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Berghofer ist "Zwischen Wut und Verzweiflung"

Der frühere Dresdner SED-Oberbürgermeister schenkt sich zum 80. Geburtstag ein Buch. Wolfgang Berghofer sorgt sich um den Wohlstand und sieht Deutschland am Abgrund.

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Wolfgang Berghofer, ehemaliger Oberbürgermeister von Dresden
Wolfgang Berghofer, ehemaliger Oberbürgermeister von Dresden © dpa/Wolfgang Kumm

Für die einen war er SED-Mann und Wahlfälscher, für andere der Hoffnungsträger „Bergatschow“: Wolfgang Berghofer. Geboren am 25. Februar 1943 in Bautzen, war von 1986 bis 1990 Oberbürgermeister von Dresden. Im Oktober 1989 war er Mitinitiator des Dresdner Dialogs mit der oppositionellen Gruppe der 20, verhinderte Repressalien an DDR-Oppositionellen und sprach sich für Veränderungen aus. Er wurde stellvertretender Vorsitzender der SED/PDS, aus der er im Januar 1990 unter Protest austrat. Er wechselte als Manager in die Wirtschaft und ist als selbstständiger Unternehmensberater in Berlin tätig. Ein Gespräch über Schaltzentralen der Macht, Putin und Gendersternchen.

Herr Berghofer, Sie haben zu Ihrem 80. ein Buch geschrieben. Im Vorwort schreiben Sie, dass Sie damit testen wollen, ob Sie „rufgemordet oder totgeschwiegen“ werden. Wollen wir trotzdem über den Inhalt reden?

Sehr gern. Ich bin 80, ich muss keine Rücksicht mehr nehmen. Die Cancel Culture ist mir so fremd wie das Gendersternchen. Ich bin mir allerdings bewusst, dass dieses Buch vermutlich bei einigen Zeitgenossen die gleichen Reaktionen hervorrufen wird wie das Festkleben auf dem Asphalt: Unmut und Unverständnis.

Der Titel des Buches heißt: „Zwischen Wut und Verzweiflung“. Warum sind Sie so wütend und verzweifelt?

Der Zorn gilt im Wesentlichen der um sich greifenden Idiotie in den Schaltzentralen der Macht weltweit, insbesondere aber in unserem Lande. Ich beschreibe allerdings nicht unbedingt meinen persönlichen Zustand, sondern die Befindlichkeiten insbesondere im Osten Deutschlands. Ich bemerkte eine große Angst vor der Zukunft.

Sie schreiben: „Wir reagieren bestenfalls, aber agieren nicht. Wir sind passiv.“ Meinen Sie, es geht allen Menschen so, ist das ein kollektiver Zustand, wer ist bei Ihnen „Wir“?

Mit dem „Wir“ meine ich vor allem unsere nationalen Interessen, die nicht klar definiert sind. Was ist eigentlich unser Ziel in Europa? Ich sehe Umweltzerstörung, Energiekrise, Finanzkrise, die Bildungsmisere, Überalterung, Krieg, Flucht, Wohnungsmangel, unkontrollierte Zuwanderung, profitorientiertes Gesundheitswesen und, und, und. Der Kapitalismus funktioniert nicht mehr.

Als einstigen SED-Funktionär und damit Vertreter des Marxismus-Leninismus dürfte Sie das doch freuen. Befindet sich der Kapitalismus in seiner „parasitären oder faulenden“ Phase?

Auf jeden Fall nähert sich der Kapitalismus neoliberaler Prägung seinen Grenzen. Allerdings sehe ich keine bessere Alternative, der dritte Weg war und ist eine Illusion. Letztlich ist der Kapitalismus ein effizientes Wirtschaftssystem, dessen hemmungslose Expansion nur eingedämmt werden muss. Das nennt sich soziale Marktwirtschaft. Ludwig Erhard hatte dieses Wirtschafts- und Sozialsystem nach dem Zweiten Weltkrieg in die Tat umgesetzt. Zurzeit allerdings lässt sich der Staat alles gefallen, anstatt klug zu regulieren. Was an Überregulierung existiert, schränkt vor allem den Bürger ein.

Offenbart Ihrer Meinung nach der Krieg in der Ukraine, dass die Annahme, wir leben in einem freien, friedlichen, demokratischen System, nur ein Traum ist und Nationalstaaten gegeneinander kämpfen wie vor über 100 Jahren?

Eines hat sich nicht geändert: Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Und das hat der preußische General Carl von Clausewitz bereits 1832 geschrieben. Heute erleben wir nichts anderes. Jeder Konflikt hat eine Vorgeschichte. Die USA will die Welt dominieren, und China will diese Dominierung beenden. Deshalb waren die Amerikaner daran interessiert, Russland in einen Konflikt zu drängen.

Sie führen in Ihrem Buch ein fiktives Interview mit Putin, stellen Fragen, die Sie bewegen, zitieren ihn. Eine Frage stellen Sie ihm nicht: Warum gibt es keine Gegenwehr der russischen Zivilbevölkerung gegen den Ukraine-Krieg?

Auch da betrachte ich die Geschichte. Als 1941 die Wehrmacht die Sowjetunion überfiel, bezeichnete Josef Stalin den Kampf gegen Hitler-Deutschland als „Großen Vaterländischen Krieg“. Der Begriff ist an den Vaterländischen Krieg gegen Napoleon im Jahr 1812 angelehnt. Gemeint ist ein Verteidigungskrieg auf eigenem Boden, auch wenn dieser in eine Gegenoffensive außerhalb der Staatsgrenzen übergeht. Bereits der Erste Weltkrieg wurde manchmal als Großer Vaterländischer Krieg bezeichnet. Das ist der Kontext, auf dem die Existenz des russischen Volkes beruht: „Wir schützen Mütterchen Russland.“ Genau an diese Tradition knüpft Putin an. Vor allem die ältere Generation hält daran fest, ihre Nation, ihre Kultur zu verteidigen. Erst mit der jüngeren Generation wird sich das vielleicht ändern.

Ist Putin in Ihren Augen ein Kriegsverbrecher oder Verteidiger Russlands?

Ich lehne die eine wie die andere Haltung ab, beide sind verlogen und heuchlerisch. Ich bin als ostdeutscher Geschäftsmann und ehemaliger Politiker für pragmatischen Realismus, und der folgt keiner Ideologie. Ich habe etwas gegen gefühlte Geschichte, wie ich auch Urteile über Personen nicht von aktuellen Stimmungen abhängig mache, wie es heute in Parteizentralen und Redaktionsstuben Brauch ist. Putin hätte gewiss gut daran getan, sich 2012 nicht wieder zum Präsidenten wählen zu lassen. In den beiden Amtsperioden davor hat er den russischen Staat, den sein Vorgänger Jelzin und dessen Administration ruiniert und international blamiert hatten, einigermaßen sortiert und neu aufgestellt. Vor allem gewann das russische Volk seine nationale Würde zurück. Dafür dankte es ihm. Wenn Wladimir Putin damals gegangen wäre, würde man ihm heute nicht nur in Russland Denkmale errichten. Doch er blieb und demontierte sich wahrscheinlich damit selbst. Vieles, was er heute macht, verstehe ich auch nicht.

Sehen Sie eine Chance, den Krieg zu beenden?

Krieg beendet man nicht mit mehr Waffen, sondern mit Verhandlungen. Um zu verhindern, dass es zu einer atomaren Eskalation kommt, ist das dringend notwendig. Das fordern sogar führende Militärs der Bundeswehr. Meine Erfahrung von 1989, als ich als Dresdner Oberbürgermeister die Wendezeit mitgestaltete, heißt: Man muss mit Konfliktparteien reden. Das verhindert Gewalt. Der Frieden hängt in diesem Fall von den USA ab. Der Krieg wird für Amerika schädlich, nicht für Russland. Ich reiste vor zehn Wochen nach Moskau und konnte nicht erkennen, dass die westlichen Sanktionen greifen. Russlands Wirtschaft steigerte in den vergangenen Monaten die Gewinne bei Öl und Gas um 28 Prozent. Und der eigentliche Gewinner heißt China. Deutschland sowie Europa müssen sich zudem endlich von der Vorherrschaft Amerikas lösen. Das sehe ich als Lösung.

  • Interview: Peter Ufer
  • Wolfgang Berghofer, "Zwischen Wut und Verzweiflung - Nüchterne Bilanz nach 80 Jahren", Edition Ost, 256 Seiten, 18 Euro, ISBN 978-3-360-02809-9