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Die Schokoladenmacher von Dresden

Von der einstigen Schokoladenstadt Dresden ist wenig geblieben. Vor 30 Jahren rollten bei „Elbflorenz“ die Abrissbagger an.

Mitarbeiter von Elbflorenz beim Verpacken von Marzipanbroten. Die zu klein geratenen Brote wurden aussortiert. Die Produktion bei Elbflorenz endete 1991. Das Hauptwerk wurde abgerissen.
Mitarbeiter von Elbflorenz beim Verpacken von Marzipanbroten. Die zu klein geratenen Brote wurden aussortiert. Die Produktion bei Elbflorenz endete 1991. Das Hauptwerk wurde abgerissen. © Sammlung U. Hessel

Dresden. Das vor 25 Jahren eröffnete World Trade Center steht auf traditionsreichem Boden. Auf dem Areal befand sich früher der Stammsitz des ehemaligen VEB Dresdner Süßwarenfabriken „Elbflorenz“. In dem Staatsbetrieb waren nach 1945 die Süßwarenunternehmen der Region eingegliedert worden, nachdem sie enteignet worden waren. 1991 endete die Produktion. Vor 30 Jahren, am 3. August 1991, begann der Abriss des Fabrikgebäudes.

Dresden war in Deutschland einst ein Zentrum der Schokoladenherstellung. Die Geschichte begann mit dem Unternehmer Heinrich Conrad Wilhelm Calberla, der durch Erbschaften und Spekulationen vermögend geworden war. 1796 kam er nach Dresden und steckte sein Geld in eine große Zuckersiederei, die für die Schokoladenproduktion gebraucht wurde.

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Das war nur die erste Etappe, denn 1823 gründeten die zwei findigen Kaufleute Gottfried Heinrich Christoph Jordan aus Hasserode am Harz und August Christian Timaeus, der aus der Gegend von Hannover stammte, auf der Alaunstraße in der Neustadt die „Zichorien-, Schokolade- und Zuckerwarenfabrik Jordan & Timaeus“. Das zunächst auf die Herstellung von Zichorienkaffee spezialisierte Unternehmen hatte von 1828 an auch „Dampfschocolade und Cacaoware“ im Angebot. Dabei war die Herstellung von Schokolade damals noch ein geschäftlich riskantes Unterfangen. Durch die Zugabe von Milch wurde die Schokolade feiner, weicher und zarter. Um 1830 erfand der Holländer Coenraad Johannes van Houten schließlich ein Verfahren zur Entölung von Kakao.

Einer der größten Schokoladenfabrikanten im deutschen Kaiserreich

Die „Cacaomassen“ in Tafeln und Blöcken, in Dessert- oder „Speisechocoladen“ und Figuren von Jordan und Timaeus waren wirtschaftlich ein Renner, sodass der Betrieb expandierte. 1854 wurde im böhmischen Bodenbach (Děčín) ein Zweigwerk gegründet. Das Unternehmen galt bald als der größte Schokoladehersteller Deutschlands. Um 1880 wurden in Dresden 550 Tonnen Schokolade hergestellt. Das war damals etwa ein Drittel der deutschen Gesamtproduktion. Mitte des 19. Jahrhunderts waren bei Jordan & Timateus 200 Mitarbeiter beschäftigt. Das Unternehmen engagierte sich auch gesellschaftlich. Dem Sohn des Firmengründers, Ernst Albert Jordan, ist die Gründung einer Aktiengesellschaft zur Errichtung des Alberttheaters zu verdanken, das am Albertplatz entstand.

Zu den weiteren Firmen der Branche, die sich im 19. Jahrhundert auf Schokolade spezialisierten, gehörte Lobeck & Co. in Löbtau. Der lösliche entölte „Kakao Lobeck“ wurde in vielen Staaten patentiert. Lobeck schaffte es bis zum sächsischen Hoflieferanten. Andere Fabriken wie die von Petzold & Aulhorn in Dresden oder Otto Rüger in Sobrigau exportierten ihre Produkte bis nach Übersee.

Otto Rüger war der 1858 bei Lobeck in das Geschäft eingetreten und übernahm 1860 dessen Geschäftsanteile. Er erkannte, wie wichtig Werbung ist, und erfand die Werbefigur des sympathischen „Hansi-Jungen“. Außerdem war der Geschäftsmann 1877 Mitbegründer des Verbandes deutscher Schokoladenfabrikanten und ab 1881 dessen Vorsitzender. Dabei drängte er auf die Einhaltung von Qualitätsstandards. Er war schon königlicher-sächsischer Hoflieferant und nachdem er 1896 auch in Bodenbach ein Werk eröffnet hatte, avancierte er zum kaiserlich und königlichen Hoflieferanten für den kaiserlichen Hof in Wien. Rüger war zu einem der größten Schokoladenfabrikanten im deutschen Kaiserreich aufgestiegen.

Zu den prominenten Firmen jener Zeit gehörten auch die Dresdner „Cacao-, Chocoladen-, Confecturen-, Marzipan und Waffelfabriken“ von Hartwig & Vogel, deren Anfänge ins Jahr 1870 zurückreichen. Das Unternehmen kreierte den „Tell-Apfel“, ein zerlegbarer, aus mehreren Schokoladenelementen bestehender Artikel. Zudem brachte das Unternehmen zerlegbare Schokoladenerzeugnisse in Tier- und Fruchtform auf den Markt, etwa die Tell-Glücksvögel, den Tell-Bären oder die Ananas.

Dem internationalen Wettbewerb immer weniger gewachsen

Das Werk wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst VEB Tell, später Werk I und anschließend Stammsitz der VEB Süßwarenfabriken „Elbflorenz“. Nach und nach wurden alle Dresdner Unternehmen, sofern sie nicht stillgelegt oder in anderen Kombinaten aufgegangen waren, dem Verbund angeschlossen.

Als Werk II folgten unter anderem Gerling & Rockstroh und die Schokoladen- und Nährmittelfabrik Dr. med. Sperber Dresden. In den 1970er-Jahren kamen die letzten Betriebe mit staatlicher Beteiligung dazu, darunter die Schwerter-Schokoladenfabrik in der Würzburger Straße, die Schokoladen- und Marzipanfabrik Vadossi in Radebeul-Kötzschenbroda, die Ermeka Bonbon- und Schokoladenfabrik Lindenau & Ulbricht in Niedersedlitz und der Hersteller der Dominosteine, der Chocolatier Herbert Wendler. Aus dessen Betrieb wurde der VEB Elite Dauerbackwaren.

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Allerdings stellte sich mit der Zeit heraus, dass die Schokoladen-, Zucker- und Dauerbackwarenindustrie der DDR dem internationalen Wettbewerb immer weniger gewachsen war. Traditionelle Produkte wie der Tell-Apfel, die Diät-Schokolade und Pralinen wurden gestrichen, um mit einem neuen Sortiment höhere Stückzahlen produzieren zu können. Zudem mussten die Produkte dem Vergleich mit den bunt verpackten Waren aus dem Westen Deutschlands standhalten. 1990 ging „Elbflorenz“ in die Liquidation.

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