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Wenn das Homeschooling Kinder abhängt

Ohne die Arbeit des Vereins In Via Dresden-Meißen hätten viele Mädchen und Jungen keine Chance, dem Unterricht zu folgen. Ihre Eltern können ihnen nicht helfen.

Katrin Häntsch gibt im "Mädchentreff Lucy" Nachhilfe für Kinder, deren Eltern ihnen nicht helfen können. Zum Schutz vor Corona müssen sie und ihre Kollegen überwiegend Einzelstunden stemmen.
Katrin Häntsch gibt im "Mädchentreff Lucy" Nachhilfe für Kinder, deren Eltern ihnen nicht helfen können. Zum Schutz vor Corona müssen sie und ihre Kollegen überwiegend Einzelstunden stemmen. © PR

Dresden. Die Kleinsten haben sich in die Haare bekommen, der Erstklässler bockt, die Teenager hören laut Musik. Lärm und Geschrei schon am Vormittag. Eigentlich wäre jetzt Ruhe in der Wohnung. Knirpse in der Kita, Schulkinder im Klassenraum. Doch alles ist anders: Gespielt, gestritten, geturnt, gegessen wird zu Hause. Eigentlich auch gelernt.

"Aber unserer Erfahrung nach haben 20 bis 30 Prozent der Grundschüler keinen Zugang zu digitalen Lernmöglichkeiten", sagt Katrin Häntsch. Sie gehört zum Vorstand des Vereins "In Via Dresden-Meißen e. V.", der sich ursprünglich der sozialen Unterstützung von Mädchen und Frauen verschrieben hat.

Inzwischen ist sein Wirkungskreis erweitert und bietet unter anderem Beratung für Familien in schwierigen wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen an. Auch Nachhilfeunterricht für Mädchen und Jungen gehört zu den Projekten. Seit der coronabedingten Schulschließungen ist das Angebot "Hilfe beim Homeschooling" stark nachgefragt.

"Normalerweise sind wir ein offener Treff für Mädchen und Frauen, aber auch für Schüler aller Schulformen und Altersklassen generell", sagt Katrin Häntsch. Mit der Offenheit war es per Lockdown vorbei. Gruppenangebote wurden verboten, und zunächst zogen sich all die Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig zur Nachhilfe gekommen waren, gezwungenermaßen in ihr häusliches Umfeld zurück.

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Anzeichen dafür, dass viele von ihnen von Anfang an oder schleichend vom Schulunterricht auf Distanz abgehängt wurden, bemerkten die Mitarbeiter des Vereins bereits im vergangenen Frühjahr. Mit dem zweiten Lockdown und den abermaligen Schulschließungen wurde die Lage akut. "Wir bekamen nicht nur zunehmend Anfragen von Kindern und Eltern, sondern auch von Schulsozialarbeitern, Lehrern und sogar Kinderärzten", erzählt Katrin Häntsch.

Schülerinnen und Schüler, denen das Lernen ohnehin schwer fällt oder deren Eltern nicht in der Lage sind, ihre Kinder beim Homeschooling zu unterstützen, tauchten völlig unter. Der Kontakt zu ihnen riss ab, Aufgaben wurden nicht erfüllt und Nachfragen der Lehrer ignoriert.

"Ich erlebe immer wieder, dass Eltern sich um das Lernen ihrer Kinder kümmern wollen, aber es nicht schaffen", so Katrin Häntsch. Gründe dafür sind die mangelhafte Ausstattung mit Computern und Internet oder auch die Überforderung mit dem Schulstoff selbst. "Viele Familien haben drei, vier und mehr Kinder und verlieren den Überblick." Wenn dazu noch Sprachbarrieren kommen, haben die Kinder keine Chance.

Einzelunterricht für 36 Mädchen und Jungen

Die Zeit zwischen erstem und zweitem Schullockdown haben die Mitarbeiter, ehrenamtlichen Helfer und Praktikanten von In Via dafür genutzt, sich auf die neuen Anforderungen mit Hygienekonzept und digitalen Angeboten einzustellen. So boten sie zuletzt 36 Mädchen und Jungen Einzelunterricht an. Von der Eins-zu-eins-Betreuung wichen sie nur ab, wenn Geschwister gemeinsam in die Nachhilfestunde kamen.

Geschwister dürfen gemeinsam zur Homeschooling-Hilfe im Verein gehen. Magda und Martin sind sehr froh, dass Katrin Häntsch ihnen hilft, den Anschluss an den Schulstoff nicht zu verlieren.
Geschwister dürfen gemeinsam zur Homeschooling-Hilfe im Verein gehen. Magda und Martin sind sehr froh, dass Katrin Häntsch ihnen hilft, den Anschluss an den Schulstoff nicht zu verlieren. © PR

Nun sind die Grundschulen zwar wieder geöffnet, doch das Interesse reißt nicht ab. Viele jüngere Schüler haben den Anschluss an die Anforderungen verloren und brauchen weiterhin Unterstützung. Oberschüler ebenfalls.

Der Verein mit seinem Mädchentreff "Lucy" erhält keine institutionelle Förderung der Stadt. Seit rund 15 Jahren halten nur einmalige Ausschüttungen und Spenden die Angebote am Leben. Die einzige länger währende finanzielle Unterstützung bekommt der Verein vom Europäischen Sozialfond. "Er deckt noch bis Juni 2022 die Miete für unsere Räumlichkeiten und eine feste Stelle zu 80 Prozent ab", sagt Katrin Häntsch. Dafür ist sie sehr dankbar.

Kürzlich erreichte sie und ihre Kollegen ein Geldsegen gerade zur rechten Zeit: Der Lions Club Dresden Semper setzt sich seit seiner Gründung im Jahr 1994 für unterschiedliche soziale Projekte ein. Die 33 Mitglieder sammeln viele Spenden über Veranstaltungen ein. Doch die Lions Nacht musste im vergangenen Jahr ebenso ausfallen wie der traditionelle Orchideenball.

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Um trotzdem Gelder zur Verfügung stellen zu können, rief der Club seine Mitglieder auf, auch ohne große Aktionen und Festivitäten zu spenden. Dabei kamen insgesamt 3500 Euro zusammen. "Wir haben von dem Geld ein Laptop mit Kamera und einen mobilen Drucker angeschafft", sagt die Vereinsvorständin. Damit können die Nachhilfelehrer in die Familien gehen oder von den Vereinsräumen aus digital beim Homeschooling helfen.

Außerdem floss die Zuwendung in den Erhalt des In-Via-Domizils, das auch als Anlaufstelle für Kinder, Frauen und Familie in Krisen nachgefragt ist. Mit einem kleinen Teil des Geldes half der Verein Bedürftigen bei der Bezahlung von Mahngebühren und Medikamenten. Die Pandemie hat die ohnehin prekäre Situation vieler Familien noch verschärft. "Der Weiße Ring meldet für die ersten zehn Monate 2020 eine Zunahme an häuslicher Gewalt, Sexualdelikten und Körperverletzungen von zehn Prozent."

Auch Kindeswohlgefährdung gehört dazu. So erreichen den Verein Hilferufe von Sozialarbeitern an Schulen, in Kitas und in Jugendhilfeeinrichtungen, aber auch von Therapeuten und Ärzten. "Der Druck in den Familien steigt", sagt Katrin Häntsch. Bildungsungerechtigkeit und die Überforderung in Erziehungsfragen sieht sie als Gründe, sich um viele Kinder in dieser Stadt weiterhin zu sorgen.

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