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„Ich habe gedacht: Ich muss da mal raus“

Christiane Reppe ist im Social-Media-Bereich eine der emsigsten Handicap-Sportler. Jetzt aber geht die Dresdnerin offline. Im Interview erklärt sie warum.

Sie ist dann mal weg. Paralympics-Siegerin Christiane Reppe zieht sich für vier Wochen aus dem Online-Leben zurück. Es ist eine Art Selbstversuch.
Sie ist dann mal weg. Paralympics-Siegerin Christiane Reppe zieht sich für vier Wochen aus dem Online-Leben zurück. Es ist eine Art Selbstversuch. © Jan Siewert

Dresden. Facebook muss sein und Instagram auch. Christiane Reppe teilt gern Inhalte ihres Athletenlebens über diverse Social-Media-Kanäle mit ihren Followern. Mittlerweile verfolgen fast 20.000 Leute, was die 33-Jährige tut. Im Behindertensport gehört die Paralympics-Siegerin von 2016 damit zu den reichweitenstärksten Sportlerinnen. Nun aber erklärte sie in einem Videoclip: „Ich bin dann mal offline.“ Bis zum 11. Januar will sie Social Media meiden. Im Interview mit Sächsische.de erklärt sie ihre Entscheidung.

Christiane, Sie haben sich für knapp vier Wochen aus dem virtuellen Leben verabschiedet. Wieso?

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Ich denke darüber schon eine ganze Weile nach. Es ist und bleibt eine Scheinwelt. Man sollte nicht alles glauben, was da geschrieben wird. Ich glaube, von mir behaupten zu können, dass es sehr authentisch ist, was ich da tue. Dass ich auch nicht mein Gesicht in die Kamera halte und sage: „Geiler Tag!“ – obwohl es schlecht geht. Das mache ich nicht. Man bekommt jedoch auch Freundschaftsanfragen von Leuten, die man nicht kennt, weil ich denen vorgeschlagen werde. „Befreundet“ sein ist in dem Zusammenhang wirklich ein grenzwertiges Wort. Ich möchte mich nicht mit jedem austauschen, der mir eine Freundschaftsanfrage schickt. Ich glaube, die Leute verwechseln das mit der realen Welt – und mein Eindruck ist, dass das immer mehr wird. Und anstrengend ist es auch.

Ist Ihnen das Online-Leben zu stressig, zu sinnfrei geworden?

Was heißt sinnfrei? Für mich als Sportlerin hat das schon Sinn. Klar, wir hatten jetzt während der Corona-Zeit kaum Wettkämpfe. Ich will da niemanden kritisieren, das entscheidet jeder für sich. Und es gibt ja genügend Leute, die das konsumieren.

Wie meinen Sie das?

Als Sportler kommt man heutzutage kaum mehr drumherum, weil Sponsoren das auch sehen wollen. Ich bekomme viele Anfragen für Aufträge auf Instagram. Weil die danach schauen, wie viele Follower du hast, was du da machst, wie du dich gibst und und und. Das ist wie eine Modelmappe. Mir macht das auch Spaß, selbst Inhalte zu gestalten. Aber ich merke, dass die Aktivitäten auf Instagram und Facebook enorm viel Zeit fressen. Man schaut auf andere Profile, guckt Videos an. Es ist wie eine Sucht, wenn man sich nicht dazu zwingt, nur zu bestimmten Zeiten reinzuschauen. Dass man also nicht denkt: Mir ist gerade langweilig – da schaue ich mal ins Internet. Zack, ist eine halbe Stunde weg. Früh wachst du auf, machst den Wecker aus und guckst erst mal, was auf deinem Handy abgeht. Es ist ja so. Ich habe gedacht: Ich muss da mal raus. Es macht einen auch unruhig.

Wurden Sie auch beschimpft?

Bei mir hält sich das in Grenzen.

Weil Sie gehandicapt sind?

Jein. Ich poste wenig kritische Sachen oder äußere mich kaum zu gesellschaftlichen Themen. Ich muss nicht zu jedem Thema meine Meinung mitteilen. Was mich am meisten an meinem eigenem Verhalten stört, ist die verschwendete Zeit, wenn ich auf allen möglichen Seiten gucke. Ich habe mich selbst nicht reguliert.

Was treibt Sie denn auf andere Seiten und Profile?

Ich glaube wirklich, dass es wie eine Art Sucht ist. Ich habe am Tag ja eigentlich gut zu tun. Du musst halt versuchen, dass du die Kontrolle behältst. Ich habe am vergangenen Montag mit meinem Offline-Leben angefangen. Ich war eine Runde auf dem Radweg an der Elbe unterwegs. Da kam mir der Gedanke: Normalerweise würde ich jetzt hier anhalten und ein geiles Bild machen, das ich posten kann. Das habe ich diesmal nicht gemacht. Ich wollte einfach genießen und für mich fahren. Ich habe auch mit anderen Sportlern drüber gesprochen: Du denkst häufig in Storys. Was könnte ich heute machen, was könnte ich posten? Eigentlich ist das krank. Das hat was von einer Zeitungskolumne über das eigene Leben. Man muss für sich da eine Grenze setzen und sagen: Wie weit gehe ich? Bin das am Ende noch ich? Tue ich das, weil mir das Spaß macht oder nur, weil ich andere Leute bespaßen will?

Mit ihrem Handbike ist Christiane Reppe auch in diesen Tagen unterwegs, auf schöne Fotos für ihre Social-Media-Kanäle aber verzichtet die Dresdnerin derzeit ganz bewusst.
Mit ihrem Handbike ist Christiane Reppe auch in diesen Tagen unterwegs, auf schöne Fotos für ihre Social-Media-Kanäle aber verzichtet die Dresdnerin derzeit ganz bewusst. © Jan Siewert

Weshalb haben Sich sich nicht still und leise ins Offline-Leben verabschiedet, sondern mit einem Statement?

Gute Frage, warum macht man das öffentlich? Ich wollte einfach Bescheid geben. Für mich war das irgendwie klar, dass ich es sage, warum ich jetzt eine Weile weg bin. Tatsächlich haben mich schon einige Freunde auf anderem Weg angeschrieben und gefragt: „Alles okay?“ Ja, es ist alles cool.

Geben Sie sich Mühe, echt zu sein? Wollen Sie anderen Leuten gefallen?

Nein, das mache ich nicht. Mit Sponsoren wird das aber geplant. Da spricht man sich ab, ob man Wettkampf und einen Clip verbinden kann. Vor zwei Wochen habe ich zum Beispiel bei einer Kampagne für den Netflix-Film „Was wir wollten“ mitgemacht. Ich habe mir den Film angeschaut und dann erzählt, was ich darüber denke. Dafür bekomme ich Geld. Im überwiegenden Teil meiner Beiträge zeige ich meinen Alltag. Ich will auch, dass die Leute das sehen. Man möchte sich so gut wie möglich darstellen, das Beste von sich zeigen. Doch das ist oft oberflächlich.

Erzielen Sie über Social Media erwähnenswerte Einnahmen?

Wenig, das ist keine wirklich große Einnahmequelle. Aber ich bekomme oft Anfragen über Facebook oder Instagram.

Und haben Sie sich auch extra Equipment für Social Media angeschafft?

Zum Beispiel ein Ringlicht – für Profilaufnahmen, das macht echt geiles Licht. Ich lege auch Wert drauf, dass es wertig aussieht. Dazu habe ich ein Mikro mit einem Filter und ein Kamerastativ. Alles andere mache ich per Handy.

Es gibt kaum Athleten, die offensiv von sich aus negative Dinge aus ihrem Leben veröffentlichen. Gehören die nicht auch zum Leben mit dazu?

Ja, aber das würde ja bedeuten, dass du die Leute reinlässt. Aber ich stimme zu, das sollte mit dazugehören, weil das auch interessant ist. Aber nicht jeder möchte jeden Menschen so nah an sich heranlassen. Schwäche zeigen ist sowieso schwierig.

Ist Schwäche in unserer Gesellschaft nicht gewollt?

Schwäche zu haben oder zu zeigen, ist ganz normal. Schwäche macht aber angreifbar und verletzlich.

Kennen Sie viele Ihrer Follower?

Ich kenne da natürlich nicht alle, möchte ich auch nicht. Ich finde aber immer krass, dass diese Menschen anhand meiner Postings denken, dass sie mich kennen und viel über mich wissen. Irrtum, ich zeige denen nur das, was ich will.

Sie sprachen von Sucht. Haben Sie jetzt schon Entzugserscheinungen?

Mir fehlt gerade nichts. Was ich meine, ist: Wenn ich ein Posting absetze, sind es immer dieselben Leute, die nach Sekunden schon meine Story angeschaut haben. Da denke ich mir: „Seid ihr die ganze Zeit da?“ Es gibt auch Leute, da weiß ich, zu welchen Zeiten sie online sind. Schon das zu wissen, finde ich, ist krank. Das ist so eine Zeitverschwendung.

Werden die Social-Media-Kanäle für Einzelsportler wie Sie nicht immer lukrativer – auch als potenzielle Einnahmequelle?

Ja, total. Deshalb komme ich ja auch wieder. Man vergleicht sich aber oft mit anderen. Man sollte damit aufhören, zu beobachten, was andere tun, und sich selbst danach zu beurteilen. Das mache ich zu oft, ist vielleicht so ein Sportler-Ding. Man darf diese Welt nicht zu ernst nehmen. Die Welt dreht sich weiter, auch wenn ich nicht auf Instagram unterwegs bin. Es entspannt mich total, nicht aller fünf Minuten aufs Handy zu schauen.

Was machen Sie mit der gewonnenen Zeit?

(lacht) Ich hatte vorher auch schon viel zu tun. Am Mittwoch war ich beispielsweise neben meinem Training bei einer Spendenaktion der TU Dresden dabei. Letzte Woche hatte ich einen Podcast. Aber das teile ich jetzt alles nicht mehr, da mache ich auch keine Ausnahmen.

Wie wollen Sie sich nach Ihrer Offline-Phase regulieren?

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Das Gespräch führte Alexander Hiller.

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