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Dresdner Therapeut: Missbrauch oder Behandlung?

Ein Mann soll zwei Frauen missbraucht haben. Die Opfer bestreiten das zwar, doch er hat einflussreiche Gegner. Nun ist ein Urteil gefallen.

Ein erfahrener Heilpraktiker und Therapeut soll zwei Patientinnen sexuell missbraucht haben. Das behaupten zwar nicht einmal die Frauen, doch der Fall beschäftigt seit fünf Jahren die Justiz.
Ein erfahrener Heilpraktiker und Therapeut soll zwei Patientinnen sexuell missbraucht haben. Das behaupten zwar nicht einmal die Frauen, doch der Fall beschäftigt seit fünf Jahren die Justiz. © Marion Doering

Dresden. Intrige oder Missbrauch? Erlaubte Befunderhebung oder sexuelle Befriedigung? Im Prozess gegen einen Dresdner Physiotherapeuten ging es um nichts weniger als das. Am Freitag stand der 43-Jährige wegen Vergewaltigung und sexuellen Missbrauchs unter Ausnutzung eines Behandlungsverhältnisses vor dem Amtsgericht. Er soll im September 2016 als Angestellter einer Praxis in sexueller Absicht die Brust einer heute 39-jährigen Patientin abgetastet haben und mit seinem Finger in ihre Vagina eingedrungen sein. Im Mai 2017, zu diesem Zeitpunkt arbeitete er bereits für eine andere Praxis, habe er eine 16-Jährige ohne Vorankündigung im Intimbereich massiert, so die Anklage weiter.

Verteidiger Andrej Klein stellte die Vorwürfe als haltlos dar. Der Ärger habe mit einem Arbeitsrechtsstreit im September 2016 begonnen. Damals hätten die damaligen Chefinnen des Angeklagten einen Grund gesucht, ihn loszuwerden. Zuletzt sei dann dieses Strafverfahren hinzugekommen, aufgrund einer Anzeige des Dresdner Rechtsamts.

Die betroffenen Patientinnen hätten jedoch nie ausgesagt, Opfer sexueller Übergriffe geworden zu sein, und hätten auch keine Strafanträge gestellt. Selbst die Staatsanwaltschaft habe erst über eine Beschwerde beim Landgericht Dresden erreicht, dass das Verfahren überhaupt eröffnet wurde. Das Amtsgericht hatte das zuvor abgelehnt.

Sein Mandant habe den Arbeitsrechtsstreit gewonnen und auch ein weiteres Verfahren vor dem Verwaltungsgericht, weil die Stadt, über Gesundheits- und Rechtsamt, dem 43-Jährigen in einem Eilverfahren die Zulassung zu Unrecht entzogen habe, so Klein. Das jetzige Verfahren sei das dritte. Der Anwalt kritisierte, dass die Patientinnen vom Rechtsamt suggestiv befragt und unter Druck gesetzt worden seien, nur um seinen Mandanten zu belasten.

Klein kritisierte den Verfolgungseifer des Rathauses: Dass die Beamten das Ziel hatten, seinem Mandanten die Zulassung zu entziehen, sollen sie den Patientinnen schon eingangs ihrer Vernehmung mitgeteilt haben. Das ergebe sich alles aus den Akten.

Triggerpunkte in der Leistengegend

Der Angeklagte sagte zum Fall von 2017, er habe die Jugendliche nicht am Geschlecht berührt, sondern Triggerpunkte in der Leistengegend und an der Innenseite ihrer Oberschenkel. Die Jugendliche sei von einer Familienhelferin begleitet worden, die jedoch auf Wunsch der 16-Jährigen vor dem Behandlungsraum gewartet habe.

Die Behandlung der 39-Jährigen sei indiziert und mit ihr zuvor abgesprochen gewesen, so der Angeklagte zum Fall im Jahr vorher. Das Abtasten der Brust sei notwendig gewesen, weil er einen Knoten gespürt habe. Er sei verpflichtet gewesen, die Frau auf ein Brustkrebsrisiko hinzuweisen und ihr geraten, einen Gynäkologen aufzusuchen. "Dazu bin ich sogar verpflichtet gewesen", sagte er. Die Patientin sei seinem Rat nachgekommen und habe den Tumorverdacht abprüfen lassen.

Der vaginale Eingriff habe am dritte Behandlungstermin stattgefunden. Nachdem er zunächst um den Kopf herum nach der Ursache ihrer Kopfschmerzen und ihres Erschöpfungssyndroms gesucht habe, sei mit der Patientin abgesprochen gewesen, bei den folgenden Behandlungen die Suche im unteren Bereich fortzusetzen. Eine seiner damaligen Chefinnen habe davon gewusst, die Patientin am zweiten Tag sogar selbst behandelt. Am dritten Behandlungstag habe er ihr den Eingriff angekündigt. Sie habe anschließend auch noch einen Folgetermin vereinbart. Zu diesem sei es aber aufgrund seiner Kündigung nicht mehr gekommen.

Viele Fußballprofis behandelt

Der Angeklagte belegte, dass er über die entsprechenden Qualifikationen verfüge, auch solche intimen Behandlungen durchzuführen. Wegen eines Verkehrsunfalls musste der 43-Jährige seinen Leistungssport aufgeben. Er machte nach dem Abitur eine Ausbildung zum Physiotherapeuten und behandelte viele Jahre Fußballprofis, in Cottbus, Leipzig und in der Schweiz. Seit 2013 lebt er in Dresden, hat Frau und Kind und qualifizierte sich weiter zum Osteopathen und zum Heilpraktiker. Seine Freunde sagen, dass der Therapeut seine Patienten schneller als andere fit bekäme, das habe er im Leistungssport gelernt.

Das Schöffengericht vernahm die beiden Patientinnen unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie sollen auch dort im Wesentlichen die Darstellung des Angeklagten bestätigt haben. So habe der Therapeut die Jugendliche nicht am Geschlechtsteil sondern drei, vier Zentimeter daneben berührt.

Die 39-Jährige habe jedoch nicht sicher sagen können, wie ausführlich der „Eingriff“ zuvor besprochen worden sei, sagte der Richter später. Laut Akte habe die Frau gegenüber Ermittlern ausgesagt, sie habe "ein komisches Gefühl gehabt". Auch die Angaben der Patientin zu Vorerkrankungen seien schwammig gewesen.

In der Hauptverhandlung wurde auch bekannt, dass der Ehemann der Patientin am Tag nach der Behandlung in der Praxis angerufen habe, weil er sich über diesen vaginalen Eingriff gewundert habe. Später habe er sich jedoch wieder gemeldet und gesagt, er habe nun erfahren, dass das eine übliche Behandlungsmethode sei.

Kein Zweifel an der Qualifikation

Eine Sachverständige aus Bayern, eine erfahrene Physiotherapeutin und Osteopathin, beschrieb die Behandlungen des Angeklagten als angemessen und zweckdienlich, auch das Einführen des Fingers, um Muskelspannungen zu erfühlen. Der Angeklagte habe aufgrund seiner Qualifikation die Erlaubnis, eine derartige Befunderhebung durchzuführen. Er dürfe auch Behandlungskonzepte herausarbeiten. Die gynäkologischen Kenntnisse lägen vor, auch die Erlaubnis zu solchen Vaginaleingriffen.

Das Gericht sprach den Angeklagten daher frei. Es seien keine sexuell motivierten Handlungen erkennbar, sagte der Vorsitzende Wolfgang Blümbott. Das Gericht habe dem Therapeuten abgenommen, die Patientin zuvor informiert zu haben. In seiner Begründung ging der Vorsitzende nicht auf die Umstände ein, die offenbar zu diesem Verfahren geführt hatten. Er wertete schlicht die Ergebnisse der Beweisaufnahme. Allerdings betonte er, es sei noch immer nicht höchstrichterlich entschieden, ab wann ein ärztlicher oder therapeutischer Eingriff als sexuelle Handlung zu werten sei.

In anderen Worten: Solche Verfahren sind immer wieder möglich. Um sich davor zu schützen, müssen Ärzte und Therapeuten über ihre Methoden gut aufklären und im Zweifel eine Einwilligung einholen. "Mein Mandant wird in Zukunft vor solchen Eingriffen alles tun, das hat er gelernt", sagte Verteidiger Klein.

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Ausgestanden ist es für die 43-Jährigen aber auch nach diesem Urteil nicht. Die Staatsanwaltschaft hatte nur für den zweiten Vorwurf einen Freispruch gefordert. Das Einführen des Fingers in die Vagina blieb für die Staatsanwältin eine sexuell motivierte Handlung, für die sie eine Freiheitsstrafe von 14 Monaten auf Bewährung gefordert hatte. Der Angeklagte muss daher mit einem vierten Verfahren rechnen, der Berufung vor dem Landgericht.

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