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Neustädter Markt: Schandfleck oder Denkmal?

Gemeinsam mit dem Königsufer soll der zentrale Platz umgestaltet werden. Die Meinungen der Experten dazu gehen allerdings weit auseinander.

Der Neustädter Markt: Heute prägen Platanen den Platz mit dem Goldenen Reiter.
Der Neustädter Markt: Heute prägen Platanen den Platz mit dem Goldenen Reiter. © Sven Ellger

Dresden. Es waren provokante Meinungen, die aufeinanderprallten, als die Gesellschaft Historischer Neumarkt (GHND) am Freitag zur Auseinandersetzung mit dem Neustädter Markt geladen hatte. So bezeichnete Christoph Mäckler die dortigen Plattenbauten als "häßliche Kisten, die einfach Schrott sind und nicht saniert gehören". Der Mann ist Architekt und Direktor des Institutes für Stadtbaukunst. Er verstehe, dass viele Dresdner Erinnerungen mit diesem Ort verbinden, aber das, was da in den 1970er Jahren entstanden ist, funktioniere städtebaulich nicht. Der Platz sei völlig überdimensioniert und biete nur Fläche, gestalte aber keinen Raum. Derzeit würde europaweit viel der 70er-Jahre-Bebauung abgerissen, die auch aus dem Gedanken der autogerechten Stadt heraus entstanden sind. 

Eine ganz andere Haltung zum Neustädter Markt, wie er sich heute präsentiert, vertrat Erika Schmidt aus der Bürgerinitiative Neustädter Freiheit. Die frühere Professorin für Landschaftsarchitektur an der TU Dresden betonte die Bedeutung, die der Platz mit seinen Platanenwäldchen beidseits des Goldenen Reiters vor allem für Anwohner, aber auch Besucher habe. Sie könnten an den Brunnen von Friedrich Kracht und den bepflanzten Hochbeeten verweilen, der Platz habe eine wichtige Freiraumqualität und wirke der städtischen Überhitzung entgegen. Außerdem schätze man in der Initiative die architektonische Geste der geöffneten Arme sowie die bauliche Ausstattung aus der Entstehungszeit. Es sei klar, dass die Plattenbauten zum Teil in einem erbärmlichen Zustand seien und Handlungsbedarf herrsche. Aber der Platz selbst sei in städtischer Hand, Geld für die Instandsetzung könnte man im Doppelhaushalt bereitstellen, so Schmidt.

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Königsufer als neuer Ort für ganz Dresden

Auch der Sieger des städtischen Wettbewerbes zur Neugestaltung des Königsufers und des Neustädter Marktes war Diskussionsteilnehmer. Architekt Bernd Albers erläuterte seine Vision von einem kleinteilig bebauten Königsufer, das heute in Teilen ein Camper-Parkplatz ist. Dort solle etwas für ganz Dresden geschaffen werden, wo man sich gern aufhalte. Dann könne man aus der Altstadt hinüber auf Gebäude blicken, wie es früher der Fall war. "Es soll der Versuch sein, die beiden Welten, also Alt- und Neustadt, wieder zusammenzubringen", sagte Albers. Derzeit arbeite er an der Erstellung des Bebauungsplanes. In der zweiten Phase gehe es um den Neustädter Markt.  

"Mich wundert die Diskussion, ob der Neustädter Markt bebaut werden soll. Es gab bereits einen Konsens in der Stadtgesellschaft dazu", so Albers. Immerhin sei auch die Aufgabenstellung des Wettbewerbes so formuliert gewesen und sein Entwurf sehe zwei neue Gebäude auf dem Markt vor.  Es sei der Gegenentwurf zum großen sozialistischen Modell. "Ich hoffe, dass dies nicht als feindliche Übernahme betrachtet wird, sondern als Versuch, Geschichte wieder in Gang zu setzen."

Er hat den Wettbewerb zur Neugestaltung des Königsufers und des Neustädter Marktes gewonnen und war Teilnehmer der GHND-Tagung am Freitag : Bernd Albers aus Berlin.
Er hat den Wettbewerb zur Neugestaltung des Königsufers und des Neustädter Marktes gewonnen und war Teilnehmer der GHND-Tagung am Freitag : Bernd Albers aus Berlin. © Foto: SZ/Kay Haufe

Wie wertvoll der Neustädter Markt vor seiner Zerstörung 1945 für die Stadt war, erläuterte Kunst- und Architekturhistoriker Stefan Hertzig. Der Goldene Reiter war mit dem markanten Neustädter Rathaus und Bürgerhäusern eng gefasst, es gab das Aha-Erlebnis, wenn man auf den Brückenkopf der Augustusbrücke trat und die auf die Elblandschaft und die Brühlsche Terrasse schaute. Angelegt waren die strahlenförmig verlaufenden Königs- und Hauptstraße so, dass man sie von Norden in Richtung Süden betreten sollte und so auf die Brücke gelangte und auch auf das Japanische Palais und das Blockhaus schauen sollte.

Doch die heutige Gestaltung des Platzes mit den beiden Plattenbauflügeln wirke zwar aus südlicher Richtung betrachtet wie ein Entree, aus nördliche Richtung aber wie zwei Schranken, die den Platz abriegeln, sagte Peter Stephan, der an der Fachhochschule Potsdam Architekturtheorie und Kunstgeschichte lehrt. "Der Platz ist viel zu groß, um den Goldenen Reiter einzufassen und die Brunnen sind viel zu klein, um zu wirken." 

Der Neustädter Markt mit der Hauptstraße um 1910 auf einer Postkarte. Links ist das Neustädter Rathaus mit dem markanten Türmchen zu sehen.
Der Neustädter Markt mit der Hauptstraße um 1910 auf einer Postkarte. Links ist das Neustädter Rathaus mit dem markanten Türmchen zu sehen. © Sammlung Holger Naumann

Entstanden sei der heutige Neustädter Markt, nachdem acht Straßenzüge zu DDR-Zeit einfach abgeräumt wurden, obwohl noch wertvolle Fassaden standen. "Es gibt für mich keine harmonische Beziehung zwischen den historischen und zeitgemäßen Elementen dort. Die derzeitige Bebauung ist eine aus der Not geborene Lösung. Ich sehe keine Voraussetzung dafür, diesem Ensemble den Denkmalschutzstatus zuzuerkennen." Darin war er sich mit Christoph Mäckler, Stefan Hertzig und Bernd Albers einig.

Erika Schmidt dagegen warf ein, dass man die Vorgeschichte eines Ortes nicht gegen die Bedürfnisse der jetzt dort lebenden Menschen ausspielen dürfe.

Verkehr zerschneidet den Übergang

Sämtliche Diskussionsredner kritisierten die Verkehrsführung. Die zum Teil sechsspurige Große Meißner Straße und Köpckestraße zerschneide Königsufer und Neustädter Markt. Nach dem Entwurf von Bernd Albers soll aber auf südlicher Seite dicht an die Straße herangebaut werden, der Stadtrat hat die Verwaltung beauftragt zu prüfen, wie dort eine verträglichere Lösung gefunden werden könnte. Die CDU-Fraktion hat den Bau eines Tunnels angeregt, der jetzt geprüft wird. Allerdings sei dies eine Bundesstraße, die man nicht von heute auf morgen vom Netz nehmen, so Linken-Stadtrat Tilo Wirtz. "Der Verkehr muss sich dem Städtebau unterordnen, nicht andersrum. Die Politik muss sagen, wie sie es will", so Albers.

Der Neustädter Markt braucht Zeit, so das Resümee der Veranstaltung. Die Entscheidung,  ihn unter Denkmalschutz zu stellen würde eine weitere, behutsame Entwicklung verhindern, die an der Stelle so wichtig ist und Geschichte wieder in Gang setzen würde, wie Architekt Albers betonte. Auch die Befürworter der heutigen Lösung wünschen sich Zeit. Das neue Königsufer könnte dazu beitragen, dass man eine gute Lösung findet, wie es am Neustädter Markt weitergehen soll. Demnächst soll der Entwurf des Bebauungsplanes im Bauausschuss vorgestellt werden.

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