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Lingnerstadt: "Bitte nicht glattgestrichen"

Der Investor hat neue Entwürfe vorgelegt. Was die Dresdner Gestaltungskommission dazu sagt und warum das Palais Oppenheim eine neue Chance bekommt.

Diese Fassadenentwürfe sind für die Lingnerstadt im Büro entstanden.
Diese Fassadenentwürfe sind für die Lingnerstadt im Büro entstanden. © Gateway Real Estate

Dresden. Es ist immer spannend, wenn Investoren ihre Projekte in der Dresdner Gestaltungskommission präsentieren. An diesem Freitag stand ein besonders sensibles Gebiet auf der Tagesordnung: das Areal der Lingnerstadt zwischen Bürgerwiese, St. Petersburger und Grunaer Straße. Es grenzt unmittelbar an die historische Altstadt sowie an das Hygienemuseum. Wo viele Jahre nur Bürobauten standen, soll wieder ganztägig Leben einziehen.

Der neue Besitzer, die Gateway Real Estate, möchte Gebäude in Holzhybridbauweise errichten, in denen neben Wohnungen auch Platz für Läden, Büros und Praxen sein soll. Das von Gateway beauftragte Büro ist die Nokera Planning GmbH aus Leipzig. Geschäftsführer Gregor Fuchshuber stellte den Mitgliedern der Kommission die Pläne für die neue Lingnerstadt vor.

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Er sei sehr froh, sie schon in einem möglichst frühen Stadium präsentieren zu können, um weitere Anregungen zu erhalten, sagte Fuchshuber. Und stellte direkt an den Anfang, dass es kleine Abweichungen vom rechtskräftigen Bebauungsplan (B-Plan) geben wird. Dieser war auf der Grundlage eines Entwurfes von Peter Kulka entstanden.

So könnte es in den Innenhöfen aussehen.
So könnte es in den Innenhöfen aussehen. © Gateway Real Estate

Da man bei den Gebäuden, 48 entstehen allein im ersten Bauabschnitt, mit vorgefertigten Holz- und Betonelementen arbeiten möchte, kann man nicht so individuell bauen, wie es der B-Plan vorsieht. Darin waren zum Beispiel kleine Anbauten in den Höfen vorgesehen, Fassadenvorsprünge und Gesimse. Doch das sei durch die Holzrahmenfassaden nicht möglich, so Fuchshuber.

Er betonte aber die ökologischen Vorteile der Bauweise, die eine sehr gute Dämmung aufweise und Stromkosten für die künftigen Bewohner spare. Zudem sei Holz ein nachhaltiger Baustoff. "Das heißt aber nicht, dass die Fassaden nicht auch verputzt werden könnten. Das kann man variieren."

Neben Mitarbeitern seines Büros haben sich auch weitere Büros an Fassadenentwürfen beteiligt. Man wolle mit der Kleinteiligkeit an die Historie Dresdens an diesem Standort erinnern.

Wo ist die Kleinteiligkeit geblieben?

Doch das war offensichtlich nur bedingt gelungen, wie einige Reaktionen der Kommissionsmitglieder zeigten. "Ihre Lösung ist ein bisschen glattgestrichen", sagte Jürg Sulzer, der Leiter der Gestaltungskommission. Gerade die kleinen Ecken und Kanten machten den Reiz des neuen Viertels aus, doch genau die seien weggefallen.

Ole Flemming sprach vom "Glattziehen der spielerischen Elemente" und dem Weglassen von unterschiedlichen Höhen der Dachlandschaften. Stadtrat Tilo Wirtz (Die Linke) sah statt der geforderten Kleinteiligkeit "investorengerecht geglättete und verbilligte Fassaden".

Doch es gab auch Lob für die Entwürfe. "Es ist toll, die Fassadenideen zu sehen", sagte Mikala Halme Samsoe. Holz sei teuer, aber noch nicht knapp, Sand dagegen schon. Auch Grünen-Stadtrat und Landtagabgeordneter Thomas Löser fand es gut, dass die Holzbauweise nun direkt in der Innenstadt ankommt. Für Thomas Kaup aus der Gestaltungskommission ist Holzbau die Zukunft des innerstädtischen Bauens und das Gateway-Projekt begrüßenswert. Doch man müsse daran arbeiten.

Gregor Fuchshuber erklärte, dass die kleinen Anbauten in den Höfen aufwendig und teuer seien. Man habe sie aus wirtschaftlichen Gründen weggelassen. Ziel des Auftraggebers sei bezahlbarer Mietwohnungsbau.

Auf den Weg gaben ihm die Mitglieder der Gestaltungskommission nicht nur eine differenziertere Fassadengestaltung mit verschiedenen Dachhöhen mit, sondern auch, mehr Platz für Bäume zu lassen. Dies eben nicht nur auf aufgeschütteten Beeten im Hof, sondern über verkleinerte Tiefgaragen, um die Bäume direkt in die Erde pflanzen zu können. An Regenwasser zur Bewässerung hat Gateway bereits gedacht, was in Zisternen aufgefangen werden könnte.

Und einen weiteren Punkt wollten viele Sitzungsteilnehmer geklärt wissen: Hat das Palais Oppenheim eine Chance, wieder aufgebaut zu werden? Es stand früher an der Bürgerwiese, das Areal befindet sich im Grundstück der neuen Lingnerstadt. Der Verein Gottfried-Semper-Club Dresden macht sich seit Jahren dafür stark. Seit Kurzem ist das Gebäude auch als möglicher Standort für ein Jüdisches Museum im Gespräch. Laut der Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden (GHND) gibt es einen Investor, der bereitsteht, das Palais wieder zu errichten.

Wer klärt die offenen Fragen?

"In den vergangenen vier Wochen ist sehr viel zum Thema Palais Oppenheim an uns herangetragen worden", sagt Gateway-Vorstand Stefan Witjes. Ihn wundere jedoch, warum das Gebäude im B-Plan keine Rolle spielt. Er sei ehrlich, dass er nicht begeistert sei, was den Wiederaufbau anbelangt. "Aber wir sind für eine Abstimmung zum Thema offen. Uns kommt es darauf an, alles zu beschleunigen, dass es am Quartier weitergeht."

Doch mit dem Wiederaufbau ergäben sich viele Fragen. Wie ist die Verkehrslösung, wenn es ein Museum wird? Wie wirkt sich der zusätzliche Verkehr am Wochenende im Wohngebiet aus? Wer baut das Palais und wie sieht die Zeitschiene dazu aus? "Diese Fragen möchte ich beantwortet haben, damit es keine Neverending Story wird", sagt Witjes.

Kommissionsleiter Jürg Sulzer fasste zusammen, dass man eine große Bereitschaft vom Bauherren und Architekten erkenne, weiter an den Lingnerstadt-Fassaden und ihrer Kleinteiligkeit zu arbeiten. Nicht alle Innenhöfe sollten gleich aussehen. "Sonst könnte es als Siedlungsbau am Rande der Stadt stehen", so Sulzer. Das Palais Oppenheim sollte weiterverfolgt werden, empfiehlt Sulzer.

Auf dem Areal zwischen Bürgerwiese und St. Petersburger Straße soll die erste Etappe der Lingnerstadt entstehen.
Auf dem Areal zwischen Bürgerwiese und St. Petersburger Straße soll die erste Etappe der Lingnerstadt entstehen. © Sven Ellger

Gateway-Vorstand Witjes schätzte das Feedback aus der Kommission wie Architekt Fuchshuber als sehr positiv ein, es habe sehr konstruktive Anregungen gegeben.

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Und auch Torsten Kulke von der GHND war zufrieden, dass der Investor es nicht abgelehnt hat, über das Palais Oppenheim zu sprechen. "Wir sind positiv gestimmt. Jetzt müssen wir die aufgeworfenen Fragen klären und das Projekt festzurren."

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