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Jazztage Dresden: Festival Interruptus

Mit einem Doppelkonzert von Stephan König und Lisa Simone endet die Konzertreihe vorfristig und sehr bewegend.

Bewegendes Finale: Die amerikanische Sängerin Lisa Simone beendete mit ihrem Programm „In Need Of Love“ am Sontag im Ostra-Dome vorfristig die Jazztage Dresden.
Bewegendes Finale: Die amerikanische Sängerin Lisa Simone beendete mit ihrem Programm „In Need Of Love“ am Sontag im Ostra-Dome vorfristig die Jazztage Dresden. © Andreas Weihs

Von Karsten Blüthgen und Peter Ufer

Als der Russe Modest Mussorgski 1874 seinen Zyklus „Bilder einer Ausstellung“ veröffentlichte, erregte das avantgardistische, teuflisch schwer zu spielende Klavierwerk wenig Aufsehen. Das änderte sich erst, nachdem Maurice Ravel eine prächtig schillernde Orchesterfassung schuf. Und jede weitere Adaption von Emerson, Lake & Palmer bis Tomita half, diesen Mussorgski zum Klassiker zu festigen. Auch der Leipziger Jazzpianist Stephan König machte sich an diese „Bilder“ und rückte sie 2015 ins Licht eines Jazzquartetts. Besonders an seiner Fassung, die am Sonntag in den Dresdner Ostra-Studios zu hören war: Sie enthält den kompletten Klaviersatz.

Der wird in Königs Arrangement an vielen Stellen aufgebrochen, unterbrochen, erweitert. Das zeigte schon die „Promenade“, ein Satz, den Mussorgski seinen zehn klingenden Bildbeschreibungen voranstellt, den er später, einem roten Faden gleich, wiederholt und dabei stets variiert hatte. Im Prinzip der Variation liegt ein grundlegender Impuls für Königs gefühlvoll ersonnene, gut proportionierte Jazzversion.

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Weitere Impulse liefern die kühne Harmonik und Rhythmik des Originals. Hier konnte der Pianist zusammen mit Reiko Brockelt (Saxofon, Klarinette und Flöte), Thomas Stahr (Kontrabass und E-Bass) sowie Wieland Götze (Schlagzeug und Perkussion) in allen Lesarten des Jazz glänzen. Die vier zeigten sich variabel vom innigen Solo bis zum hochverdichteten Quartettspiel. Das war kurzweilig und auch stilistisch bildhaft, reichte vom Boogie (Tuilerien) bis zu Gershwin (Ballett der Küken).

Als Zugabe ließ König solo das Stück „Peace“ folgen. Diesen selten bedachten Standard von Horace Silver aus dem Jahr 1959 stellte er in den Ausstellungskontext und ließ ihn augenzwinkernd als „Promenadenmischung“ enden. Das Publikum war beglückt.

Tochter von Nina Simone

Lisa Simone trifft die Stimmung des Sonntagabends. Es sind nur noch wenige Stunden bis zum neuen Lockdown, der zwar light genannt wird, sich aber schwer auf die Gemüter legt. Die Sängerin weiß viel von Ängsten und vom Aufbegehren, von Verzweiflung und Verweigerung. Bei diesem letzten Konzert der Dresdner Jazztage im Ostra-Dom sang sie mit ihrer leicht rauchigen und zugleich wandelbaren Stimme von den Dingen, die einen Menschen belasten wenn ihm Liebe, Nähe und Zusammensein fehlen.

„In Need Of Love“ heißt das aktuelle, dritte Album der 58-jährigen Amerikanerin, die seit 2013 in Frankreich lebt. Erst mit 50 Jahren, nach dem Tod ihrer Mutter Nina Simone, fand sie den Mut, ihre eigenen Songs auf der großen Bühne mit dem Publikum zu teilen. „Um etwas beginnen zu können, musst du etwas anderes beenden“, sagt sie und erzählt von den Auseinandersetzungen mit ihrer dominanten Mutter.

Die herrausragende Jazz- und Bluessängerin sowie radikale Bürgerrechtlerin litt unter Psychosen, Drogenproblemen und Diskriminierung, ihr Kind ließ sie oft allein, wenn sie länger auf Tour ging. Die Tochter sah von Ferne den Superstar, hörte die Stimme, die Herzen erweichen konnte, erlebte zugleich Jähzorn, Depression und Abweisung. Sie sagt, dass sie Musik mache, um die Seele zu heilen. Anders als Nina Simone, die oft unglücklich die Welt verfluchte, strahlt die Tochter Hoffnung aus.

Abrupes Ende

Erwähnt werden müssen noch jene elf Jahre, die Lisa Simone für die US-Air-Force in Frankfurt am Main samt Einsatzzeit im Irak verbrachte. Um schnell wegzukommen von der Heimat, die sie nie so empfand, meldete sie sich zur Ausbildung als Mechanikerin. Diese Erfahrung habe sie für den Selbstfindungsprozess gebraucht, sagt sie. Von ihrem Leben singt Lisa Simone, die sich emanzipiert hat und im Gegensatz zu ihren ersten Alben inzwischen versöhnlich, fast verständnisvoll klingt und Freude verbreitet. Damit trifft sie den Nerv des Publikums, das mit Maskenschutz und Abstand den wärmenden Soul, Gospel und Blues aufzusaugen scheint und mit Beifall danach fleht, das Konzert möge nicht aufhören.

Wichtiger Teil der gelegentlich getragenen und oft sinnlichen Melodien ist der Mann an Lisa Simones Seite. Der Gitarrist Hervé Samb vermag es mit kräftig pulsierenden Rhythmen, mit funky Retrosounds, leicht entrücktem Reggae, modernen afrikanischen Elementen und lyrischen Melodien einen Klang zu erzeugen, der einem Quartett gleichkommt. Dem gebürtigen Senegalesen gelingt es spielend, den Groove zu legen, der die Sängerin lässig trägt. Beide lernten sich Anfang 2014 in der Pariser Musikszene kennen und seitdem arbeiten sie zusammen.

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Die Dresdner Jazztage gingen mit diesem gefühlvollen Konzert abrupt zu Ende. Bis zum 23. November sollten 52 Konzerte stattfinden. Wie es weitergeht, wisse Intendant Kilian Forster zurzeit nicht, sagte er auf Nachfrage. Die gekauften Karten würden ihre Gültigkeit behalten, denn die Konzerte sollen nachgeholt werden. Termine dafür könne er jedoch noch nicht nennen. Aber eines sei gewiss, meint er: „Ohne die angekündigte Hilfe des Bundes wird das Festival kaum überleben können.“

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