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Alles oder Nichts?

Am Montagabend will das Landgericht Dresden sein Urteil in einem teilweise kuriosen Drogenprozess verkünden.

Der 47-jährige Angeklagte Andre G. sagte am Ende seines Prozesses, dass er seit 1996 etwa 20 Jahre im Gefängnis verbracht habe. Daher seien Staatsanwaltschaft das Gericht voreingenommen. Er sei aber unschuldig.
Der 47-jährige Angeklagte Andre G. sagte am Ende seines Prozesses, dass er seit 1996 etwa 20 Jahre im Gefängnis verbracht habe. Daher seien Staatsanwaltschaft das Gericht voreingenommen. Er sei aber unschuldig. © Sven Ellger

Nach acht Monaten steht der teilweise kuriose Prozess gegen einen mutmaßlichen Drogenhändler am Landgericht Dresden vor dem Ende. Es geht um alles oder nichts: Nachdem die Staatsanwaltschaft für den 47-jährigen Andre G. eine lange Freiheitsstrafe von acht Jahren mit anschließender Sicherungsverwahrung beantragt hat, forderte nun Verteidiger Carsten Brunzel, seinen Mandanten freizusprechen.

Zuvor hatte der Anwalt jedoch die Besetzung des Gerichts gerügt und erneut einen Befangenheitsantrag gegenüber zwei Berufsrichterinnen und einer Schöffin gestellt. Anlass ist die Schwangerschaft der Schöffin, die im August von einem Betriebsarzt ein absolutes Beschäftigungsverbot attestiert bekommen habe, so Brunzel. Das habe er erst kürzlich aus der Akte erfahren.

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Das Gericht habe diese veränderte Situation im August nicht mitgeteilt und mehrere Tage verhandelt, was nach Darstellung des Verteidigers so nicht hätte passieren dürfen. Das Gericht wies die Beschwerde nach einer kurzen Beratungspause  zurück.

Kurierfahrten nach Tschechien und Polen

Andre G. soll von Mitte 2018 bis Anfang 2019 mehrfach mit größeren Mengen Crystal, die von Kurieren zunächst aus Tschechien und später aus Polen eingeschmuggelt worden waren, gehandelt haben. Es geht in sechs Fällen und jeweils 400 Gramm. Die letzte Kurierfahrt haben Beamten vom Zollfahndungsamt beendet - sie stellten ein knappes Kilo der Droge im Mercedes von Laurent F., einem 56-jährigen Franzosen aus Dresden, sicher.

F. ist ein langjähriger Freund von G., der im Mai wegen zweifachen Mordes verurteilt wurde, weil er im Mai 2019 seine beiden Kinder getötet hatte.

Auch G. selbst ist schwer vorbelastet. Er hat von den vergangenen 25 Jahren rund 20 in Gefängnissen verbracht. Unter anderem hatte er 1996 in Dresden einen Zuhälter und zwei Prostituierte erschossen und war dafür zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt worden.

2015 erhielt er in Görlitz wegen Drogenhandels eine weitere Haftstrafe von knapp drei Jahren. Wegen dieser erheblichen Vortaten fordert die Staatsanwaltschaft die Verhängung einer Sicherungsverwahrung.

Eine brüchige Indizienkette?

In seinem Plädoyer argumentierte Verteidiger Brunzel, sein Mandant sei nicht der Mann hinter den Drogengeschäften. Auch F. habe das erst wenige Tage zuvor in dem Prozess als Zeuge ausgesagt. F. brachte als Hintermann einen Dresdner namens Christopher Ivan ins Spiel, den es nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft jedoch gar nicht gibt.

G. war nur zwei Tage vor vor der Ermordung der Kinder verhaftet worden und habe dem Ermittlungsrichter mitgeteilt, dass F. in einem psychischen Ausnahmezustand sei, und "Dummheiten machen" werde. Das sei ignoriert worden.

Weiter kritisierte der Verteidiger, dass die von der Staatsanwaltschaft aufgestellten Indizienketten nicht für eine Verurteilung ausreichten. Es gebe nur Mutmaßungen und Aussagen von Drogenkurieren, die sich von ihrer Aussage milde Verurteilungen versprachen.

Auch Andre G. selbst hat in seinem letzten Wort seine Unschuld beteuert. Er sei vor seiner Verhaftung wegen der Morde ein anderer Mensch gewesen, habe sich seit dem nichts mehr zuschulden kommen lassen. Er habe sich in der Haft stets gut geführt, habe Therapien gemacht und an seiner Resozialisierung gearbeitet.

"Ich habe das nicht gemacht"

Bei der Görlitzer Drogensache habe er sich nach dem Tod eines Freundes in einer Lebenskrise befunden. Doch unter seiner Vergangenheit habe er heute noch zu leiden. "Ich bin jedem dankbar, der mir eine Chance gegeben hat und mir gegenüber unvoreingenommen war", sagte er. Er glaube nicht, dass das Gericht ihm gegenüber unvoreingenommen ist. "Ich habe das nicht gemacht", sagte er am Ende seines rund 20-minütigen letzten Wortes.

Bereits Ende September hatte Staatsanwalt Till von Borries gefordert, den Angeklagten zu einer Freiheitsstrafe von acht Jahren zu verurteilen. Er beantragte darüber hinaus, die anschließende Sicherungsverwahrung. Der Staatsanwalt hat keine Zweifel daran, dass andre G. hinter den Taten steckt. 

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Über den Befangenheitsantrag wird außerhalb der Hauptverhandlung entschieden. Das Gericht will sein Urteil am Montag, 18 Uhr, verkünden.  

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