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Wie läuft es bei Florena in Waldheim wirklich?

Zwei Mitarbeiter des Waldheimer Werks von Beiersdorf machen ihrem Ärger Luft - und dem Konzern schwere Vorwürfe.

Voraussichtlich Ende nächsten Jahres wird das Waldheimer Werk von Beiersdorf geschlossen. Bei vielen Mitarbeitern sitzt die Enttäuschung tief. Nicht alle wollen oder können mit in das neue Werk nach Seehausen bei Leipzig wechseln.
Voraussichtlich Ende nächsten Jahres wird das Waldheimer Werk von Beiersdorf geschlossen. Bei vielen Mitarbeitern sitzt die Enttäuschung tief. Nicht alle wollen oder können mit in das neue Werk nach Seehausen bei Leipzig wechseln. © Dietmar Thomas

Waldheim. So hatten sich das Thomas Müller und Michael Schmidt (Namen geändert), nicht vorgestellt. Beide sind zuerst davon ausgegangen, dass sie mit der Schließung der Beiersdorf Manufacturing in Waldheim – ehemals Florena – mit in die neue Fabrik nach Seehausen bei Leipzig wechseln können. Aus heutiger Sicht wird daraus aber nichts. Das hat unterschiedliche Gründe.

Als im Februar 2020 den Mitarbeitern mitgeteilt wurde, dass es ihr Unternehmen in Waldheim bald nicht mehr geben wird, war das zunächst für alle ein Schock. „Die Versprechungen, die die Firmenleitung uns gegeben hat, hörten sich jedoch nicht schlecht an. Ich habe gehofft, dass ich nach Seehausen in das neue Werk übernommen werde“, erzählt der Waldheimer Thomas Müller.

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Inzwischen weiß er, dass sein befristeter Arbeitsvertrag nicht verlängert wird und vor der Schließung ausläuft. „Die Firma hätte mich fest einstellen müssen, denn die Befristung wurde schon mehrfach verlängert“, erzählt er. Inzwischen sei er seit rund acht Jahren für Beiersdorf Manufacturing in Waldheim tätig, erst als Zeitarbeiter und dann eben als befristet Angestellter.

Vertragsverlängerung und Entfristung nicht zur Debatte

Seine Vorgesetzten hätten ihm mitgeteilt, dass eine Entfristung nicht zu Debatte stünde. Stattdessen lerne er inzwischen einen neuen Kollegen an – auch wieder befristet für ein Jahr. Müller ist sich sicher, dass auch dessen Vertrag noch vor dem Umzug auslaufen wird.

Vorgesehen ist die Schließung des Waldheimer Betriebsteils, sobald die Produktion im neuen Werk angelaufen ist. So weit soll es schon im nächsten Jahr sein. So wie Thomas Müller gehe es etwa einem Drittel der Beschäftigten im Waldheimer Werk, die einen befristeten Arbeitsvertrag haben. Aktuell sind insgesamt rund 250 Mitarbeiter bei Beiersdorf Manufacturing beschäftigt.

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Wie viele davon einen befristeten Vertrag haben, dazu machte Beiersdorf auf Anfrage von Sächsische.de keine Angaben. „Grundsätzlich möchten wir möglichst viele Kollegen aus Waldheim auch im neuen Werk beschäftigen“, teilte eine Sprecherin der Beiersdorf AG mit.

Auch gebe es eine hohe Nachfrage zum Transfer nach Leipzig. Dies gelte auch für die befristeten Mitarbeiter. Der Sozialplan komme allerdings nur für diejenigen Mitarbeiter in Betracht, die zum Zeitpunkt der Schließung bei Beiersdorf beschäftigt sind und nicht für ehemalige Mitarbeiter, die nicht mit nach Leipzig transferieren.

„Über Vertragsverlängerungen und Entfristungen wird jeweils individuell zwischen Mitarbeitenden und Unternehmen entschieden. In vielen Fällen können wir unseren befristeten Mitarbeitern im Lauf ihres Arbeitsverhältnisses einen unbefristeten Vertrag anbieten“, so die Sprecherin.

Getrübte Stimmung bei Kollegen in Waldheim

Für Thomas Müller ist das alles sehr ärgerlich. Die Stimmung im Betrieb sei getrübt, viele Mitarbeiter fühlten sich unter Druck gesetzt, die Angebote für einen neuen Arbeitsplatz mit teilweise weiniger Entlohnung anzunehmen.

„Viele lockt wahrscheinlich auch das Geld – eine Art Umzugsprämie“, mutmaßt Michael Schmidt, der seit rund 20 Jahren im Waldheimer Florena Werk als Festangestellter arbeitet. Laut Sozialplan vergebe Beiersdorf an jene, die mit an den neuen Standort wechseln, eine Einmalzahlung in Höhe von 6.000 Euro.

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„Das Geld wird mit der letzten Abrechnung vor dem Umzug gezahlt, geht also voll über die Steuer“, sagt Schmidt.

Für ihn sei es aber von vornherein unakzeptabel gewesen, mit nach Seehausen zu wechseln. Ein einfacher Arbeitsweg von bis zu 60 Minuten, so stehe es im Sozialplan, gelte als zumutbar. „Aber für mich persönlich sind es eineinhalb bis knapp zwei Stunden Arbeitsweg täglich nicht. Auf 60 Minuten komme ich nach dem Berechnungsmodell für den einfachen Arbeitsweg nicht“, so Schmidt.

Er arbeitet wie Thomas Müller im Schichtsystem in sogenannter rollender Woche. Das schlauche schon an sich. Dann noch stundenlang zusätzlich Zeit auf der Autobahn zu verbringen, das, so habe er für sich entschieden, wolle er nicht.

Ist der Standort Waldheim nicht rentabel?

Die Folge seiner Entscheidung sei eine Änderungskündigung, die er nun schon in der Tasche habe. Auch das Angebot von Beiersdorf, ein Kilometergeld in Höhe von 30 Cent pro Entfernungs-Kilometer zu zahlen, habe seinen Entschluss nicht beeinflussen können. „Das wiegt die Kosten nicht auf – wenn man neben den Spritkosten auch den Verschleiß am Auto betrachtet.“

Arbeitnehmer, die einen weiteren Arbeitsweg als 60 Minuten haben – ermittelt worden sei der von einem sachverständigen externen Dienstleister – erhielten dagegen eine Abfindung, wenn sie nicht mit in das neue Werk wechseln wollen.

Die beiden Waldheimer ärgern sich generell darüber, dass das Werk überhaupt geschlossen werden muss. „Uns ist gesagt worden, Waldheim sei nicht rentabel. Aber wir haben in den vergangenen zwei Jahren Rekord-Stückzahlen eingefahren. Das verstehen wir nicht“, sagen sie.

Die Sprecherin des Unternehmens begründet die Schließung mit „langfristigen strategischen Perspektiven und strukturellen Herausforderungen.“ Eine Werkserweiterung oder ein Neubau könne auf dem Gelände in Waldheim nicht realisiert werden.

Die Gründe dafür seien vielfältig, vor allem aber seien die verfügbaren Flächen und die logistische Anbindung Gründe dafür gewesen, dass sich Beiersdorf für einen Werksneubau in Leipzig entschieden habe. „Dort entsteht ein neues, hochmodernes Werk. Es ist eine echte Perspektive für die langfristige Sicherung der Arbeitsplätze“, so die Sprecherin weiter.

Ihr Unverständnis äußerten die Mitarbeiter auch darüber, dass der relativ moderne Maschinenpark von Waldheim vermutlich in ein Beiersdorf-Werk nach Polen geschafft werde. „Uns ist gesagt worden, dass die Maschinen in Hamburg zwischengelagert würden. Die Spediteure haben uns erzählt, dass diese nach Polen gehen“, so die beiden Arbeiter.

Waldheimer Maschinen nicht für Leipzig geeignet

Im neuen Werk würden sie auch gar nicht benötigt, denn die Produktion dort unterscheide sich grundlegend von der in Waldheim. In Seehausen sollen sogenannte Aerosole – also in Sprayflaschen abgefüllte Kosmetik – hergestellt werden.

Das bestätigt das Unternehmen. „In Waldheim werden derzeit vor allem Cremes und Lotionen hergestellt, in Leipzig sollen Rasierschäume oder Haarspray produziert werden. Dafür werden jeweils andere technische Anlagen benötigt.“

Die Sprecherin informierte überdies darüber, dass derzeit aktiv nach Nachnutzungsoptionen für den Standort Waldheim gesucht werde. Genauere Angaben machte sie aber nicht. „Das ist ein laufender Prozess. Derzeit können wir dazu keine Aussagen treffen“, so die Sprecherin.

In der vergangenen Woche hat das Unternehmen bekanntgegeben, zusätzlich zu dem neuen Werk in Leipzig ein Logistik-Drehkreuz für den europäischen Markt zu bauen und dafür weitere 170 Millionen Euro zu investieren.

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