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Dresdens exquisiter Schuhschrank

Wie kamen Napoleons Stiefel, Pantoffeln von Päpsten und Kurfürsten und Riesentreter von Leibwachen in die Dresdner Rüstkammer?

Gut gebettet auf Kunststoff: Die historischen Schuhe im klimatisierten Depot der Dresdner Rüstkammer haben mit Seide überzogene Polsterungen.
Gut gebettet auf Kunststoff: Die historischen Schuhe im klimatisierten Depot der Dresdner Rüstkammer haben mit Seide überzogene Polsterungen. © Arvid Müller

Dieser Baron von Block war um Ausreden nicht verlegen: „Was mich verblendete, Verbrecher zu werden, war nicht Eigennutz, ich habe mich nicht bereichert, war nicht der sträflichen Neigung, die Mittel für ein verschwenderisches Leben mir zu verschaffen, dem ich mich nie hingegeben, sondern ein reges Streben für Wissenschaft und Kunst bewog mich, die Sammlung mir nach und nach anzuschaffen, zu deren Erwerb ich in meinem Vermögen keine Hilfsquellen fand, und so griff ich nach mir anvertrauten Gütern.“

Langer Satz, kurzer Sinn: Die ihm „anvertrauten Güter“ waren die Schätze des Grünen Gewölbes, dem er als Erster Inspector vorstand. Peter Ludwig Heinrich von Block war Baron, Freiherr und ein manischer Sammler. Um seine Leidenschaft zu finanzieren, ließ er hochkarätige Edelsteine aus den Juwelengarnituren des Grünen Gewölbes gegen minderwertige austauschen, einige behielt er, andere versetzte er im Pfandhaus. Der Dichter Theodor Körner, der 1810 zusammen mit Johann Wolfgang von Goethe den Baron besuchte, wunderte sich sehr: „Die Edelsteinsammlung schien Goethe sehr zu interessieren. Mir scheint sie von großem Wert zu sein, und ich begreife kaum, wie Block dazu kommen konnte.“ Sieben Jahre später flog der krumme Geschäfte machende Baron auf. Er kam ins Zuchthaus. Seine Sammlung wurde konfisziert. Sie war so ausgefallen und universell, dass sie später auf mehrere Museen aufgeteilt wurde.

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Was für herrliche Schleifen! Hellblaues Seidenband, geklöppelte Goldspitze auf Schafs- und Ziegenleder trug frau um 1700. D
Was für herrliche Schleifen! Hellblaues Seidenband, geklöppelte Goldspitze auf Schafs- und Ziegenleder trug frau um 1700. D © SKD, Rüstkammer; Foto: Jürgen Karpinski

Der Baron von Block war in der Tat ein gebildeter Mann. Er stellte eigene naturwissenschaftliche Forschungen an und war bestens vernetzt in Wissenschaftler- und Sammlerkreisen sowie Mitglied diverser wissenschaftlicher Gesellschaften. „Er war ein leidenschaftlicher, ein manischer Sammler“, sagt Dirk Syndram, Direktor des Grünen Gewölbes und der Dresdner Rüstkammer. Edelsteine, Pflanzen und Insekten aus aller Welt fachten Blocks Forscherdrang an. Und vor allem Schuhe, so darf vermutet werden, ließen seine Augen glänzen: Stiefel von berühmten Feldherren. Schuhe aus exotischen Materialien. Pantoffeln aus fernen Ländern. Er jagte hinter abgelegten Tretern von Kaisern, Kurfürsten und Hofdamen her, von Dichtern und Denkern, Tänzerinnen und Leibwachen. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie das gerochen hat! Sogar Zeremonialschuhe von Papst Pius VI. (Slipper oder Mokassin) und Papst Pius VII. (Schnürschuh), aber jeweils aus rotem Seidenatlas – werden nun, sorgfältig konserviert, im Schuhschrank der Dresdner Rüstkammer bewahrt.

Dieser Unterschuh, auch Trippe genannt, ist das älteste Modell in der Rüstkammer. Hergestellt wurde das gefährlich spitze Schuhwerk in den 1460er-Jahren aus Eisen, Kork, Holz und Leder. Man zog die Trippen über die feinen Schuhe, um sie vor Schmutz und Nä
Dieser Unterschuh, auch Trippe genannt, ist das älteste Modell in der Rüstkammer. Hergestellt wurde das gefährlich spitze Schuhwerk in den 1460er-Jahren aus Eisen, Kork, Holz und Leder. Man zog die Trippen über die feinen Schuhe, um sie vor Schmutz und Nä © Karin Bretschneider

Dort ist Blocks Schuhsammlung in bester Gesellschaft. Dieses Museum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden besitzt nicht nur Waffen und Rüstungen, Reitzeuge und wunderbare Türkenzelte, Gartengeräte und andere edle Werkzeuge, sondern auch kostbare historische Gewänder mit den dazu passenden Schuhen. Blocks exquisite Sammlung war im 19. Jahrhundert eine willkommene Ergänzung des Bestandes. „Die Sensation der Blockschen Schuhsammlung besteht in ihrem aufgeklärten und universellen Charakter“, schrieb die inzwischen pensionierte Jutta Charlotte von Bloh, die jahrzehntelang die kurfürstlichen Kleider und Schuhe in der Rüstkammer erforschte und die Ausstellung „Macht und Mode“ im Schloss einrichtete.Blocks Schuhe verschwanden nach der Inhaftierung des Barons nicht im Depot. Bald schon wurden sie vom Königlich Historischen Museum, wie die Rüstkammer damals hieß, ausgestellt. Im Dresdner Zwinger waren sie zu sehen.

Männerschuhe, Frauenschuhe, Kinderschuhe und Kuriositäten gehören zum Bestand. Der älteste Schuh stammt aus der Zeit um 1460 und sieht aus wie ein überlanger, gefährlich spitzer Flipflop. Es ist eine Trippe, ein Unterschuh für Männer aus Leder, Holz, Eisen und Kork. Eher schlicht, aber von enormer Größe ist der Schuh eines Leibwächters. Männer trugen Kuhmaulschuhe – natürlich aus Rindleder. Stelzschuhe für Frauen hatten wahnsinnig hohe Plateausohlen, waren aus Ziegenleder, mit Seide und Gold bestickt und gewissermaßen die Highheels des 17. und 18. Jahrhunderts. Und was die Kuriositäten betrifft, so sind damit nicht besonders spektakulär geformte Trittchen gemeint oder Schuhe, bei deren Anblick man schon Blasen an den Füßen bekommt. Ein Schuh kann auch ein Gefäß sein. Aus dem einen trinkt man Wein, aus dem anderen wurde Tabak geschnupft. Hauptsache, Vergnügen!

Zeremonialschuh von Papst Pius VII., der von 1800 bis 1823 im Amt war. Roter Seidensamt mit Goldstickerei verziert, ein elfenbeinfarbenes Schuhband und Goldquasten.
Zeremonialschuh von Papst Pius VII., der von 1800 bis 1823 im Amt war. Roter Seidensamt mit Goldstickerei verziert, ein elfenbeinfarbenes Schuhband und Goldquasten. © Karin Bretschneider

Über den unerwarteten Zuwachs an Blocks exotischen Schuhen aus fernen Ländern freute sich schließlich auch das Dresdner Völkerkundemuseum bei seiner Gründung im Jahr 1878.Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Schuhsammlung der Rüstkammer nie wieder komplett in der Öffentlichkeit zu sehen. Viele Schuhe müssten erst restauriert werden, ehe man sie ausstellen kann. Einzelne Paare jedoch wurden als „Kunstwerk des Monats“ in der Rüstkammer vorgestellt oder waren als Leihgaben in der Welt unterwegs.

In diesen Tagen sind es Napoleons eher schlichte Reitstiefel aus dunkelbraunem Leder, die in Russland für Furore sorgen. Zu sehen sind sie in der großen Romantik-Ausstellung, die die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden gemeinsam mit der Staatlichen Tretjakow-Galerie Moskau ausrichten. Dass Napoleon diese Reitstiefel bei seinem Einmarsch in Moskau im September 1812 getragen haben soll, wird seit der Ausstellungseröffnung in Moskau begeistert weitererzählt. Baron von Block hatte dieses kaiserliche Stiefelpaar 1813 in Dresden gekauft. Dirk Syndram ist da eher skeptisch: „Das ist wohl eine Legende, dass er sie in Moskau trug. Beweisen lässt sich das nicht“, sagt er. „Man kann getrost davon ausgehen, dass Napoleon nicht nur ein Paar Stiefel besaß.“

Block, der seine Tochter Emilie mit dem berühmten norwegischen Maler Johann Christian Clausen Dahl verheiratete, war in seiner Sammelleidenschaft nicht nur auf Persönlichkeiten von Rang und Namen fokussiert. In der Rüstkammer ist man ausgesprochen froh darüber, dass er so großartige Zeugnisse des Schuhmacherhandwerks zusammentrug. Die Schuhe erzählen von der Kunst der Leder- und Textilverarbeitung vergangener Jahrhunderte, von der Macht der Moder und von einem, der auf zu großem Fuß lebte.

Dieser Schuh aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war nie an einem Fuß. Er ist eine Dose.
Dieser Schuh aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war nie an einem Fuß. Er ist eine Dose. © Karin Bretschneider

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