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Drei, zwei, eins – weg

Das letzte Gebäude des Kraftwerks Hagenwerder ist verschwunden. Tausende Leute verfolgten die Bilderbuchsprengung.

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© Pawel Sosnowski/80studio.net

Von Daniela Pfeiffer

Hagenwerder. Der alte Mann steht da, als könnte er es noch gar nicht glauben. Jetzt ist es wirklich weg. Dieses Riesengebäude. „Das ist schon traurig“, sagt er. „Ich bin auch alter Kraftwerker aus Hirschfelde. Ich weiß, wie das ist.“ Es ist Sonnabend, eine halbe Stunde nach dem großen Knall. All die strengen Sicherheitsvorkehrungen, die hier oben in unmittelbarer Nähe des Maschinenhauses Hagenwerder herrschten, sind verflogen. Wie auch die beeindruckende Staubwolke sich irgendwo Richtung Görlitz verflüchtigt hat. Der ältere Herr ist mit seinem Auto noch mal direkt an den gigantischen Schutthaufen gekommen. Es scheint, als wolle er kurz Abschied nehmen von jahrzehntelanger Kraftwerksgeschichte. Zwar war das Braunkohlekraftwerk Hagenwerder schon vor 18 Jahren stillgelegt worden. Doch erst seit Sonnabend ist es endgültig verschwunden.

Auch aus der Vogelperspektive war der Moment der Sprengung in Hagenwerder eindrucksvoll.
Auch aus der Vogelperspektive war der Moment der Sprengung in Hagenwerder eindrucksvoll. © Vattenfall

Dass das planmäßig über die Bühne ging, dafür war ein neunköpfiges Team verantwortlich, das seit einer Woche vor Ort war und alles akribisch vorbereitet hatte. Auch eine Frau gehörte dazu: Ulrike Matthes von der Thüringer Sprenggesellschaft. Das Unternehmen war vom Energiekonzern Vattenfall mit der Sprengung beauftragt. „Wir haben am Montag begonnen, die Sprengladungen anzubringen“, erzählt sie, 420 Kilogramm. Dafür waren schon zuvor 1040 Löcher überall in dem 211 Meter langen Maschinenhaus gebohrt worden. Seit der Sprengstoff an Ort und Stelle war, stand der Kraftwerkskomplex unter Bewachung.

Riesiges Zuschauerinteresse

Für die Sprengung ist das Gelände weitläufig mit Zäunen abgesperrt. Dutzende Ordner sind rund um den Sperrkreis postiert, um zu verhindern, dass sich Schaulustige näher heranwagen als erlaubt. Das Zuschauerinteresse ist riesig. Schon 45 Minuten vor der Sprengung ist im Industriegebiet entlang der Nickrischer Straße kein Parkplatz mehr zu bekommen. Überall werden fleißig Kameras auf Stative montiert, Handys in Position gebracht.

Wesentlich näher heran dürfen geladene Gäste und Medien. Auch hier gilt, sich den besten Platz zu sichern, um Fotos und Videos zu machen. Einige haben gar Drohnen mit, um das Ganze aus der Luft zu filmen. Begleitet vom kollektiven Schmunzeln der Zuschauer werden sie kurz vor der Sprengung losgeschickt.

Dann kurz vor elf Uhr der Alarmton und eine gespannte Stille. Nur der Wind und hier und da ein Funkspruch sind noch zu hören. Schließlich der kurze Countdown „Drei, zwei, eins“ – peng. Für einen kurzen Moment bebt die Erde. Als das Gebäude in sich zusammengebrochen ist, applaudieren die Zuschauer. Die ersten schauen gleich, wie ihre Videos geworden sind, andere lassen weiterlaufen. Schließlich ist die Staubentwicklung beeindruckend und beruhigend die Gewissheit: Die Wolke zieht nicht zu uns, sondern dreht Richtung Hagenwerder ab.

Ein bisschen Wehmut

Ein kurzer wehmütiger Moment macht sich bei manch älterem Zuschauer dann doch breit. „Es war eben nicht zu retten, schon lange ein Schandfleck. Eigentlich hätte es eher weggemusst“, sagt eine ältere Besucherin.

Inzwischen macht sich Marc Buchholz ein klein wenig Sorgen. Er ist Werksleiter der Firma Polyvlies – ein unmittelbarer Nachbar hier oben. „Für uns beginnt jetzt die Arbeit“, sagt er. „Wir müssen jetzt unsere Maschinen alle wieder zusammensetzen, die wir aus Sicherheitsgründen auseinandergebaut haben. Mal schauen, ob noch alles ganz ist.“ Ob er sich freuen soll, dass der Ausblick ob des verschwundenen Gebäudes nun ein anderer ist oder nicht, weiß er selbst noch nicht so recht. „Es ist schön, dass alles weg ist“, sagt er einerseits. Andererseits überlegt er, dass das weithin sichtbare Maschinenhaus immer der perfekte Wegweiser für auswärtige Gäste des Unternehmens gewesen war. Dadurch war die Firma leicht zu finden.

Einige machen sich jetzt noch auf die andere Seite des Schutthaufens auf. Die Sperrungen sind aufgehoben. Beim MS Menü Service, der direkt neben dem gefallenen Komplex seinen Sitz hat, ist am Sonnabend die Schaltzentrale. Hier gibt es Essen, hier treffen sich diejenigen, die an der Sprengung mitwirkten. Und sie gratulieren sich.

Günter Franke war derjenige, der um 11 Uhr den Knopf gedrückt hatte. Gegen 12 Uhr taucht er auf, nachdem er alles kontrolliert hat. Sein Fazit: „Eine Bilderbuchsprengung. Es hat alles gestimmt.“

Währenddessen ist die Feuerwehr damit beschäftigt, die Schläuche wieder aufzurollen. Der Boden ist nass. Wasser gegen die Staubwolke. Erste Bagger rollen auch schon an. Sie werden das Bild nun über Monate bestimmen. Etwa 70000 Tonnen Beton sind zu beseitigen. Bis Februar 2017 soll das dauern.

Hier geht’s zu unserem Spezial zur Kraftwerks-Sprengung.