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So zauberhaft ist das neue Aschenputtel der Semperoper

In Dresden gibt es Rossinis Oper "La Cenerentola". Sehen- und hörenswert – und mit Schadenfreude.

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Begeistern das Publikum mit Gesang, Spiel und Ausstrahlung: Emily D’Angelo bei ihrem Hausdebüt als Cenerentola und Maxim Mironov als Prinz.
Begeistern das Publikum mit Gesang, Spiel und Ausstrahlung: Emily D’Angelo bei ihrem Hausdebüt als Cenerentola und Maxim Mironov als Prinz. © Ludwig Olah

Von Jens Daniel Schubert

Das Aschenputtel bei Rossini, „La Cenerentola“, hat weder magische Haselnüsse, noch hext eine gute Fee „Bibbidi-Bobbidi-Boo“. Dafür gibt es eine zauberhafte Musik voller waghalsiger Koloraturen, zungenbrecherischer Parlandi, aufwühlender Ensembles und stimmungsvoller Intermezzi. Am Sonnabend hatte Rossinis Oper Jahrzehnte nach der letzten Inszenierung im Semperbau Premiere – und der Jubel am Ende war riesig.

Rossini erzählt die Geschichte sehr menschlich. Die eigentliche Magie ist die auf den ersten Blick aufflammende Liebe zwischen der als Magd und Aschenputtel diskriminierten Stieftochter Angelina und dem Prinzen Don Ramiro. Dieser ist, gezwungen durch den Tod des Vaters, auf Brautschau. Allerdings hat er dazu die Rolle mit seinem Kammerdiener getauscht, um inkognito die Eignungen der Kandidatinnen zu prüfen.

Sein Lehrer Alidoro, und hier wird es in der neuen Inszenierung von Damiano Michieletto dann doch übersinnlich, hat ihm das Haus von Don Magnifico empfohlen, wo er Schönheit und Herzensgüte finden würde. Danach schaut es zunächst gar nicht aus. Das Bühnenbild ist eine steril-kalte Kantine mit weißen Fliesen, Tischen und Stühlen. Der Vater schläft auf der Kasse und wird von seinen Töchtern dennoch beklaut. Angelina kutschiert den Tablettwagen zur Küche, schwingt den Wischmopp und klaubt mit gelben Gummihandschuhen den Papiermüll vom Fußboden.

Im Prinzen-BMW durch die Nacht

Während die aufgebrezelten Töchter den falschen Prinzen umschmeicheln, verlieben sich Angelina und Ramiro auf den ersten Blick. Prinzenerzieher Alidoro – vielleicht ja Cenerentolas verstorbener Vater – ist zur Ouvertüre in einer Projektion „vom Himmel gefallen“. Jetzt kann er mit allerlei Verkleidung und Hokuspokus arrangieren, dass Cenerentola doch zur Party des Prinzen gelangt. Da kann die Stieffamilie toben, wie sie will.

Dafür hebt sich die Kantine und wird zum Oberstock des luxuriösen Loft des Prinzen. Das hat bezeichnenderweise den gleichen Grundriss wie Aschenputtels Heimat. Der Kostümbildner spendierte der jungen Schönen ein schulterfreies rotes Abendkleid mit Sonnenbrille und dekorativem Schal. Cenerentolas Auftritt raubt der gesamten Männerwelt den Atem, dass diese Amors Pfeile nach ihr schicken.

Die Inszenierung hat viele verrückte, komische Einfälle und spielt sie theatralisch aus. Insgesamt aber bleibt sie nah an der zentralen Liebesgeschichte. Die Protagonisten wissen um ihre Beziehungen. Ihre Reaktionen sind konkret und nachvollziehbar. Keine Aktion behindert die Entfaltung stimmlicher Brillanz.

Ein herrlich vielseitiger Stiefvater

Alessandro De Marchi leitet die Staatskapelle, den genau geführten Herrenchor sowie das exzellente Solistenensemble mit großer Routine und genauem Schlag. Manch stürmische metrische Schwankung lenkt er schnell wieder in geordnete Bahnen. Rossini kann so mitreißenden Schwung und emotionale Tiefe begeisternd entfalten. Alle Solisten glänzen mit perfekter Beherrschung atemberaubender Stimm- und Geläufigkeitsakrobatik. Emily D’Angelo überzeugt in ihrem gefeierten Rollen- und Hausdebüt in der Titelpartie darüber hinaus mit natürlicher Ausstrahlung und anrührender Stimmfarbe. Maxim Mironov als Prinz zaubert die Tenortöne ebenso selbstverständlich wie eine fast burschikose Lässigkeit. Selbst wenn er den Diener spielt, bewahrt er den herrschaftlich-überlegenen Impetus. Herrlich vielseitig zeigt sich Maurizio Muraro als Stiefvater. Anfangs proletarischer Kantinenwirt, spreizt er sich pfauengleich als Prinzen-Schwiegervater in Königsrobe.

Einfallsreich führt die Regie die Handlung nach dem zur Party umgedeuteten Ball durch die Gewitternacht zurück. Der prinzliche BMW kracht mit der Schaufensterscheibe von hinten direkt in die Kantine. Da finden sich die Liebenden. Alidoro arrangiert die Prinzenhochzeit. Während Cenerentola den Prinzen um Gnade bittet für die trotzig böswillige Stieffamilie, werden an sie und alle Hofschranzen und Speichellecker weiße Hochzeitsgaben verteilt. Sie entpuppen sich als festlich verpackte Gummihandschuhe. So müssen alle schlussendlich, wie Cenerentola anfangs, den Boden scheuern, lustvoll angetrieben durch den Seifenpulver streuenden Prinzen samt Diener, rhythmisch unterstützt von Rossinis Musik und fröhlich aufsteigenden Seifenblasen. So viel Schadenfreude darf sein.

Großer Beifall in Dresden für die Kooperation mit dem Théâtre des Champs-Élysée Paris, Hochrufe und Trampeln für die Sänger- und musikalische Leistung und insgesamt einen spritzigen, ideen- und bildstarken Abend.

Wieder am 12., 14. und 18. 11. sowie 15., 17. und 19. 12.; Kartentel. 0351 4911705