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Als töte man die ganze Menschheit

Faysal ist Muslim und aus Syrien nach Dresden gekommen. Als er eine Demo gegen islamistischen Terror organisiert, erlebt er Überraschendes.

Was Terror und IS bedeuten, hat Faysal in seiner Heimatstadt Raqqa erlebt. Jahrelang war sie die Hochburg des Islamischen Staates.
Was Terror und IS bedeuten, hat Faysal in seiner Heimatstadt Raqqa erlebt. Jahrelang war sie die Hochburg des Islamischen Staates. © Marion Doering

Dresden. Rasend schnell verbreitet sich die Nachricht. Übers Radio und soziale Netzwerke. Der Angriff auf zwei Touristen mitten in der Dresdner Innenstadt schockiert am Tag danach auch Faysal und seine Freunde. Von einer terroristischen, islamistisch motivierten Attacke ist rasch die Rede. Tatverdächtig: ein 20-jähriger Syrer, der 2015 aus Aleppo nach Dresden gekommen und bis kurz vor der Tat als Anhänger des Islamischen Staates im Gefängnis gewesen war.

Seit dreieinhalb Jahren lebt Faysal in Dresden. Er ist nur drei Jahre älter als jener junge Mann, dem vorgeworfen wird, einen Besucher der Stadt getötet und einen zweiten schwer verletzt zu haben. Wie dieser verließ er eine schwer umkämpfte und zerstörte Stadt, um Zuflucht in Deutschland zu suchen. Doch etwas hat den einen zum islamistischen Gefährder und mutmaßlichen Mörder und den anderen zum angehenden Informatiker mit besten Aussichten auf ein erfülltes Leben inmitten unserer Gesellschaft werden lassen.

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Faysal ist Muslim. "In Syrien kannte ich keinen einzigen Menschen, der nicht glaubt", sagt er. Christen waren seine Freunde, auch Juden kannte er. Atheisten nicht. Mit ihnen ist der 23-Jährige erst in Kontakt gekommen, nachdem er seine Heimatstadt Raqqa, Hochburg des IS, verlassen und sich dann auf den Weg nach Deutschland gemacht hatte. Heute gehören sie ganz selbstverständlich zu seinem Leben.

Ruft der Koran zur Gewalt auf?

Die Mosche im Marwa Elsherbiny Kultur- und Bildungszentrum in Johannstadt ist für Faysal ein wichtiger Ort, um Landsleute und Glaubensbrüder zu treffen, zu beten, zu lernen und zu feiern. In diesen Tagen findet er dort Freunde und Bekannte, mit denen er sein Entsetzen über die Geschehnisse in Frankreich und Deutschland  teilt und rasch zu einem Entschluss kommt: Wir müssen Position beziehen. Wir müssen den Menschen dieser Stadt und dieses Landes sagen, wie sehr wir diesen Angriff verurteilen. Allerdings auch die Reaktionen der Öffentlichkeit darauf, die dem Islam pauschal die Schuld daran geben. Der Koran, die heilige Schrift der Muslime, rufe ja schließlich zur Gewalt auf, heißt es oft. Auch dieser Meinung müsse man etwas entgegensetzten, findet Faysal und sucht zunächst das Gespräch mit dem Imam seiner Moschee und einem Gläubigen seiner Gemeinde.

"Faysal ist zu bescheiden, um großartig von sich Reden zu machen", sagt sein Glaubensfreund Henry, der erst vor zwei Jahren Muslim geworden ist. Doch die Wahrheit sei, dass es die Idee des jungen Syrers war, eine Aktion zu starten und unter dem Motto "Islam gegen Terrorismus" eine Demonstration zu veranstalten. "Ich habe noch nie zuvor eine Demonstration angemeldet", sagt Faysal. Während der Vorbereitung macht er eine verblüffende Erfahrung: "In meiner Heimat bestraft die Polizei Demonstranten. Hier aber hat die Polizei mir dabei geholfen, unser Vorhaben umzusetzen."

Viele positive Rückmeldungen

Über die verschiedenen Kanäle sozialer Netzwerke verbreiten Faysal und seine Mitstreiter die Nachricht auf Arabisch: Kundgebung auf dem Neumarkt am 31. Oktober. "Wir möchten damit zeigen und beweisen, dass wir als Muslime, Flüchtlinge und Syrer absolut dagegen sind, was in Dresden am 4. Oktober passiert ist", teilen sie auch regionalen Pressevertretern mit.

"Es gab sehr viele positive Rückmeldungen aus unserer Community", erzählt Faysal. Die kleine aktive Gruppe malt und beschreibt Schilder und hofft auf möglichst viele Unterstützer aus den eigenen Reihen. "Leider hat es dann den ganzen Tag über geregnet. Deshalb kamen leider nicht so viele zu unserer Demo." Trotzdem habe sich die Aktion gelohnt. "Wir sind immer wieder von Passanten angesprochen worden, die das Gespräch mit uns suchten."

Die Demo fand unter dem Motto "Islam gegen Terrorismus" statt. 
Die Demo fand unter dem Motto "Islam gegen Terrorismus" statt.  © Christian Juppe
Die Teilnehmer trugen Schilder mit Sprüchen wie "Not in my name" - nicht in meinem Namen. 
Die Teilnehmer trugen Schilder mit Sprüchen wie "Not in my name" - nicht in meinem Namen.  © Christian Juppe
Die Veranstalter wollen dafür werben, Terrorismus nicht mit dem Islam gleichzusetzen. 
Die Veranstalter wollen dafür werben, Terrorismus nicht mit dem Islam gleichzusetzen.  © Christian Juppe
Passanten kamen mit den Demonstranten ins Gespräch 
Passanten kamen mit den Demonstranten ins Gespräch  © Christian Juppe
Der Tatort in der Dresdner Innenstadt. Hier wurden zwei Touristen aus Nordrhein-Westfalen von einem jungen Syrer niedergestochen, ein Mann starb an seinen Verletzungen. 
Der Tatort in der Dresdner Innenstadt. Hier wurden zwei Touristen aus Nordrhein-Westfalen von einem jungen Syrer niedergestochen, ein Mann starb an seinen Verletzungen.  © Christian Juppe
Mit Kerzen und Blumenkränzen wird der Opfer gedacht. 
Mit Kerzen und Blumenkränzen wird der Opfer gedacht.  © Christian Juppe

Zuerst wollen die meisten wissen, was Faysal und seine Freunde in Dresden machen, ob sie arbeiten gehen oder in Ausbildung sind. Zum Glück, sagt er, sei keiner von ihnen arbeitslos. Die zweite dringliche Frage der Dresdner und letzten Touristen, die am Wochenende vorm zweiten Lockdown durch die Stadt bummeln: Steht der Aufruf zur Gewalt nicht in eurer heiligen Schrift?  

Teil einer bösen Minderheit

„Und tötet sie, wo immer ihr auf sie trefft, und vertreibt sie, von wo sie euch vertrieben haben, denn Verfolgung ist schlimmer als Töten!“ heißt es in Sure 2, Vers 191 des Korans. „Doch man darf Stellen wie diese nicht aus dem Zusammenhang reißen und muss ihren historischen Hintergrund beachten“, sagt Faysals Glaubensbruder Henry, der in der Moschee auch Schulklassen Einführungen in den muslimischen Glauben gibt. 

Der Text stamme aus einer Zeit, als die islamische Gemeinde gegen die sogenannten Polytheisten gekämpft habe. Damit sind Völker gemeint, die an mehrere verschiedene Gottheiten glaubten. Damals habe es als legitim und notwendig gegolten, sich gegen deren Überfälle zur Wehr zu setzen. 

Die meisten heiligen Schriften unterscheiden sich davon kaum. Auch das Alte Testament ist nicht frei von Gewalt. Aufrufe zur Schädigung oder Vernichtung von Feinden oder die Bitte um entsprechende göttliche Unterstützung finden sich in zahlreichen Bibeltexten.

Faysal verteidigt den Koran: Einen Menschen zu töten, sei, wie die ganze Menschheit zu vernichten – einen Menschen zu retten, sei, als rette man die ganze Menschheit – auch das stehe in der Schrift, sagt er. Wer seine schrecklichen Taten mit einem Aufruf zum Töten darin begründe, tue das zu Unrecht, ist er überzeugt. Die Täter von Dresden und den Terroranschlägen in Paris, Nizza und Wien seien im Kopf krank und hätten nichts mit ihm und den anderen Muslimen gemein. Rund 1,9 Milliarden Muslime gebe es auf der Welt. „Doch wie unter allen Menschen findet sich auch unter ihnen eine böse Minderheit.“

Was, du gehst zu den Nazis?

Gut erinnert sich Fayal an die Zeit, als er im griechischen Flüchtlingscamp erfuhr, dass seine Reise nach Deutschland weitergehen wird, in das Land, das ihn ausgewählt und aufgenommen hat. "Aber es gab Leute, die haben zu mir gesagt: 'Was, du gehst zu den Nazis?' Ich hatte total Angst." Die ersten Menschen, auf die er in Deutschland traf, waren Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes. "Sie waren voll lieb." Vielleicht haben ihn seither sechs von 100 Menschen nicht freundlich behandelt, schätzt er. Aber 94 seien sehr gut zu ihm gewesen. "Man darf niemals generalisieren!" 

In diesem Sinn wollen Mitglieder der islamischen Gemeinde mehr denn je das Gespräch mit den Dresdnern suchen. Gerade die Anwohner des Marwa Elsherbiny Kulturzentrums sollen häufiger Gelegenheit bekommen, den Islam und das kulturelle Leben kennenzulernen. "Dafür wollen wir künftig aktiver werden", sagt Faysals Freund Henry.  Wissen übereinander und Respekt voreinander, davon erwarten sich die beiden viel. 

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Empathie. Auch sie gehört dazu, wenn einer den anderen verstehen und achten will. Ausgehend von Dänemark hat sich zuletzt in Frankreich Aggression an den umstrittenen Mohammed-Karikaturen entzündet. Faysal versucht, die Bilder als Teil der westlichen Religions-, Kunst-, Presse- und Meinungsfreiheit zu verstehen. "Aber es verletzt mich, wenn jemand unseren Propheten verlacht", sagt er. Noch bis Sommer absolviert er seine Ausbildung zum Informatiker. Sollte sein Lehrer mit solchen Karikaturen in die Klasse kommen, um sie zum Thema zu machen, dann würde er darum bitten, sie nicht ansehen zu müssen, sagt er. "Ich akzeptiere. Aber zur Not würde ich ganz leise und vorsichtig den Raum verlassen." 

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