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Dominant wie nie

In Japan gewinnt Formel-1-Star Sebastian Vettel das fünfte Rennen in Serie, aber die vierte Titelsause ist verschoben.

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© dpa

Von Christian Hollmann

Im Blitzlichtgewitter kletterte Sebastian Vettel noch einmal auf die Boxenmauer und verneigte sich tief vor den in der Dunkelheit ausharrenden Fans. Sein fünfter Grand-Prix-Sieg in Serie hatte dem Formel-1-Spitzenreiter in Japan zwar noch nicht den vierten WM-Titel gebracht, doch an Vettels Genugtuung änderte dies nichts. „Ich bin wirklich überwältigt. Alles in allem ein perfektes Rennen“, schwärmte der Red-Bull-Pilot gestern nach seinem neunten Saisonerfolg. Schon Platz fünf in zwei Wochen in Indien reicht dem Hessen nun zur vorzeitigen Titelparty – selbst wenn sein letzter WM-Rivale Fernando Alonso dort gewinnen sollte.

In Suzuka fuhr Vettel einmal mehr mit kühler Präzision zu seinem vierten Erfolg auf der anspruchsvollen Asphalt-Acht. Weder Teamkollege Mark Webber, der eine falsche Boxenstopp-Taktik wählte, noch der starke Romain Grosjean im Lotus konnten Vettel aufhalten. Webber wurde Zweiter, Grosjean Dritter. „Ichiban“, brüllte er stattdessen in den Boxenfunk – „Erster“.

Dass Ferrari-Widersacher Alonso mit der routinierten Fahrt auf Platz vier die Titel-Entscheidung vertagte, war höchstens ein kleiner Schönheitsfehler. Der dreimalige Champion hatte ohnehin nicht an den vorzeitigen Titelgewinn gedacht. „Ich war viel zu beschäftigt damit, das Auto bis zur Ziellinie zu bringen“, sagte der 26-Jährige mit noch immer leicht zittriger Stimme. „Ich liebe diese Strecke, die Menschen hier. Ich hab‘ das sehr genossen“, beteuerte Vettel hochzufrieden: „Die Leute hier sind verrückt nach der Formel 1. Das macht diesen Sieg so süß.“

Auch ein „furchtbarer Start“ (Vettel) konnte ihn nur kurz bremsen. Mercedes-Pilot Lewis Hamilton touchierte beim Versuch, an Vettel vorbeizugehen, zudem dessen Frontflügel. Während den Engländer die dabei erlittene Beschädigung wenig später zur Aufgabe zwang, blieb es für Vettel bei einem Schreckmoment. Vettel drehte nun zunächst seine Runden auf Rang drei. Im Mittelfeld hatte sich derweil Alonso bereits vom achten auf den fünften Platz verbessert. Nach etwas mehr als der Rennhälfte drehte Vettel erstmals zahlreiche Führungsrunden – sowohl Grosjean als auch Webber hatten bereits zweimal die Box angesteuert, der Deutsche beließ es zunächst lange bei einem Stopp.

Nach 37 Runden ging Vettel ebenfalls in die Box, kam hinter Grosjean als Dritter zurück auf die Strecke – und war gleich deutlich schneller als der Franzose. Schon nach zwei aggressiven Manövern zog Vettel vorbei und ging nun auf die Jagd nach Webber. Der Australier hatte noch 15 Sekunden Vorsprung, musste aufgrund einer anderen Strategie aber noch einmal an die Box.

Zehn Runden vor Schluss kam Webber dann zum Reifenwechsel, und Vettel setzte sich problemlos an die Spitze. Nun ging es nur noch darum, ob Alonso seine Position halten konnte – doch der Spanier fuhr sogar noch auf dem vierten Platz ins Ziel. Vettel war das am Ende egal.

Mit 297 Punkten hat Vettel jetzt satte 90 Zähler Vorsprung auf Ferrari-Star Alonso. 100 Punkte sind für die Sieger der verbleibenden vier Saisonrennen noch zu vergeben. Heißt: Sogar wenn Alonso in Indien gewinnt, muss der WM-Spitzenreiter nur Fünfter werden, dann ist auch mathematisch alles vorbei. „Das ist nur noch eine Frage der Zeit“, sagte Alonso. „Es lief nicht alles für uns im Rennen. Aber es ist gut, wenn der Kampf um die WM noch offen ist – ein Rennen noch“, ergänzte der Spanier.

Der WM-Dritte Kimi Räikkönen ist nach seinem fünften Rang mit nun 120 Punkten Rückstand auf Vettel ebenso endgültig aus dem Titelrennen wie der Rest des Feldes. Der Gesamtführende blieb sich indes treu und schob den Gedanken an die nahe Entscheidung weit von sich. „Die Leute unterschätzen oft, wie viel Arbeit dahintersteckt“, sagte Vettel. „Wir haben jetzt einen guten Vorsprung, es sieht wirklich gut aus. Aber wir lassen nicht nach“, versprach er und freut sich nun auf „ein bisschen Ruhe“ zu Hause.

So war es auch in Japan. Im 116. Rennen seiner Karriere feierte Vettel schon seinen 35. Sieg. Auf keiner anderen Strecke hat der Deutsche so oft gewonnen wie hier. Und fünf Grand-Prix-Siege in Serie haben vor ihm nur fünf andere Piloten geschafft. Michael Schumacher fuhr 2004 sieben Siege in Serie ein. Gewinnt Vettel auch die verbleibenden vier Rennen, schließt er zum bisherigen Rekordhalter Alberto Ascari (Italien) auf. Der zweimalige Weltmeister hatte in den Jahren 1952 und 1953 neun Siege aneinandergereiht. (dpa mit sid)