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Weil Sehnsucht einfach weh tut

Damit ihre Bewohner in Quarantäne nicht vereinsamen, versuchen Pflegekräfte und Angehörige aus Dresden echte Besuche wenigstens ein bisschen zu ersetzen.

Das Beste aus der Lage machen - das ist das Credo von Irene Fleischer im ASB-Seniorenheim Dresden und ihrer Tochter Beate Kästner. Sie telefonieren über ein Tablet und können sich so trotz Besuchsverbot sehen.
Das Beste aus der Lage machen - das ist das Credo von Irene Fleischer im ASB-Seniorenheim Dresden und ihrer Tochter Beate Kästner. Sie telefonieren über ein Tablet und können sich so trotz Besuchsverbot sehen. © PR

Dresden. Es war hart genug gewesen, die Mutti überhaupt ins Heim zu geben. Doch Beate Kästner wusste sich irgendwann keinen anderen Rat. Immer stärker machte sich die Parkinsonkrankheit ihrer Mutter bemerkbar, begleitet von Demenz. "Sie ist mehrfach gestürzt und musste operiert werden", erzählt die 60-Jährige. Aus jeder Narkose wachte die Seniorin verwirrter auf.

"Wir wohnten rund 70 Kilometer voneinander entfernt", sagt Beate Kästner. Ihre Arbeit in Schichten machte es ihr sehr schwer, sich regelmäßig um die Mutter zu kümmern. Also holte sie sie im November 2019 nach Dresden ins ASB Seniorenheim "Am Gorbitzer Hang". Ein schwerer Schritt, war die 85-Jährige doch ein Leben lang so fit und eigenständig gewesen.

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Heute weiß Beate Kästner: Ihre Mutter ist gut aufgehoben. Doch die Zeiten haben sich geändert. Früher besuchte die Seniorin wochentags die Demenzambulanz des Heimes - eine Art Tagespflege, speziell ausgerichtet auf die Bedürfnisse der erkrankten Heimbewohner. "Das hat ihr sehr gut getan", sagt ihre Tochter. Der professionelle Umgang mit Demenz konnte das Leiden nicht aufhalten, aber die Erinnerungen länger festhalten. Die von früher und die aus dem Hier und Jetzt.

Zwei Tablets wandern durchs ASB Seniorenheim

Irene Fleischer hat sich mit ihren 85-Jahren auf die ungewohnte Technik eingelassen. Eine Umarmung von ihrer Tochter und den Enkelkindern ersetzt das allerdings nicht.
Irene Fleischer hat sich mit ihren 85-Jahren auf die ungewohnte Technik eingelassen. Eine Umarmung von ihrer Tochter und den Enkelkindern ersetzt das allerdings nicht. © PR

Seit zum Schutz vor Corona Bewegungsfreiheiten und Besuchszeiten im Heim stark beschränkt oder vorübergehend ganz ausgesetzt werden mussten, versinkt die inzwischen Bettlägerige in ihrer eigenen Welt. Die Quarantäne über ihrem Wohnbereich verbietet jeden Besuch von außen. Wie lange würde es dauern, bis Beate Kästner für ihre Mutter zur Fremden wird? Bis die Demenz ihr Gesicht, ihren Namen für immer in Vergessenheit zieht?

"Auf der Homepage des Heimes habe ich gelesen, dass es die Möglichkeit gibt, per Skype mit den Angehörigen zu telefonieren", erzählt Beate Kästner. Davon war sie begeistert und meldete sich gleich an.

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Ihre Bitte um ein Treffen mit ihrer Mutter per Video-Anruf landete im Terminkalender von Vanessa Schubert. Die gelernte Ergotherapeutin ist im Heim des Arbeiter-Samariter-Bundes zuständig für Kultur und Freizeit. Der regelmäßige Heimfunk, der Musik, Nachrichten und Geburtstagsgrüße in die rund 250 Zimmer sendet, gehört ebenso dazu wie die Heimzeitung. Die Mitte Zwanzigjährige organisiert Geburtstagsfeiern und Heimfeste, Singekreise, Männerstammtische und Gottesdienste.

Letzteres aufgrund Coronas schon seit vielen Wochen kaum noch. Doch sie hat eine neue Aufgabe. Mit ihrem Tablet besucht sie Heimbewohner, die in Quarantäne sind oder wegen genereller Besuchsverbote weder Familie noch Freunde empfangen dürfen. Über dieses kleine, flache Gerät holt sie nun Töchter und Söhne, Enkelkinder und Ehepartner wenigstens virtuell ins Heimzimmer.

"Ich finde das eine tolle Idee", sagt Beate Kästner, die bisher zweimal auf diese Weise mit ihrer Mutter sprechen konnte. "Wegen ihrer Demenz ist es nicht mehr möglich ein richtiges Telefonat mit ihr zu führen." Zu verwirrt sei die Seniorin inzwischen. "Aber Mutti sieht mich und ihre Enkel. Sie erkennt uns und freut sich, bei uns sein zu können."

Vor zwei Jahren übernahm Vanessa Schubert (l.) den Heimfunk von ihrer Vorgängerin Ilona Lehmann. Damals konnte noch niemand ahnen, wie sich ihre Arbeit durch Corona verändern würde.
Vor zwei Jahren übernahm Vanessa Schubert (l.) den Heimfunk von ihrer Vorgängerin Ilona Lehmann. Damals konnte noch niemand ahnen, wie sich ihre Arbeit durch Corona verändern würde. © René Meinig

Vanessa Schubert weiß, wie viel es Angehörigen und Bewohnern bedeutet, in Kontakt zu bleiben, wie wichtig es für den Zustand der alten Menschen ist, und dass Sehnsucht einfach weh tut. "Schon im März haben wir zwei Tablets angeschafft und begonnen, auf diese Weise echte Besuche wenigstens ein wenig zu ersetzen. An Feiertagen koordinieren sie und ihre Kollegen Video-Treffen im Zweistundentakt.

Als die Lage über den Sommer Lockerungen erlaubte, ließ der Bedarf zwar nach. Für Angehörige, die weit weg wohnen, blieb es aber eine gute Möglichkeit. "Ich selbst war anfangs etwas skeptisch, ob unsere betagten Bewohner das Angebot annehmen würden, und wurde überrascht." Vanessa Schubert traf auf große Neugier und Offenheit.

Manche Seniorinnen und Senioren hatten zunächst Mühe zu verstehen, dass ihre Verwandten in diesem Moment tatsächlich live mit ihnen verbunden sind. Was sie sahen, hielten sie für eine Filmaufnahme. "Zum besseren Verständnis nennen wir das Tablet dann Bild-Telefon."

An diesem Nachmittag taucht auf dem Bildschirm Beate Kästner auf. Auch ihre beiden erwachsenen Söhne und ihre 16-jährige Tochter begrüßen via Skype die Oma im Heim. Die bringt wie meistens vieles durcheinander. Ihre Lieben jedoch und was sie ihr vom Leben da draußen erzählen, hat sie im besten Sinn des Wortes auf dem Schirm.

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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