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Freispruch wider Willen

Amtsgericht Dresden: Ein Ingenieur behauptet, einen Unfall verursacht zu haben, an den er sich jedoch nicht erinnern könne. Wen schützt der Mann?

Überraschende Wende in einem Unfall-Prozess am Amtsgericht Dresden: Nach dem Geständnis eines Angeklagten, behauptet ein Zeuge, jemand anderes sei gefahren.
Überraschende Wende in einem Unfall-Prozess am Amtsgericht Dresden: Nach dem Geständnis eines Angeklagten, behauptet ein Zeuge, jemand anderes sei gefahren. © René Meinig

Dresden. Nein, das erleben Richter und auch andere Prozessbeteiligte nicht sehr oft in ihrem Leben. Ein Angeklagter, der in seinem Prozess ein Geständnis ablegt – und dann plötzlich gegen seinen Willen freigesprochen wird. Was war geschehen?

Dr. Stefan L., ein Maschinenbau-Ingenieur aus Berlin, soll im August 2019 an der Saloppe beim Einparken einen Kleinwagen demoliert haben. Laut Strafbefehl habe er gegen 22.45 Uhr mit seinem VW Tiguan den Stoßfänger eines Toyota Yaris eingedellt und dabei knapp 2.000 Euro Schaden verursacht.

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Anschließend habe sich der Fahrer mit seinem SUV von der Unfallstelle entfernt, ohne sich um den von ihm verursachten Schaden zu kümmern. L. erhielt im November vergangenen Jahres einen Strafbefehl wegen Unfallflucht, doch das Urteil akzeptierte er nicht. So weit, so nachvollziehbar. Der Einspruch wurde nun in öffentlicher Hauptverhandlung am Amtsgericht Dresden erörtert.

Ohne Verteidiger im Prozess

Dr. L., das war die erste Überraschung an jenem Tage, hatte auf die Hilfe eines Rechtsanwalt verzichtet und es vorgezogen, sich selbst zu verteidigen. Und so holperte die Verhandlung los. Der Angeklagte wollte sich sofort die Vertreterin der Staatsanwaltschaft mehr oder weniger persönlich zur Brust nehmen. Doch Richter Ullrich Stein machte L. klar, dass es so nun auch nicht geht.

Etwas ruhiger im Ton erklärte der Ingenieur, er sei vom Fach, habe Mechanik studiert und wisse daher, dass man solche Schäden als Autofahrer verursachen könne, ohne sie selbst zu bemerken. So müsse dass an jenem Abend auch gewesen sein. Zwar habe der 56-Jährige keinerlei Erinnerung an die Örtlichkeit. Er könne daher nur Vermutungen äußern, die er dann jedoch für sich behielt.

Erster Zeuge war ein Security-Mitarbeiter, der an jenem Samstagabend an der Saloppe als Türsteher einer privaten Veranstaltung eingesetzt worden war. Der 47-Jährige berichtete, er habe gesehen, wie der Fahrer eines recht großen Autos in eine viel zu kleine Parklücke hinter einem Yaris einparken wollte. Es sei offensichtlich gewesen, dass das nicht klappen kann. Er habe sich darüber gewundert, schon weil vor dem Yaris niemand gestanden habe und viel Platz gewesen sei.

Geschlossene Veranstaltung

Nach dem Zusammenstoß sei der Fahrer ausgestiegen, habe sich die Schäden an den Autos angesehen und sei dann weitergefahren. Er habe dann wohl an der Bautzner geparkt, denn wenig später sei er zurückgekommen. Er habe offenbar jemanden abholen wollen. „Weil es eine sehr übersichtliche geschlossene Veranstaltung war, dachte ich, er kennt den Fahrer des Unfallautos“, sagte der Zeuge.

Wenig später sei der Fahrer sogar mit dem Unfallopfer herausgekommen, will der Türsteher beobachtet haben. Dr. L. fragte den Zeugen, warum in seiner Polizeivernehmung nichts davon stand, dass der Unfallfahrer ausgestiegen sei. Der Zeuge schob das auf die lange Zeit seit der Tat, er könne es nicht mehr genau sagen.

Dann vernahm Richter Stein den Geschädigten, der dort ebenfalls nur kurz geparkt habe, um seine Freundin abzuholen. Der Frau sei dann der Unfall aufgefallen. Sie hätten die Polizei gerufen und seien unterdessen von den Securitys angesprochen worden, die ihnen das Kennzeichen des Verursachers genannt hatten.

Dann wurde der erste Zeuge wieder in den Saal gerufen. Stein hatte ihn gebeten, draußen zu warten, falls sich in der Vernehmung des Geschädigten noch Fragen an ihn ergeben sollten. Das war zwar nicht der Fall – doch dem Zeugen ist offenbar noch etwas eingefallen. „Wir haben uns damals noch gewundert“, fing der Wachmann an. Mit „wir“ meinte er seinen Kollegen und sich. Sie hätten sich an jenem Abend unterhalten, dass der Fahrer nicht zu dem VW Tiguan gepasst habe.

Jüngerer Fahrer?

Der Mann am Steuer war Anfang 20, vielleicht 25 Jahre alt, blond, mit leicht gewellten Haaren. Auffallend jung für ein solches Auto, weshalb sich die Türsteher gewundert hatten. Draußen vor dem all sei die Erinnerung zurückgekehrt, sagte der Zeuge und berichtete weiter, dass in dem VW auch eine Frau gesessen habe. Alter und Äußeres des Unfallfahrers passten nach Überzeugung des Zeugen auch überhaupt nicht zum Angeklagten Stefan L. – auch nicht, nachdem L. seine Maske abgenommen hatte.

„Was sagen Sie dazu?“, fragte Richter Stein den Angeklagten. „Nein“, antwortete der. „Ich war der Fahrer, ich war dabei!“ Das war der Moment, in dem die Beweisaufnahme praktisch beendet war. Zwar eröffnete Stein dem Angeklagten noch die Kosten umfangreicher Gutachten eines Verkehrssachverständigen, um die „akustische, optische und taktile Bemerkbarkeit“ eines solchen Unfalls nachzuweisen. Doch ein Angeklagter, der wohl nicht Fahrer war, kann schlecht für dieses Fehlverhalten verurteilt werden.

Auch wenn die Vertreterin der Staatsanwaltschaft von der „Fahrereigenschaft“ des Angeklagten überzeugt war und für ihn eine Geldstrafe in Höhe von 1.750 Euro nebst einem Fahrverbot von einem Monat forderte – Richter Stein sprach den Angeklagten frei. Er habe keinen Zweifel an den Angaben des Zeugen, der einen deutlich jüngeren Fahrer beobachtet habe. Zwar sei es eine interessante Frage, warum sich der Angeklagte offensichtlich selbst belaste – doch für weitere Spekulationen gebe es keinen Anlass, so Stein.

Freispruch nicht anfechtbar

Der Angeklagte ist strafrechtlich bislang ein unbeschriebenes Blatt. Als Autofahrer jedoch ist er im Jahr 2017 zweimal aufgefallen. Einmal wurde er auf einer Autobahn mit 154 bei erlaubten 120 Stundenkilometer geblitzt, wofür er zu einem Bußgeld von 400 Euro verdonnert worden war. Der zweite Verstoß war eine rote Ampel, die mit 150 Euro zu Buche schlug.

Ein Fahrverbot hatte L. überraschend für keinen der beiden beide Verstöße erhalten. Das wäre jedenfalls eine Erklärung für das mit 400 Euro vergleichsweise hohe Bußgeld. Was auch immer in dem Maschinenbau-Ingenieur aus Berlin vorgegangen sein mag. Er verschwand recht schnell aus dem Gericht. Als Freigesprochener kann er die Entscheidung auch nicht mehr anfechten.

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