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"Neustädter Markt: Denkmalschutz unsinnig"

Warum die Gesellschaft Historischer Neumarkt diesen Status ablehnt und welche Visionen sie für den Platz hat.

Torsten Kulke ist der Chef der Gesellschaft Historischer Neumarkt. Er
lehnt die Unterschutzstellung des Neustädter Marktes als Denkmal ab. Foto: Sven Ellger
Torsten Kulke ist der Chef der Gesellschaft Historischer Neumarkt. Er lehnt die Unterschutzstellung des Neustädter Marktes als Denkmal ab. Foto: Sven Ellger © Sven Ellger

Dresden. Wird der Neustädter Markt unter Denkmalschutz gestellt? Zumindest fordern das einige Dresdner und haben Anträge auf Prüfung dazu beim Landesamt für Denkmalpflege gestellt. Die Untersuchungen laufen. Bei der Gesellschaft Historischer Neumarkt (GHND) sorgt das für Protest. Was der Verein dagegen hat, erklärt der Vorstandvorsitzende Torsten Kulke. 

Sie bezeichnen die Unterschutzstellung als unsinnig, dabei wollen viele Dresdner, dass Zeugnisse der DDR-Architektur diesen Staus erhalten. Was spricht dagegen?

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Dazu muss man sich vor Augen führen, wann der Neustädter Markt in der heutigen Form gebaut wurde. Er geht auf Pläne des damaligen Stadtarchitekten Kurt W. Leucht von 1967 zurück, der im übrigen den Abbruch sämtlicher städtischer Denkmale im Innenstadtbereich zu verantworten hat, u. a. auch das Neustädter Rathaus. Dresden sollte zur sozialistischen Großstadt entwickelt werden, die autogerechte Stadt war das Ziel. Für uns wäre eine Unterschutzstellung gleichbedeutend damit, diese Hintergründe als gut anzuerkennen. 

Aber der Neustädter Markt wird von Vielen als gelungene Architektur eingestuft. 

Na klar, viele ältere Dresdner erinnern sich noch daran, wie er 1979 zusammen mit der Straße der Befreiung eröffnet wurde. Sarkastisch hat man damit auch die Befreiung von den dahinter befindlichen Ruinen verbunden. Diese sollten verschwinden, optisch sowieso, aber auch baulich. Wir erleben 30 Jahre nach der friedlichen Revolution gerade eine Verklärung dieser Situation. Es war bereits 10 nach 12 für die Gebäude der Inneren Neustadt. Gerade dem Architekt Jürgen Mehlhorn, für den jetzt am Societätstheater eine Gedenktafel aufgehangen wird, haben wir es zu verdanken, dass diese Gebäude überhaupt noch stehen.

Das klingt, als würden Sie die Unterschutzstellung ablehnen, weil zu DDR-Zeiten vieles schief lief.   

Nein, es gibt  handfeste Punkte, weshalb wir den Neustädter Markt nicht unter Denkmalschutz stellen würden. Zum einen ist bereits sehr viel an ihm verändert worden. Zum Beispiel das Eckhaus, das früher den Meißner Weinkeller beherbergte und in dem sich heute das Restaurant Watzke befindet. Das Gebäude ist verändert worden, die Neonbeleuchtungen sind weg, das Interieur sowieso.  Wenn Unterschutzstellung, dann  hätte diese viel eher passieren müssen, als der Markt noch im Originalzustand war.

Außerdem spricht dagegen, dass der geplante Durchbruch zur Rähnitzgasse dann nicht mehr möglich würde. Doch der ist dringend nötig, um das Barockviertel besser anzubinden, als es jetzt der Fall ist. 

Geht es nicht auch darum, dass Sie die Turmhaube des alten Neustädter Rathauses nicht wie geplant aufstellen könnten, wenn der Platz denkmalgeschützt ist?

Tatsächlich wäre das auch unter dem heutigen Status schon gar nicht einfach, denn es gilt ein Umgebungsschutz für den bereits bestehenden Denkmalschutz um den Goldenen Reiter und die Achse der Hauptstraße. Wir wissen auch, dass dafür eine Prüfung nötig ist. Das Aufstellen der Turmhaube ist unser Wunsch, denn wir wollen 2023 vom Pirnaischen Platz auf den Neustädter Markt umziehen. Ob das in der von uns geäußerten Form klappt, wissen wir noch nicht. Deshalb hat die Frage des Denkmalschutzes hier wenig Einfluss.

Welche Vision haben Sie vom Neustädter Markt?

Wir glauben, dass es ein sehr gutes Wettbewerbsergebnis zum Neustädter Markt gibt. Die zwei neu geplanten Quartiere müssen nicht zwingend das Richtige sein, darüber kann man diskutieren, aber sie stellen den früheren Charakter des Platzes wieder her, die Sichtachse vom Kopf der Augustusbrücke zum Barockviertel ist auch gegeben. Es geht darum, den Platz städtebaulich weiter zu entwickeln. So steht beispielsweise der Goldene Reiter etwas verloren herum. 

Das Ziel muss sein, den Verkehr vom Platz wegzubekommen, der eine Trennmauer zwischen Alt- und Neustadt ist. Der jetzige Platz reagiert auf diese riesige Magistrale davor. Wenn die mal weg ist, kann man ihn auch neu bewerten. Aber wir wissen, dass jetzt erst mal das Königsufer dran ist, dann muss das Verkehrsproblem gelöst werden. Und dann kommt erst der Neustädter Markt. Wenn wir jetzt Tatsachen durch den Denkmalschutz schaffen, verbauen wir uns dort Chancen zur Entwicklung.  

Woher kommt das große Interesse der Gesellschaft Historischer Neumarkt am Neustädter Markt? 

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Viele wissen nicht, dass wir uns bereits seit 2009 mit dem Neustädter Markt beschäftigen. Wir haben damals gemeinsam mit dem Institut für Stadtbaukunst und dem Stadtplanungsamt studentische Arbeiten zur Zukunft des Marktes angeregt. Vielleicht haben wir uns bisher mit diesem Ort noch nicht mit der Intensität wie mit dem Neumarkt beschäftigt, weil Arbeiten dort dringender waren. Aber das wird jetzt. Übrigens kann man aus unserer Sicht Neustädter Markt, Hauptstraße und Barockviertel nur im Zusammenhang betrachten. Wir sind dabei uns mit den Gewerbetreibenden zusammen zu setzen, wie wir die Situation für alle verbessern können.

Das Gespräch führte Kay Haufe.

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