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Neumarkt-Macher macht auf dem Neustädter Markt weiter

Anfangs gab es nur Gegenwind für Torsten Kulke und die Gesellschaft Historischer Neumarkt. Warum heute selbst Kritiker große Wertschätzung zeigen.

Torsten Kulke am Friedensbrunnen auf dem Neumarkt, ein symbolischer Ort. Denn heute herrscht weitgehend Einvernehmen über die harmonische Wirkung des Platzes.
Torsten Kulke am Friedensbrunnen auf dem Neumarkt, ein symbolischer Ort. Denn heute herrscht weitgehend Einvernehmen über die harmonische Wirkung des Platzes. © Sven Ellger

Dresden.  Die Herbstsonne füllt die Außenplätze der Restaurants und Cafés rund um die Frauenkirche, Touristen bummeln über den Platz, Kinder laufen lachend Seifenblasen hinterher. Genau so hat sich Torsten Kulke den Neumarkt gewünscht,  voller Leben. "Und das selbst noch nach 21 Uhr, wenn in Dresdens Innenstadt längst tote Hose ist", sagt er. Für ihn ist es immer noch ein Wunder, dass dieser Platz entstanden ist. 1989 war daran überhaupt noch nicht zu denken, der Neumarkt leer und trist. Damals war Kulke gerade Vater geworden, musste sich beruflich orientieren und wusste selbst noch nichts von seinem künftigen Gestaltungswillen für den Platz. Erst  zehn Jahre später gründete sich die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden (GHND), deren Ziel  genau dieser lebendige Neumarkt war. Aber es schien lange Zeit unerreichbar.

Kulke, Vorsitzender der Gesellschaft, in der alle ehrenamtlich arbeiten, kann sich noch an die Schmach erinnern, die die Enthusiasten für einen möglichst originalgetreuen Wiederaufbau des Platzes anfangs erleben mussten.  Als Ewiggestrige wurden sie bezeichnet, als ein Verein belächelt, dessen Mitglieder doch eigentlich überhaupt nichts zu sagen hatten.  "Anfangs waren wir wirklich ein idealistischer Haufen voller Träumer. Keiner wusste, wie wir unsere Ideen umsetzen können", schätzt Stefan Hertzig ein, der allererste Vorsitzende der GHND.  "Torsten Kulke haben wir es in großem Maße zu verdanken, dass es geklappt hat. Er ist ein praktisch denkender und tatkräftiger Mensch, der komplizierte Projekte von der Finanzierung bis zur technischen Realisierung in die Hand nimmt", sagt Hertzig. Und ist glücklich, Kulke für die Idee gewonnen zu haben. 

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Obwohl der heute 55-jährige Kulke schon als Kind von alten Postkarten mit historischen Dresdner Ansichten fasziniert war und Fritz Löfflers "Das alte Dresden" als 13- Jähriger geschenkt bekam, dauerte es bis zum aktiven Engagement für den Neumarkt noch viele Jahre. Nach einem Studium zum Versorgungstechniker und später zum Betriebswirt hatte der gelernte Elektromonteur nach der Wende schnell viel zu tun. Die Familie stand im Mittelpunkt, bis er im Jahr 2000 einen Vortrag von Stefan Hertzig über den Neumarkt hörte. "Da stand für mich fest, dass ich da mitmachen wollte", sagt Torsten Kulke. 

Und schnell hat er die Vision eines Neumarktes befördert, der so weit wie möglich mit seinen kunst- und kulturgeschichtlich wertvollen Bauten wiederhergestellt werden sollte. Mit Zeitungsanzeigen, die er finanzierte, warb die Gesellschaft um weitere Mitglieder, immer befeuert von der Euphorie des Wiederaufbaus der Frauenkirche. Was dort ging, sollte auch für den Neumarkt denkbar sein. Den Aufbau des 250.000 DM teuren Infopavillons auf der Galeriestraße hat Kulke maßgeblich ermöglicht, indem er zahlreiche Sach- und Geldspenden eingeworben hat.  "Meine Frau hat mich dabei immer unterstützt", sagt er. 

Im Jahr 2002 wird den Mitgliedern des Vereins klar, dass sie Unterstützung aus der Bevölkerung brauchen, um bei der Neugestaltung des Neumarktes mitwirken zu können. Die Stadt hatte den Entwurf eines Bebauungsplanes erarbeitet, in dem vor allem moderne Bauten geplant waren. "Das wollten wir verhindern. Die Idee war, dass wir uns über ein Bürgerbegehren Rückhalt von den Dresdnern für einen historischen Neumarkt holen", blickt Kulke zurück. Er organisierte die dresdenweite Briefkastenaktion. Noch heute sieht er sich bis weit in die Nacht in seiner Küche sitzen, um die Unterschriften für das Bürgerbegehren zu paginieren. 63.338 kamen zusammen.  Doch der Stadtrat erklärte das Begehren aus formalen Gründen als unzulässig.

"Aber ich bin jemand, der lieber nach vorn blickt", sagt Kulke wenn er daran zurückdenkt. Die Idee eines eigenen rekonstruierten Hauses durch die GHND faszinierte ihn. "Wir wollten selbst vorangehen und ein Zeichen für den Wiederaufbau setzen, wollten Vorreiter sein", sagt er. Zunächst war das Schütz-Köhlersche Haus im Gespräch. "Aber das war eine Nummer zu groß für uns", sagt der Vorstandsvorsitzende. So kommt die Rampische Straße 29 ins Gespräch. Bis 2007 der erste Spatenstich für das barocke Bürgerhaus erfolgen konnte, war noch viel Arbeit nötig.

Torsten Kulke 2008 vor dem gerade wiedererstehenden barocken Bürgerhaus Rampische Straße 29.
Torsten Kulke 2008 vor dem gerade wiedererstehenden barocken Bürgerhaus Rampische Straße 29. © Archivfoto: SZ/Marion Gröning

Kulke beginnt in der Zeit, mit Stadträten, Mitarbeitern der Stadtverwaltung und Investoren ins Gespräch zu kommen. Es sollten Kompromisse gefunden werden zwischen den größtenteils modernen Pläne der Stadt für den Neumarkt und den Forderungen der GHND. Mit Erfolg. Die 2005 wiederöffnete Frauenkirche und erste Baufortschritte am Neumarkt riefen großen Interesse in Deutschland hervor. Die GHND regt zudem eine öffentliche Debatte darüber an,  wie Konzepte für eine zukunftsweisende Stadtplanung aussehen sollten.  Für ihr Engagement erhält sie zwei Preise, 2009 unter anderem den Nationalen Preis für Stadtentwicklung und Baukultur aus den Händen des Bundesbauministers. Die Wertschätzung aus den Reihen der Stadtverwaltung oder des Stadtrates ließ jedoch weiter auf sich warten. 

Bernd Dietze, der mit der Firma Baywobau den Auftakt zur Neumarkt-Bebauung mit dem Hotel de Saxe begann, kennt Torsten Kulke nun viele Jahre. "Ich würde ihn schon als besessen bezeichnen, um ein gutes Ergebnis für den Neumarkt zu erzielen", sagt Dietze. "Und der Erfolg gibt ihm recht, ohne die GHND würde der Neumarkt heute nicht so aussehen." Als Investor habe Dietze harte Verhandlungen mit Kulke führen müssen. Dessen Forderungen ginge oft weit darüber hinaus, was die Baywobau finanziell bei der Umsetzung leisten konnte. "Aber Kulke ist an guten Lösungen interessiert, das schätze ich an ihm", sagt Dietze.

Eine Lösung fand sich auch für das GHND-Projekt Rampische Straße 29. Im Herbst 2010 wird es feierlich eingeweiht und in eine Stiftung überführt. Nur wenige wissen, dass Kulke als Projektverantwortlicher dafür in der Privathaftung war, was ihm zahlreiche schlaflose Nächte bereitete. Zum Glück gab es zahlreiche Spenden, auch von Nobelpreisträger Günter Blobel sowie der us-amerikanischen Max-Kade-Stiftung. Der 1,25 Millionen-Euro-Kredit muss jedoch weiter abbezahlt werden, weitgehend aus den Einnahmen der Vermietung der vier Ferienwohnungen darin.

Klar, dass Kulke stolz auf das Bürgerhaus ist. Und auch darauf, dass der Gesellschaft heute wesentlich mehr Wertschätzung entgegengebracht wird, als noch vor zehn Jahren. "Es gibt eine Achtung gegenüber unserer Arbeit, die ehrenamtlich erbracht wird." 

Hier beginnt die nächste Station für Torsten Kulke und die Gesellschaft Historischer Neumarkt: Der Neustädter Markt
Hier beginnt die nächste Station für Torsten Kulke und die Gesellschaft Historischer Neumarkt: Der Neustädter Markt © Sven Ellger

Grünen-Landtagsabgeordneter und Dresdner Stadtrat Thomas Löser ist Einer, der längst nicht immer einer Meinung mit Torsten Kulke ist. "Aber ich schätze sein Engagement für die Stadt. Der Neumarkt ist durch seine Lebendigkeit, die Kleinteiligkeit und den Branchemix  enorm wichtig für Dresden. Und ohne die Arbeit der GHND hätte er heute nicht so ausgesehen", sagt Löser.  Der offene Austausch mit Kulke sei immer möglich gewesen.

Die neue Wertschätzung will Kulke nicht nur nutzen, um den Neumarkt mit dem Hotel Stadt Rom und später noch mit dem Palais de Saxe abzuschließen. Seit 2010 macht sich die GHND auch für eine Aufwertung des Neustädter Marktes stark. Zusammen mit dem angrenzenden Königsufer soll er in den nächsten Jahrzehnten neu gestaltete werden. Die Stadtverwaltung hatte dazu einen Wettbewerb veranstaltet, an dem erstmals auch die Dresdner Bürger teilnehmen konnten. Der GHND schwebt kleinteilige Architektur mit ziegelgedeckten Dächern vor.

Kulke möchte mit seinem Verein 2023 vom Pirnaischen Platz auf den Neustädter Markt umziehen, im besten Fall in die Rekonstruktion der Turmhaube des zerstörten Neustädter Rathauses. Ob das klappt, steht lägst nicht fest. So wollen beispielweise die Grünen das gesamte Ensemble der Hauptstraße und des Neustädter Marktes unter Denkmalschutz stellen lassen. Doch es gibt einen, der geduldig dafür kämpfen wird. 

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