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„Die Sportler werden auseinanderdividiert“

Der Kreissportbund Mittelsachsen übt heftige Kritik an Entscheidungen der Politik für den November-Shutdown.

Benjamin Kahlert, Geschäftsführer des Kreissportbundes Mittelsachsen, muss eine Vielzahl von Fragen der Mitglieder derzeit als Online-Schalte beantworten.
Benjamin Kahlert, Geschäftsführer des Kreissportbundes Mittelsachsen, muss eine Vielzahl von Fragen der Mitglieder derzeit als Online-Schalte beantworten. © privat

Freiberg/Döbeln. In der mittelsächsischen Sportwelt „ist gerade Tohuwabohu“, beschreibt Benjamin Kahlert das Szenario. Doch zum Lachen über diese Bezeichnung ist dem Geschäftsführer des Kreissportbundes Mittelsachsen nun gerade nicht zumute.

Der neue Shutdown für den Breiten- und Amateursport wirft den rund 47.000 Mitglieder zählenden Verband um Lichtjahre zurück. Was auch daran liegt, dass die inzwischen geltenden Auslegungskriterien bei den einzelnen Vereinen durchaus Anlass für Missstimmung und Resignation sein könnten. 

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Denn: Hier werden Individual- und Mannschaftssport unterschiedlich bewertet.„Wir freuen uns natürlich, dass die neue Verordnung es zulässt, dass unsere Vereine zumindest im Individualsportbereich in den nächsten Wochen nicht komplett schließen müssen“, so KSB-Präsident Eric Braun. „Andererseits sehen wir die Spaltung der sächsischen Sportwelt in Individual- und Mannschaftssportarten sehr kritisch.“

Fachliche Einschätzung der Ehrenamtler nicht gehört

Geschäftsführer Benjamin Kahlert formuliert es noch drastischer. „Es besteht die Gefahr, dass die Sportler auseinanderdividiert werden“, sagt er. In der jetzt geltenden Verordnung sei „kein handwerkliches Geschick zu erkennen“. Eric Braun ergänzt: „Durchaus nachvollziehbarer wäre es gewesen, keine Sportarten von der Entscheidung auszuschließen, sondern wie bereits im Frühjahr praktiziert an den Trainingsformen anzusetzen. Also beispielsweise nur Mannschaftstraining im herkömmlichen Sinne zu untersagen.“

Zudem kritisiert der KSB-Präsident, dass die Vertreter des Dachverbandes erst am 2. November, also nach Vollzug der Verordnung zu den Schutzmaßnahmen im Bereich Sport, gehört wurden „und ihre fachliche Lageeinschätzung im Vorfeld scheinbar nicht berücksichtigt worden ist“. Man könne doch politisch nicht immer von Stärkung des Ehrenamtes sprechen und die Ehrenamtler in Krisensituationen nicht einbeziehen.

Unverständnis herrscht zudem darüber, warum Erfahrungen und Lehren aus der ersten Corona-Welle nicht einbezogen wurden. Denn diesbezüglich haben sowohl der Kreissportbund Mittelsachsen als auch die Vereine jede Menge Ideen und Kreativität entwickelt, sich zum Teil auch organisatorisch neu aufgestellt beziehungsweise gefestigt.

KSB verfügt über schlagkräftige Truppe

Beispiel KSB: Dort wurde am 19. September ein neuer Vorstand gewählt, die Mitglieder des neuen Präsidiums kooptiert. Am 13. Oktober fand die konstituierende Sitzung statt. „Wir haben damit also das Fundament für die nächsten vier Jahre gelegt und das während der Corona-Zeit im Sommer in Gesprächen zwischen Präsidium und Geschäftsstelle langfristig vorbereitet“, so Benjamin Kahlert. Man verfüge jetzt über eine „schlagkräftige Truppe, die auf einem dichten Netzwerk aufbauen kann, zu dem beispielsweise Kreishandwerkerschaft, AOK oder die Hochschule Mittweida zählen“. In diesem Netzwerk sollen die Kräfte gebündelt werden, die in kleinteiligen Ausschüssen die einzelnen Bereiche beackern.

Einer der wichtigsten Bestandteile im Bildungsausschuss werde dabei das sogenannte „Blended Learning“ sein – also eine Lernform, bei der die Vorteile von Präsenzveranstaltungen und E-Learning kombiniert werden. „Als KSB Mittelsachsen sind wir da schon gut aufgestellt und befinden uns in vorderster Front‘“, so Benjamin Kahlert.

Eine weitere Erfahrung: Die Mitgliedsvereine haben mehr denn je mit dem KSB zusammengearbeitet. Dafür gibt es viele Beispiele aus der Zeit des Lockdowns im Frühjahr. Gemeinsam wurden Hilfen organisiert, das digitale Training eingeführt und, und, und. Einen Mitgliederschwund in den Vereinen in Größenordnungen gab es nicht. Vielmehr seien die Vereine für viele Menschen weiter ein Orientierungspunkt gewesen, eine Art Rückzugspol.

Auf Dauer gefährlich für den Sport

Einen diesbezüglichen Kollateralschaden befürchtet Benjamin Kahlert nicht. Vielmehr: „Wenn sich eine derartige Grundstimmung verfestigt, müssen wir als KSB den Vereinen vermitteln, dass ein klares Ziel da ist“. Das allerdings kann angesichts der aktuellen Situation nicht wirklich formuliert werden – eine Situation, die für den Sport auf Dauer gefährlich ist.

Mehr denn je könnte in den nächsten Wochen ein Aspekt wichtig sein, den der KSB schon im Frühjahr praktizierte: eine intensive Beratung anzubieten. „Damit wollten wir den Vereinen die zum Teil komplizierte Gemengelage erläutern, um Schnellschüsse zu vermeiden. Zum Beispiel hinsichtlich der Beantragung der Corona-Soforthilfe. Mancher wusste im Frühjahr nicht, dass man diese nur für den Fall der existenziellen Notlage bekommt. Davon waren zum Glück beim KSB Mittelsachsen nur sehr wenige Vereine betroffen“, so Benjamin Kahlert.

Eine weitere Erfahrung aus dem Frühjahr: Der Kreissportbund versorgte die Mitglieder auf seiner Homepage mit scheinbar einfachen Orientierungshilfen. Das ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht anders – aber „es kann nicht die Lösung sein, nur noch online miteinander zu kommunizieren“, so Kahlert. Sicherlich sei das Jahr „sportlich wohl gelaufen“. Genau deshalb aber müsse man den Ehrenamtlern jetzt einen gewissen Optimismus vermitteln, statt sie durch widersprüchliche Verordnungen weiter zu verunsichern.

Kein verlorenes Jahr

Von einem „verlorenen Jahr“ will der Geschäftsführer dennoch nicht sprechen. Sondern man sollte sich die Frage stellen: Was hat dieses Jahr gebracht? Vereinstechnisch gab es viel Bereitschaft zu Innovation – zum Beispiel bei der Nutzung digitaler Medien und Angebote. Die Erkenntnis habe sich durchgesetzt, dass dies viel Zeit spart und effizienter ist.

Natürlich sei sportlich vieles weggebrochen, Wettkämpfe ausgefallen, auf die sich die Sportler vorbereitet und gefreut hatten. Doch vielerorts wurde nach Alternativen und neuen Ideen gesucht – erfolgreich. „Ein Beispiel ist der virtuelle Landkreislauf, an dem sich sogar Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmar beteiligte. Wir sind froh, diese Alternative für das Event in Roßwein gefunden zu haben“, so Kahlert.

Seniorensportwoche abgesagt

Ein Blick voraus ist dennoch nicht ganz einfach. Jüngster Aderlass: Der KSB hat nach dem bereits verkündeten Ausfall der zentralen Auftaktveranstaltung in Lüttewitz nun die komplette Seniorensportwoche vom 20. bis 27. November absagen müssen. „Wir werden den beteiligten Vereinen und deren Mitgliedern dennoch eine kleine Aufmerksamkeit zukommen lassen. Wir hatten unseren beliebten ,Seniorensportkalender 2021‘ ja bereits lange im Vorfeld fertig gestellt“, erklärt Kahlert.

Für weitere Veranstaltungen zieht der KSB jetzt „Plan B“ aus der Schublade. So werden die geplanten Fort- und Ausbildungen für Übungsleiter an den Novemberwochenenden, die Beratung für Kinder- und Jugendarbeit am 17. November sowie die Regionalkonferenzen am 10., 17. und 26. November jeweils in Online-Formaten durchgeführt. Zu allen Veranstaltungen kann man sich noch über die KSB-Homepage www.ksb-mittelsachsen.de anmelden.

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