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Suizid in der JVA: „Hier ist etwas inszeniert worden“

Der Vater von Sophie Kutscher aus Hartha spricht über seine Trauer und Zweifel. Seine Tochter hat sich nach der Festnahme das Leben in der JVA Chemnitz genommen.

Nach dem Suizid von Sophie Kutscher in der JVA Chemnitz standen vor ihrem Wohnhaus in Hartha Blumen, Kerzen und ein Kuscheltier. Nun zweifelt der Vater an den Behörden.
Nach dem Suizid von Sophie Kutscher in der JVA Chemnitz standen vor ihrem Wohnhaus in Hartha Blumen, Kerzen und ein Kuscheltier. Nun zweifelt der Vater an den Behörden. © Archiv/Erik-Holm Langhof

Hartha/Chemnitz. Die Ereignisse der letzten Wochen haben bei Jörg Kutscher sichtbare Spuren hinterlassen. Seine Haut ist grau, die Augen glänzen. Tränen fließen nicht, aber an der Stimme ist zu hören, wie nah er daran ist.

Vor einigen Tagen musste der Saalbacher von seiner 31-jährigen Tochter Sophie Abschied nehmen – für immer. Zur Trauerfeier mit anschließender Urnenbeisetzung waren nicht nur die Familienangehörigen gekommen, sondern viele Freunde und Bekannte von Sophie.

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Die junge Frau wurde am 30. Juli nach einer großangelegten Durchsuchungsaktion der Polizei in verschiedenen Städten in Dresden festgenommen. Vorgeworfen wurde ihr der Handel mit Crystal. Sophie kam in die Frauen-Justizvollzugsanstalt Chemnitz. Zwei Tage später hat sich Sophie in der Untersuchungs-Haft das Leben genommen.

Enttäuscht vom Verhalten der Behörden

Noch immer kann Jörg Kutscher nicht fassen, was geschah. Er glaubt nicht daran, dass alles rechtens zugegangen ist, er ist der Meinung: „Hier ist etwas inszeniert worden“. Er spricht davon, dass etwas verschleppt und verzerrt wird. Dafür sammelt er Stück für Stück Beweise. Denn nach der schrecklichen Nachricht vom Tod seiner Tochter suchten viele junge Leute mit ihm das Gespräch.

Enttäuscht ist er auch vom Verhalten der Behörden. „Es ist, als wäre nichts gewesen. Keiner setzt sich mit der Familie in Verbindung. Wir haben keinen Zwischenstand der Ermittlungen. Nichts, es kommt einfach nichts“, so Jörg Kutscher.

Die Durchsuchungsprotokolle hat er angefordert. Er hat sie vor sich liegen. Auf rosafarbenem Papier sind zarte Schriftzeichen zu erkennen. Lesen kann man sie nicht. Wahrscheinlich ist es die fünfte Durchschrift. „So etwas geht doch nicht. Das kann man mir doch nicht anbieten. Ich will doch erfahren, was passiert ist“, sagte Kutscher.

Am 30. Juli durchsuchten mehrere Beamte im Auftrag der Staatsanwaltschaft Zwickau die Wohnung von Sophie Kutscher in Hartha. Mitgenommen haben sie nach Angaben ihres Vaters jedoch fast nichts.
Am 30. Juli durchsuchten mehrere Beamte im Auftrag der Staatsanwaltschaft Zwickau die Wohnung von Sophie Kutscher in Hartha. Mitgenommen haben sie nach Angaben ihres Vaters jedoch fast nichts. © Archiv/Lars Halbauer

Er hat auch die durchsuchte Wohnung an der Gehart-Hauptmann-Straße etwas näher unter die Lupe genommen. Auch hier entdeckt er seiner Meinung nach viele Ungereimtheiten.

Die Polizei habe doch genau gewusst, dass seine Tochter in Dresden und nicht in der Wohnung sei. „Wieso wurde die Wohnung dann aufgebrochen?“, fragt sich der Saalbacher. Angeblich seien Geräusche gehört worden, doch von wem sollten diese stammen? „Eine Durchsuchung einer Wohnung stelle ich mir auch anders vor. Dann wird doch sicher alles auf den Kopf gestellt. Nichts ist mehr dort, wo es einmal war“, sagte Kutscher.

"Die Vermutung, dass etwas untergejubelt wurde, liegt nahe"

In der Wohnung hingegen habe das nicht so ausgesehen. Die Abstellkammer und auch keine Küchenschränke seien durchsucht worden. Auf dem Tisch im Wohnzimmer haben sogar noch der Laptop und ein Mobilfunktelefon gelegen.

Dabei steht im Durchsuchungsbeschluss - dieser liegt Jörg Kutscher vor - dass die Beamten Dinge feststellen sollten, die mit den Vertrieb von Drogen, deren Herstellung oder Einnahme in Verbindung stehen. „Außerdem ist der Durchsuchungsbeschluss sechs Wochen zuvor ausgefertigt worden. Das ist auf dem Dokument ersichtlich“, so Kutscher.

Viele Hinweise, die diesbezüglich wichtig gewesen seien, seien noch vor Ort gewesen. „Was ist hier los? Das passt doch alles nicht zusammen“, so Jörg Kutscher. Beim Haftbefehl gehe es weiter. Der liege ihm ohne Datum und ohne Unterschrift vor. Lediglich ein Stempel verweist darauf, dass das Schriftstück gleichlautend dem Original sei.

„Bei allem, was ich gesehen und gehört habe, komme ich zu der Meinung, dass alles vorbereitet war. Die Vermutung, dass meiner Tochter etwas untergejubelt wurde, liegt nahe“, so Jörg Kutscher. Sophie sei oft kontrolliert worden. Nie sei es den Beamten gelungen, ihr so viel nachzuweisen, dass sie die 31-Jährige hätten aus dem Verkehr ziehen können, so der Saalbacher. Er hat zwei Rechtsanwälte beauftragt, einen Döbelner und einen Dresdner.

Rechtsanwalt stellt Strafantrag gegen Psychologen

Rechtsanwalt Ulf Israel hatte die 31-Jährige bei der U-Haftvorführung am Amtsgericht Zwickau begleitet und erhebt nun schwere Vorwürfe gegen den Chemnitzer Anstaltspsychologen und weitere Bedienstete. Israel spricht von einem „klar pflichtwidrigen Verhalten“ in dem Gefängnis. Israel hat Strafantrag gegen den Psychologen und gegen Unbekannt gestellt wegen fahrlässiger Tötung.

Jörg Kutscher kannte das Drogenproblem seiner Tochter. „Ich habe mit Engelszungen gesprochen, dass sie das Zeug nicht nehmen, von ihm loskommen soll. Sie war doch schon einmal wegen Drogen in Haft“, so der Vater der 31-Jährigen. Einen Entzug habe Sophie in Wermsdorf gemacht.

In der JVA Chemnitz kam es zu dem tragischen Selbstmord von Sophie Kutscher. Hintergründe sind bislang noch unklar.
In der JVA Chemnitz kam es zu dem tragischen Selbstmord von Sophie Kutscher. Hintergründe sind bislang noch unklar. © Archiv/Harry Härtel

Sie sei auch seines Wissens nach regelmäßig zur Suchtberatung gegangen. In der Wohnung seiner Tochter fand Kutscher eine Überweisung vom 15. März dieses Jahres zur Entgiftung ins Krankenhaus in Zschadraß.

„Ich habe gespürt, sie will aus dem Teufelskreis raus. Dieses Mistzeug. Dabei geht es doch nur ums Geld“, sagte Jörg Kutscher. Und wieder ist er den Tränen nahe.Seine Tochter sei klug gewesen. Er zeigt auf ein Zeugnis nach dem ersten Jahr an der Berufsschule in Wurzen. Sophie hatte da einen Durchschnitt von 1,0. Den Abschluss hat sie aber leider nie gemacht, sagt Kutscher.

Sophie habe nicht nur rumgehangen. Sie habe gemalt und genäht, sich gern mit Bekannten getroffen und ihnen auch immer zur Seite gestanden und geholfen. Für den Vater ist das, was geschehen ist, immer noch unbegreiflich.

Wenige Antworten von der Staatsanwaltschaft

Anschließend an das Gespräch mit Jörg Kutscher stellte Sächsische.de viele Fragen an die Staatsanwaltschaft Zwickau. Nur wenige wurden beantwortet. „Der Vater der Verstorbenen hat gegen die Durchsuchung Beschwerde eingelegt. Das Verfahren wurde daher dem Oberlandesgericht zur Entscheidung darüber vorgelegt, ob die Durchsuchung rechtmäßig war. Weitere Angaben kann ich zum konkreten Ablauf der Durchsuchung nicht machen“, sagte Staatsanwältin Ines Leonhard.

Sächsische.de hatte ihr die von Jörg Kutscher aufgezählten Ungereimtheiten wie das auf dem Tisch liegende Handy und der Laptop schriftlich mitgeteilt. Zum, dem Vater der Beschuldigten vorliegenden, Haftbefehl könne sie ebenfalls keine Angaben machen, da ihr dieser nicht bekannt sei.

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„Üblicherweise befindet sich nur ein Original-Dokument mit Unterschrift in der Akte und die Ausfertigungen des Dokuments enthalten lediglich einen Beglaubigungsvermerk“, so die Staatsanwältin. Der Haftbefehl gegen die Beschuldigte sei durch den Ermittlungsrichter erlassen worden, nachdem dieser einen dringenden Tatverdacht gegen sie bejaht hatte“, so Ines Leonhardt.

"Klar pflichtwidriges Verhalten in Chemnitzer Gefängnis"

Die Staatsanwaltschaft Chemnitz teilte auf Anfrage von Sächsische.de mit, dass es keine Anhaltspunkte für ein Fremdverschulden, das zum Tod von Sophie Kutscher geführt haben könnte, gibt. Es werde von einem Suizid ausgegangen, sagte Staatsanwältin Ingrid Burghart.

Der ehemalige Verteidiger von Sophie Kutscher, Rechtsanwalt Ulf Israel aus Dresden, hatte die 31-Jährige bei Haftvorführung am Amtsgericht Zwickau begleitet. Er habe Strafanzeige wegen „klar pflichtwidrigem Verhalten im Chemnitzer Frauengefängnis gestellt“. „Das Verfahren ist noch nicht ganz abgeschlossen“, sagte Staatsanwältin Burghart.

Der Zwickauer Richter habe angeordnet, dass die 31-Jährige in der Untersuchungshaft zu überwachen sei, so Israel: „Es kann nicht sein, nach einem Erstgespräch mit der Gefangenen zu sagen, jetzt ist plötzlich alles wieder gut.“

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Anmerkung der Redaktion: Aufgrund der hohen Nachahmerquote berichten wir in der Regel nicht über das Thema Suizid, außer es erfährt durch die Umstände besondere Aufmerksamkeit. Wenn Sie selbst unter Stimmungsschwankungen, Depressionen oder Selbstmordgedanken leiden oder Sie jemanden kennen, der daran leidet, können Sie sich bei der Telefonseelsorge helfen lassen. Sie erreichen sie telefonisch unter 0800/1110111 und 0800/1110222 oder im Internet auf www.telefonseelsorge.de. Die Beratung ist anonym und kostenfrei, Anrufe werden nicht auf der Telefonrechnung vermerkt.

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