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"Das Herz, das bleibt"

Als Dresdner Diözesanbischof blieb Joachim Reinelt immer bescheiden und bodenständig. So nimmt er auch heute Menschen für sich ein. Nun wird er 85.

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Altbischof Joachim Reinelt wird an diesem Donnerstag 85 Jahre alt.
Altbischof Joachim Reinelt wird an diesem Donnerstag 85 Jahre alt. © Christian Juppe

Von Jens Daniel Schubert

Dresden. Wenn man Joachim Reinelt unvermutet begegnet, beim Einkaufen am Schillerplatz, beim Spazieren oder Radfahren an der Elbe, meint man nicht, einen emeritierten Bischof zu treffen. Die häufig dunkle Kleidung, manchmal der „Kalkleiste“ genannte Priesterkragen, immer aber der massive goldene Bischofsring machen ihn dann aber doch kenntlich.

Bischof ist bei den Katholiken ein Weihe-Amt. Die Weihe gilt fürs ganze Leben, vom Amt kann man entbunden werden. Mit 75 darf der Amtsträger selbst um die Entlassung aus der Verantwortung bitten. Das ist bei Joachim Reinelt jetzt zehn Jahre her, seit neun Jahren ist er emeritiert.

„Junge Menschen haben eine unwahrscheinliche Kraft. Und das tut uns Alten sehr gut.“

Reinelt selbst sagt, er schaut jetzt „von der Seite“. Die Verantwortung hat Freude gemacht. Aber sie war anstrengend. Jetzt hilft er, wo er kann. Firmungen, bei den Protestanten heißt es Konfirmation, zu DDR-Zeiten war eher die staatliche „Jugendweihe“ an der Tagesordnung, sind bei den Katholiken Chefsache. Ein Bischof spendet das Sakrament der Firmung. In dieser Mission ist Reinelt oft im Auftrag vom heutigen Bischof unterwegs. Gerade das Treffen mit Jugendlichen ist für ihn anregend. „Junge Menschen“, sagt er, „haben eine unwahrscheinliche Kraft. Und das tut uns Alten sehr gut.“

Reinelt wurde 1936 in Schlesien geboren, die Familie vertrieben. 1945 sah er von Aussig das brennende Dresden. Abitur machte er in Radeberg. 1961 wurde er zum Priester geweiht. Dann war er Kaplan und Pfarrer. 25 Jahre, quer durch Sachsen. Es war eine spannende Zeit, auch in der Katholischen Kirche. Das Zweite Vatikanische Konzil tagte, infolgedessen die Meißner Synode. Die Messe wurde fortan in Deutsch gefeiert, der Priester den Gläubigen zugewandt.

Er selbst war einige Jahre Teil einer „Team-Pfarrei“ mit mehreren gleichberechtigten Priestern. Reinelt war, wie viele andere junge Priester und Gläubige, begeistert, wie viel Bewegung in der Kirche möglich ist. Das Projekt „Team-Pfarrei“ hat sich allerdings nicht bewährt. Nach der Aufbruchsstimmung damals befragt, zieht er die Verbindung ins Heute: „Synodaler Weg“, sagt er, „heißt miteinander gehen, hören, suchen. Und die Lösungen werden kommen, da bin ich überzeugt!“ Zu den viel diskutierten Themen wie Rolle der Frauen oder Segnung nicht-heterosexueller Paare, äußert er sich klar, aber nicht spektakulär. Die reißerische Formulierung, die Schärfung von Widersprüchen sind seine Sache nicht. Vermittlung und Moderation, herzliche Zuwendung liegen ihm näher.

Bischofweihe 1988

1986 kam Reinelt nach Dresden. Man brauchte ihn in der Bistumsverwaltung, im Bischöflichen Ordinariat. Er wurde Caritas-Direktor. Dort traf er Menschen, die ihn beeindruckten. Die Caritasmitarbeiter lebten, unter teilweise unsäglichen Bedingungen und „für einen Hungerlohn“, praktische Nächstenliebe.

1987 war das Treffen der Katholiken der DDR in Dresden. Die Menschen wollten, so der gerne zitierte Predigtsatz von Kardinal Meißner, keinem anderen Stern folgen als dem von Betlehem. Reinelt reflektiert das Treffen als „aus der Öffentlichkeit abgeschoben in den Großen Garten“. Das habe er 1994, als der 92. Katholikentag in Dresden zu Gast war, anders gemacht: Auf dem Opernplatz, im Zentrum, im Herzen von Dresden zeigten die Katholiken, dass sie mehr sind als ein Häufchen Andersdenkender.

Hatte Reinelt die Umbrüche in der Kirche begrüßt, wurde er von den gesellschaftlichen Veränderungen regelrecht mitgerissen. 1988 zum Bischof geweiht, hat er die Friedliche Revolution hautnah erlebt. Für ihn bleibt insbesondere der 9. Oktober 1989. „Die Volksversammlung in der Kathedrale und in evangelischen Kirchen in Dresden und gleichzeitig in Leipzig. Ich erinnere mich noch an die großartige Stimmung der vielen, vielen in der Kathedrale, da merkte man, jetzt beginnt etwas ganz Neues.“

"Glauben ist für die Menschen wesentlich"

Mit der deutschen Einheit veränderte sich die Rolle der Kirche grundsätzlich. Sie war eine gesellschaftliche Kraft, ihre Stimme wurde gehört. Man baute Schulen, man engagierte sich sozial. Traurig machte ihn, wenn er bei seinen Besuchen in den Gemeinden „gute Leute“ sah, die ihre Arbeit verloren, keine neue Arbeit fanden.

Doch trotz dieser Verwerfungen war und ist Reinelt Optimist. Die aus den alten Bundesländern Zugezogenen, auch seine Bischofs-Nachfolger, konnten auch hier etwas lernen. „Die Erfahrungen, die Heiner und Heinrich beide machen“, sagt er mit einem Lachen, „sind oft eine Überraschung: Die Menschen, die nicht in der Kirche gebunden sind, sind nicht unreligiös. Sie haben ein tiefes Verständnis für große Fragen und planen ihre Leben überraschend tief.“

Nach der Zukunft der Kirche gefragt, schließt er genau an diese Erfahrungen an. Glauben, so ist er überzeugt, ist für die Menschen wesentlich: „Letzten Endes ist Kirche da, um glücklich zu machen. Das heißt, alles Normative verliert an Bedeutung, aber das Herz, das bleibt.“

Für sein Leben sagt er, er lebe Tag für Tag, wolle annehmen, was für ihn bestimmt ist, in Freude und Dankbarkeit. Und schließlich, und das ist für einen Christen und Bischof zumal ein grundsätzliches Bekenntnis, ist „der Tod nicht Chaos und Ende, sondern eine Tür“. Möge sie gerne noch ein paar Jahre verschlossen sein. Einen so begeisterten und begeisternden, glaubwürdigen Zeugen kann die Kirche in Sachsen gut vertragen.