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Intime Sexfilmchen veröffentlicht

Ein 25-Jähriger hat private Filme auf eine Porno-Plattform gestellt. Seine Ausrede klingt zunächst glaubhaft - dann tauchen tausende weitere Dateien auf.

Immer wieder landen Angeklagte vor Gericht, die ihre privaten Pornos unerlaubt ins Internet stellen. Ein 25-Jähriger ist nun am Amtsgericht Dresden mit eines besonderen Sammelleidenschaft aufgefallen.
Immer wieder landen Angeklagte vor Gericht, die ihre privaten Pornos unerlaubt ins Internet stellen. Ein 25-Jähriger ist nun am Amtsgericht Dresden mit eines besonderen Sammelleidenschaft aufgefallen. © Archivfoto: dpa/Marcus Brandt

Dresden. Ein junger Mann muss über Jahre pornografische Fotos und Filme von zahlreichen Mädchen im Jugendalter gesammelt haben. Nun stand er vor dem Amtsgericht Dresden, weil er sieben Filmchen, die seine ehemalige Freundin zeigen, unerlaubt im Internet veröffentlicht hat. Es war ein kurioser Prozess.

Vier Tage befasste sich Strafrichter Uwe Klinzing mit dem Fall eines ehemaligen Lehramts-Studenten, der "jugendpornografische Schriften" auf einer bekannten Sex-Plattform veröffentlicht haben soll. Es ging um sieben Videos einer Jugendlichen, die sie offenbar selbst für den privaten Gebrauch angefertigt hatte. Zunächst klang der Fall nach einem Krimi, in dem der „wahre Täter“ erst im Prozess zu überführen sei.

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Der Angeklagte René O., heute angehender Hotelkaufmann, behauptete, er sei Opfer eines Identitätsdiebstahls, hinter dem möglicherweise ein Mitbewohner seiner Studenten-Wohngemeinschaft stecke. Konkret sagte er, seine damalige Freundin, die Geschädigte, habe ihm die Aufnahmen geschickt. Es klang, als seien ihm die Dateien regelrecht aufgedrängt worden. Er und die etwas jüngeren Teenagerin seien schon während der Schulzeit ein Paar gewesen. Doch Ende 2018 seien ihm Handy und Festplatte gestohlen worden, nach wenigen Tagen seien sie allerdings wieder aufgetaucht.

Dann habe er Erpresserbriefe erhalten und sei aufgefordert worden, „weitere“ Pornodateien hochzuladen. Im Juni 2019 sei er daher mit der Geschädigten, inzwischen seine Ex-Freundin, zur Polizei gegangen. Ihn habe gewundert, dass noch am selben Tag sein WG-Zimmer durchsucht wurde. Er habe die Filme nicht veröffentlicht, habe nicht einmal ein Account bei der Porno-Plattform.

Polizei-Anzeige aus Berechnung?

Auch Verteidiger Nils Hulinsky glaubte an die von der Unschuld seines Mandanten. Dieser könne schon deshalb nicht der Täter sein, weil er die Tat angezeigt habe, argumentierte der Anwalt. Hulinsky hatte stattdessen den WG-Mitbewohner im Verdacht, der interessanterweise nicht weit entfernt gewesen sei, wenn bei seinem Mandanten etwas passierte: Sowohl bei dem Diebstahl der Technik und beim Erhalt der Erpresserbriefe sei der Mann anwesend gewesen. Als Spezialist für Computertechnik empfehle sich der Mitbewohner zusätzlich als Verdächtiger.

Die erste schlechte Nachricht kam von einer Ermittlerin, die berichtete, auf den Datenträgern des Verdächtigen sei noch weit mehr Jugendpornografie sichergestellt worden, es sei ein weiteres Ermittlungsverfahren anhängig. Auch die Geschädigte berichtete von Hunderten oder mehr Dateien, die ihr Ex-Freund von ihr besessen habe.

Rund 20 weitere Frauen betroffen

Zuletzt sagte eine IT-Forensikerin der Staatsanwaltschaft, auf dem Computern seien 3.500 intime Dateien der Geschädigten und rund 2.000 jugendpornografische Dateien weiterer junger Frauen, die sie dem Umfeld des Angeklagten zuordnen könne, darunter Mitschülerinnen und Facebook-Kontakte. Die Sammlungen habe der Angeklagte in Ordner gespeichert, die er nach den etwa 20 Jugendlichen benannt habe.

Zweifelsfrei sei er seit 2017 auch Nutzer der Sex-Plattform gewesen. Er habe mit seiner E-Mailadresse und seiner damaligen Wohnanschrift identifiziert werden können. Die hochgeladenen Videos der Geschädigten seien auch auf anderen Plattformen für Internetpornografie entdeckt worden, wobei offenblieb, ob der Angeklagte auch dafür als Täter verantwortlich ist.

Staatsanwalt und Verteidiger plädierten auf Freispruch. Letzten Endes sei nicht nachzuweisen, ob der Angeklagte tatsächlich der Täter ist. Einzig Opferanwältin Stefanie Kretschmer forderte eine Verurteilung und ein Schmerzensgeld von 5.000 Euro. Der Angeklagte hätte nach der Trennung alles löschen müssen. Er habe schon früh intime Dateien ohne Zustimmung auf Sexplattformen veröffentlicht, habe immer wieder neue Dateien von ihrer Mandantin gewollt. Die Geschädigte hatte auch berichtet, dass der Angeklagte schon 2016 intime Dateien auf einem Messenger verbreitet haben soll.

Jahrelanger "Missbrauch"

Richter Uwe Klinzing, der einräumte, zu Beginn der Verhandlung eher einen Freispruch gesehen zu haben, war schließlich von der Schuld des Angeklagten überzeugt. Er verurteilte ihn am Freitag zu einer Geldstrafe von 1.800 Euro und zur Zahlung eines Schmerzensgeldes von 4.800 Euro an die Geschädigte. Seine Behauptungen seien widerlegt. Angesichts der zahlreichen Dateien, die bei ihm sichergestellt wurden, und seiner offensichtlich mehrjährigen Beschäftigung damit, müsse man fragen, ob der 25-Jährige nicht sogar "gewerbsmäßig" diese Dateien getauscht habe. Dazu sei jedoch nicht ermittelt worden.

Deutlich wurde Klinzing auch, was den Schaden angeht. Es sei nicht bekannt, wie viele Dateien mit der Geschädigten veröffentlicht wurden und wie lange das schon so geht. Der Richter sprach von einem Missbrauch der Geschädigten, der schon seit mindestens fünf Jahren andauere. Er sei überzeugt, dass der Angeklagte mit der Geschädigten zur Polizei gegangen sei, weil er Druck auf sie ausgeübt habe. Die Polizei habe das an diesem Tag durchschaut und daher noch am Abend das Zimmer des Mannes durchsucht.

Klinzing: „Die Geschädigte muss damit leben, noch auf ewig auf diese Dateien angesprochen zu werden.“ Er gehe davon aus, dass das Urteil am Landgericht in einer Berufungsverhandlung überprüft wird. Der Staatsanwaltschaft empfahl Klinzing, die Hintergründe der Tat besser zu beleuchten.

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