die Klemme löst“, so der IHK-Präsident. Diese Unsicherheit sei das Schlimmste, das der Wirtschaft passieren könne. Denn die Firmen würden dadurch alle Vorhaben, die Geld kosten, zurückhalten und nicht mehr investieren. Die Angst sei potenziell tödlich für die Wirtschaft.

Außerdem verlieren die Unternehmen durch die derzeitige Situation Umsatz. „Wir verwenden einen Großteil unserer Arbeit darauf, Material zu beschaffen. Es ist ein Kampf um jede Tafel Blech“, so Kolbe. Die Materialknappheit erinnere viele Unternehmer an die DDR-Zeit. Seit der Wende habe es noch nie die Situation gegeben, dass sich die Firmen darum kümmern mussten, dass überhaupt Material zum Verarbeiten vorhanden ist.

Preise steigen im kommenden Jahr um bis zu 20 Prozent

Eine gute Nachfrage treffe auf eine schlechte Materialsituation. Besonders problematisch sei es in der Automobilindustrie durch den Chipengpass. Bei den Stahlwerken dauere es lange, ehe sie wieder so weit hochgefahren sind, dass die volle Kapazität erreicht ist.

„Dadurch ist derzeit der spezielle Schlüsselstahl nicht verfügbar“, sagt Kolbe als Geschäftsführer der Briefkastenfirma. Größere Unternehmen könnten die Situation aber besser abfedern und zum Beispiel von drei auf zwei Schichten wechseln. Kleinere Handwerker hätten dagegen Kurzarbeit angemeldet, weil zwar die Aufträge, aber kein Material vorhanden sind.

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Dies habe sogar Auswirkungen auf den Einzelhandel, erklärt Cindy Krause, Geschäftsführerin der IHK Chemnitz. Der erhalte vor unter anderem aus dem asiatischen Raum bestellte Waren nur mit großer Verzögerung oder gar nicht.

Kolbe spricht von Long Covid für die Wirtschaft. Denn die Auswirkungen seien nicht abschätzbar. Eine sei jedoch bereits offensichtlich. Der Verbraucher müsse 2022 voraussichtlich bis zu 20 Prozent mehr für ein Produkt bezahlen als vor Corona.

Heidrun Röber montiert in der Firma Max Knobloch in Döbeln Briefkästen.
Heidrun Röber montiert in der Firma Max Knobloch in Döbeln Briefkästen. © Lutz Weidler

Firmen dürfen strategischen Blick nicht verlieren

„Die Unternehmer brauchen einen strategischen Blick, um die Firmen erfolgreich zu führen“, meint Thomas Kolbe. Je kleiner die Firma ist, umso schwieriger sei es, dies nicht aus den Augen zu verlieren. „Und wir haben in Mittelsachsen viele Unternehmen mit einem bis zehn Mitarbeitern“, so Kolbe.

Auch für sein Unternehmen sei die Situation nicht einfach. „Aber seit wir aus der Flut aufgestanden sind, schauen wir uns immer die nächsten zehn Jahre an“, so der Geschäftsführer. Deshalb habe Knobloch auch die Pandemie bisher gut überstanden und in den vergangenen beiden Jahren in allen Bereichen der Firma sogar 20 neue Mitarbeiter eingestellt.

Auch wenn Knobloch wie alle anderen mit der Materialknappheit umgehen muss, sei die Nachfrage nach den Produkten sehr gut. „Und für ihre Herstellung brauchen wir Menschen“, so Kolbe. Die Firma sei wirtschaftlich stabil und könne auch Investitionen wie geplant umsetzen.

Durch Pandemie wurde Entscheidung zur Firmennachfolge verschoben

Ein weiteres schwieriges Feld ist die Unternehmensnachfolge. „Für viele ist es nicht attraktiv, die Risiken der Selbstständigkeit zu tragen“, meint der IHK-Präsident. Außerdem seien laut Cindy Krause Nachfolgeentscheidungen durch die Corona-Pandemie verschoben worden.

Insgesamt gebe es aber auffallende Unterschiede. Für Industrieunternehmen gebe es eine Nachfrage – sowohl für die Übernahme durch leitende Angestellte als auch von außen. „Einzelhandel und Gastronomie stehen viel stärker unter Druck“, so Kolbe. Dort spielten unter anderem auch die Situation der Mitarbeiter und die Kaufkraftentwicklung eine Rolle.

Laut einer Untersuchung der TuCed, einem Institut der TU Chemnitz, gibt es im Landkreis Mittelsachsen 807 Unternehmen, in denen mindestens ein Geschäftsführer bis zum Jahr 2030 das 65. Lebensjahr erreicht.

Bei knapp der Hälfte stehe bereits in den kommenden fünf Jahren die Nachfolge an. 25,6 Prozent der Firmen mit Nachfolgebedarf gehören zum verarbeitenden Gewerbe, 24,5 Prozent zum Baugewerbe, 15,9 Prozent zu den Dienstleistungen und 14,9 Prozent zum Groß- und Einzelhandel.

Wirtschaft sollte Einzug in der Schule halten

„Um die Nachfolge im Unternehmen sollte man sich nicht erst mit 60 kümmern. Das beginnt schon bei der Berufsorientierung und Berufsausbildung“, sagt Thomas Kolbe. Die Wirtschaft müsse Einzug in die Schule halten.

Die Schüler sollten einen Überblick erhalten, welche Firmen es in der Region gibt und was sich hinter den Jobs verbirgt, die dort angeboten werden. Dafür reiche kein zweiwöchiges Praktikum in zehn bis zwölf Schuljahren. Thomas Kolbe sieht dabei die kommunale Politik in der Verantwortung.

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„Die Wirtschaft sucht nicht nur Fachkräfte, sondern Arbeitskräfte“, sagt er. Außerdem wandle sich die Wirtschaft in allen Bereichen in Richtung Digitalisierung und Automatisierung. „Wir brauchen eine Digitalisierungsstrategie“, meint der IHK-Präsident.

Die Verbindung zu den Schulen sei noch nicht so gut, wie sich das die Unternehmer wünschen. Die Initiative gehe, wie bei Knobloch, häufig von den Firmen aus. Der Briefkastenhersteller biete Praktika und Ferienarbeit an und präsentiere das Unternehmen auf Ausbildungsmessen, an Oberschulen und Gymnasien.

Bürokratie könnte durch bessere Kommunikation abgebaut werden

Ein Bremsklotz für die Firmen sei die Bürokratie. Bei der Entbürokratisierung müssten die Verwaltungen und der Staat Vorreiter sein. „Corona hat wie ein Brennglas viele Schwachstellen offen gelegt“, sagt Thomas Kolbe und nennt als Beispiele das Steuerrecht, Verwaltungsvorschriften, Fördergeldanträge und statistische Erhebungen.

Letztere würden nicht selten zum selben Thema von mehreren Ämtern erfolgen, weil diese nicht miteinander reden. Eine bessere Kommunikation würde so manches Problem lösen. „Die Politik muss immer Partner der Wirtschaft sein“, so Kolbe.

Aber auch die Unternehmer müssten gemeinsam für die Stärkung des Landkreises kämpfen. Denn die demografische Entwicklung sei ein riesen Brocken und werde für einige Branchen Probleme mit sich bringen. Wichtig seien positive Energie und ein nach vorne Denken. Derzeit fehle bei vielen der Weitblick. Aber es sei wichtig, einer gemeinsamen Vision zu folgen.

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