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Döbeln: Alkohol bleibt Droge Nummer eins

Fünf Prozent mehr Patienten als 2019 kamen bisher in die Suchtklinik. Dabei war der Trend im Vorjahr ein anderer.

Wer Suchtprobleme hat, greift in der Region Döbeln nach wie vor am häufigsten zu Alkohol. Aber auch die Sucht nach Drogen ist Thema im Altkreis.
Wer Suchtprobleme hat, greift in der Region Döbeln nach wie vor am häufigsten zu Alkohol. Aber auch die Sucht nach Drogen ist Thema im Altkreis. © dpa

Region Döbeln. Fast 400 Beratungsgespräche hat es im vergangenen Jahr in der Suchtberatungsstelle der Diakonie in Döbeln gegeben. Wie Martin Creutz, Leiter der Beratungsstelle, sagt, eine leichte Steigerung gegenüber dem Vorjahr. Doch das ist ein gutes Zeichen. Denn die Zahl der Klienten hat geringfügig abgenommen.

„Daraus folgt, dass es uns gelungen ist, mit den Klienten in ein Arbeitsbündnis zu kommen. Die Menschen haben sich auf einen intensiven Beratungsprozess von mehr Gesprächen eingelassen“, erklärt Creutz.

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Nach wie vor suchten vor allem Alkoholsüchtige (184) Rat bei Creutz und seinem Team. Auf Rang zwei folgten Beratungen mit Menschen, die süchtig nach Methamphetaminen (86), wie zum Beispiel Crystal, sind. An dritter Stelle stehen die Beratungen von Cannabis-Süchtigen (42). Beraten wurden zudem Patienten, bei denen eine Sucht nach Glücksspielen (9), Opioiden (7), Medien (4) oder Sedativa sowie Hypnotika (1) nachgewiesen worden ist. Aber auch 36 Angehörige suchten bei Creutz und seinen Kollegen Hilfe.

In 31 Fällen war es zudem nötig, dass 31 Patienten einen Antrag auf medizinische Suchtrehabilitation in einer Klinik gestellt haben. Hilfe gesucht haben hier Drogen- (19), Alkohol- (9) sowie Glücksspielsüchtige (2) sowie ein Medikamentensüchtiger. 

Wie sich die Zahlen 2019 im gesamten Landkreis entwickelt haben, das ist derzeit noch nicht bekannt. Die Suchtstatistik für Mittelsachsen für 2019 liegt noch nicht vor. Voraussichtlich Ende des Monats sollen die Zahlen nach einer abschließenden Bearbeitung veröffentlich werden, teilte Kreissprecher André Kaiser auf Nachfrage mit.

Auswirkungen der Pandemie zeigen sich erst noch

Doch wie ist aktuell die Lage in den Suchtberatungsstellen? Bereits im Zuge des ersten Lockdowns im Frühjahr war vielerorts zu hören, dass die Einschränkungen im Lebensalltag eine Flucht in die Sucht befördern könnte, vielleicht sogar vermehrt zu Rückfällen führt. Von der Tendenz her zeige sich jedoch, dass der Konsum von Alkohol und illegalen Drogen im Vergleich zu den Vorjahren auf nahezu unverändertem Niveau liege, sagt Matthias Gröll. Er ist Psychatriekoordinator im Landkreis Mittelsachsen.

„Eine Zunahme in Verbindung mit dem Lockdown ist aktuell nicht explizit ersichtlich. Eine eventuelle Steigerung lässt sich erst mittel- bis langfristig feststellen“, sagte er. Martin Creutz vermutet, dass die Zahl der Rückfälle durch den Lockdown zugenommen hat. Aber: „Rückfälle können nicht monokausal als Folge des Lockdowns betrachtet werde, da diese immer von mehreren Faktoren abhängig sind.“

Patienten, die aufgrund ihrer Sucht, vor allem nach Alkohol, in der Fachklinik in Hochweitzschen behandelt werden müssen, gaben bei Gesprächen allerdings wiederholt an, dass Rückfälle sich aufgrund des Wegfalls sozialer Kontakte ergeben hätten, berichtet Michael Veihelmann, Theologischer Geschäftsführer der Klinik. 

Halt finden die Betroffenen oftmals in den niederschwelligen Kontaktangeboten wie den Suchtberatungsstellen, Selbsthilfegruppen, Kontakt- und Beratungsstellen sowie in den Werkstätten.

 Diese Angebote fielen jedoch aufgrund des Lockdowns weg. Auch Veihelmann vermutet, dass sich die Folgen der Pandemie erst in den nächsten Jahren zeigen werden. Doch festzustellen sei schon jetzt, dass im Vergleich zum selben Zeitraum 2019 knapp fünf Prozent mehr Patienten in der Suchtklinik waren.

Noch persönliche Beratungen bei der Diakonie

Die Pandemie stellt nach wie vor auch die Beratungsstellen vor eine Herausforderung. Aktuell dürfen noch, unter Beachtung der Hygieneregeln, persönliche Gespräche durchgeführt werden, sagt Creutz. 

Dass die Gespräche vor Ort wichtig sind, habe sich nach dem ersten Lockdown gezeigt. Ab Mai waren die Termine in der Beratungsstelle, bei denen auch die nonverbale Kommunikation wieder mit einbezogen werden konnte, wieder möglich. Die Nachfrage danach sei wieder erheblich gestiegen. 

Während des Lockdowns wurde auf telefonische Beratung umgestellt. Die Beratung habe in jener Zeit eine neue Qualität erlangt. Aufgefallen sei bis Mai zudem, dass kaum neue Klienten den Weg zur Diakonie gesucht haben.

Landkreisweit sei die Pandemie seit Beginn auch Thema in den Behandlungen gewesen. „Dies wurde von allen Behandlern beziehungsweise Fachkräften aber gut und mit großem Engagement bewältigt“, bewertet Matthias Gröll. Welche Herausforderungen die „zweite Welle“ mit sich bringe, sei derzeit noch nicht absehbar und könne erst in angemessener Rückschau bewertet werden. „Alle am Behandlungssystem beteiligten Kolleginnen und Kollegen geben aber ihr Bestes“, betont Gröll.

Landkreis sichert Mindestangebot

Personell seien derzeit zumindest in der Suchtberatung in Mittelsachsen alle Stellen besetzte, informiert Creutz. Sollten jedoch Stellen frei werden, würde es durchaus eine Herausforderung werden, entsprechend qualifiziertes Personal zu finden. Zwei Vollzeitkräfte sowie drei Teilzeitbeschäftigte arbeiten derzeit bei der Suchtberatung der Diakonie.

An den von der Sächsischen Landesstelle gegen Suchtgefahren als notwendig erachteten Fachkraftschlüssel komme der Landkreis aber nicht ganz heran, gibt Matthias Gröll zu. „Die stärksten Abweichungen mit einer Unterversorgung von mehr als drei Fachkräften pro Region sind in den Landkreisen Mittelsachsen und Sächsische Schweiz/Osterzgebirge festzustellen“, heißt es im Jahresbericht für 2019 von der Landesstelle.

Das bestehende Angebot in Mittelsachsen, das sich an der vom Kreistag beschlossenen Fortschreibung des mittelsächsischen Psychiatrieplans orientiert, sichere ein Mindestangebot an Suchtberatung ab. Die Beratungsstellen sowie Außenstellen beziehungsweise Außensprechstunden seien relativ gleichmäßig und in guter Netzdichte auf das Kreisgebiet verteilt.

„Auch die meisten anderen, nicht der Planungsverantwortung des Landkreises unterliegenden Behandlungsbereiche sind ausreichend vorhanden“, sagt Gröll. Wünschenswert wäre allerdings eine höhere Anzahl an praxisniedergelassenen Fachärzten für Psychiatrie und Psychotherapie.

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