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Bei Eltern und Kindern nimmt die Überforderung zu

Dresden gibt viel Geld für die Unterstützung von Familien aus. Manche geben ihre Kinder zumindest zeitweise ab. Zu Besuch in einer Wohngruppe.

Von Julia Vollmer
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Erzieher Roy Helbig mit den Kindern und den Kollegen aus der Wohngruppe.
Erzieher Roy Helbig mit den Kindern und den Kollegen aus der Wohngruppe. © René Meinig

Dresden. Morgen Mathearbeit, am Mittwoch Fußballtraining, und für Werken soll noch Bastelknete gekauft werden. Wer Kinder hat und arbeitet, weiß, wie groß der logistische Kraftakt allein mit einem Kind ist. Doch Roy Helbig steht täglich vor einer Pinnwand mit Terminen für acht Kinder. Diese acht sind zwar nicht seine leiblichen, aber als Leiter einer Dresdner Wohngruppe sorgt er sich um sie, wie es ein Vater tut.

Die Mädchen und Jungen in der Geschwister-Wohngruppe vom gemeinnützigen Träger Outlaw, um die sich Helbig und seine Kollegen kümmern, sind zwischen drei und elf Jahre alt. Einige leben mit ihren Geschwistern in der WG in Löbtau, andere sind allein hierhin gekommen.

Woher kommen die Kinder?

Die Gründe, warum die Kinder aus ihren Herkunftsfamilien genommen werden müssen und in eine Wohngruppe ziehen, sind ganz verschieden. Zum Teil haben die Eltern psychische oder Suchterkrankungen, sind überfordert mit der Erziehung oder haben finanziellen Sorgen. "Wichtig ist mir, dass die Familien nicht stigmatisiert werden. Jeder kann schnell in eine Situation mit einer Krise im Leben kommen", sagt Roy Helbig.

Bevor ein Kind in eine betreute Wohngruppe zieht, wird vorher intensiv mit den Eltern gearbeitet und gesprochen. Oft war schon eine Familienhilfe im Einsatz. Und auch nach dem Auszug zu Hause, bleibt es "immer oberstes Ziel, dass die Kinder wieder zurück zu ihren Eltern kommen", sagt Helbig. Regelmäßig gibt es Gespräche zwischen Eltern, Jugendamt und Sozialpädagogen dazu. Die Kinder sollen in dieser Zeit so normal wie möglich leben, Schule oder Kita besuchen und ihren Hobbys nachgehen.

Wie funktioniert so eine Wohngruppe?

Das WG-Leben läuft wie in einer Familie: Jeder hat sein Zimmer, gegessen wird zusammen am Tisch, und in den Ferien wird überlegt, ob die Kinder eher Lust auf Schneeballschlacht oder Spielplatz haben. Kontakt mit den Eltern gibt es die ganze Zeit und auch Besuche über das Wochenende oder über Weihnachten sind möglich.

Wie haben sich die Kosten entwickelt?

Die Kosten für den sogenannten Bereich "Hilfen zur Erziehung", zu dem neben den Wohngruppen auch ambulante Hilfen für Familien gehören, sind gestiegen. Laut Jugendamt standen gemäß dem Haushaltsplan für das Jahr 2021 rund 84 Millionen Euro zur Verfügung. Es sei aber laut Jugendamt mit einem Mehrbedarf in Höhe von bis zu 13 Millionen Euro zu rechnen, in Summe also beinahe 97 Millionen. Endgültige Zahlen könnten aber erst nach Abschluss des Haushaltsjahres geliefert werden. 2020 kostete die Hilfen zur Erziehung rund 87 Millionen.

Auch für das kommende Jahr rechnet das Jugendamt mit hohen Kosten in diesem Bereich. "Für das Haushaltsjahr 2022 gehen wir aufgrund der derzeitigen Entwicklung und der heute noch nicht absehbaren weiteren Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Fallzahlen- und Kostenentwicklung im Bereich der Hilfen zur Erziehung, Eingliederungshilfen und angrenzende Aufgaben von mindestens dem gleichen finanziellen Bedarf wie im Haushaltsjahr 2021 aus."

Gibt es denn mehr Kinder und Familien, die Hilfe brauchen?

Ja. Hauptgründe sind die Corona-Pandemie und die Lockdowns, die die Familien sehr belastet haben. "Neben der zunehmenden Intensität der Fälle und der damit verbundenen Kostensteigerungen sind die Auswirkungen der Corona-Pandemie ein wesentlicher Faktor für die Steigerung", sagt das Jugendamt. Die langen Einschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens seien für die Familien mit Kindern eine "außerordentliche Herausforderung" gewesen.

Dabei brachten besonders die oft fehlende Kita- und Hortbetreuung und das Homeschooling Eltern und Kinder an ihre persönliche Belastungsgrenze. Viele Kinder und Jugendliche hatten auch kaum Kontakte zu anderen. "Dadurch nahmen sowohl bei Eltern als auch bei Kindern Überforderung, psychische Belastungen und Verhaltensauffälligkeiten zu", so die Stadt. Entlastende niedrigschwellige Angebote wie Beratungen oder Aktionen von Sozialarbeitenden für Kinder, Jugendliche und Familien standen während des Lockdowns nur sehr eingeschränkt zur Verfügung.

Ist das Kindswohl zunehmend gefährdet?

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie lassen sich am deutlichsten an der Zunahme von Kindeswohl-Gefährdungsmeldung erkennen. Diese passieren zum Beispiel, wenn Eltern überfordert sind, Gewalt oder Suchterkrankungen im Spiel sind. Im Jahr 2020 stiegen diese gegenüber dem Jahr 2019 um 38 Prozent von 1.749 auf 2.415 Fälle. Besonders herausragende Unterschiede zu den Vorjahresmonaten zeigten sich im Juli 2020 mit einer Steigerung um 83 Prozent und im September 2020 mit einer 67-prozentigen Steigerung.

Diese Entwicklung setzte sich auch im Jahr 2021 fort. Im Zeitraum Januar bis August 2021 wurden 1.647 Kindeswohlgefährdungsmeldungen aufgenommen und bearbeitet. Das seien laut Stadt noch einmal 66 Meldungen mehr als im Vorjahreszeitraum. "Mit der beschriebenen Zunahme von Kindeswohlgefährdungsmeldungen in den Jahren 2020 und 2021 stieg entsprechend auch die Anzahl der daraufhin eingesteuerten Hilfen", so das Jugendamt.