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"Dann will ich nicht mehr in Gorbitz leben"

Einem erfolgreichen Familientreff sollen die Mittel gestrichen werden. Dabei gibt es in Dresden kein Viertel, in dem seine Arbeit so wichtig ist.

Von Nadja Laske
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Mit Leidenschaft ist Sozialarbeiter Sören Bär für die Menschen im Gorbitzer Stadtgebiet rund um die Harthaer Straße da - dort wo die Schwächsten der Gesellschaft leben.
Mit Leidenschaft ist Sozialarbeiter Sören Bär für die Menschen im Gorbitzer Stadtgebiet rund um die Harthaer Straße da - dort wo die Schwächsten der Gesellschaft leben. © Marion Doering

Dresden. Wafaa will nicht aufs Foto. Rasch wendet sie ihr Gesicht ab, verschwindet aus dem Fokus der Kamera. Das hat nichts mit ihrer Religion zu tun. Auch nicht damit, dass sie als arabische Frau dafür etwa die Erlaubnis ihres Mannes bräuchte. Es ist rein ihre Entscheidung, und die ist Ausdruck eines massiven Problems.

"Ich habe Angst vor rassistischen Übergriffen", gibt die Frau mit kunstvoll geschlungenem Kopftuch unumwunden zu. Das Kleidungsstück und ihr Engagement im Viertel seien Gründe genug, sie auf der Straße zu beschimpfen. Zu oft ist ihr das bereits passiert. Beleidigungen und Vorwürfe sind für die 45-Jährige an der Tagesordnung, gelegentlich in Johannstadt, wo sie wohnt, häufig in Gorbitz, wo sie in einem sozialen, interkulturellen Projekt arbeitet, und in den Straßenbahnen dazwischen sowieso.

Im Laufe der vergangenen zehn Jahre ist der Ausländeranteil im Gorbitzer Stadtteil rund um die Harthaer Straße von fünf auf 50 Prozent gestiegen. Einer, der die Zahlen ganz genau im Kopf hat, ist Sören Bär. Seit 2009 arbeitet der Sozialarbeiter für den Omse e.V. mit Kindern, Jugendlichen und Familien in Gorbitz.

50 Prozent Ausländeranteil und massiver Rassismus

Der Verein betreibt dort zwei Treffpunkte für Kinder und Familien. Den "Familientreff Puzzle" auf der Harthaer Straße 3 gibt es seit drei Jahren. So lange haben Pädagogen und Sozialarbeiter ihn zur verlässlichen, gut frequentierten und funktionierenden Anlaufstelle für Familien in sozialen Schwierigkeiten ausgebaut.

Sören Bär liegt es am Herzen, den Stadtteil, für dessen Menschen er sich mit Leidenschaft engagiert, zu beschreiben: diese Plattenbauten, aus denen die Mieter in den Nachwendejahren fortzogen, die abgerissen werden sollten, dann aber als Sozialwohnungen gelegen kamen.

Besonders ab 2015. "Da setzte die größte Veränderung des Viertels ein", sagt der 45-Jährige. Zwar hatte die Politik eine dezentrale Unterbringung von Geflüchteten beschlossen. Eigenen Wohnraum jedoch besaß Dresden kaum noch. So musste die Verwaltung mit dem Vorlieb nehmen, was die Käufer der ehemaligen städtischen Wohnungsgenossenschaft Woba zur Verfügung stellten: Preiswerten Wohnraum, statt gut verteilt über das gesamte Stadtgebiet, geballt dort, wo sonst niemand ohne Not leben wollte.

Verhaltenskodex im Familientreff "Puzzle" in Gorbitz. Bis er für das ganze Viertel gilt, braucht es noch viel Arbeit - und Fördergelder.
Verhaltenskodex im Familientreff "Puzzle" in Gorbitz. Bis er für das ganze Viertel gilt, braucht es noch viel Arbeit - und Fördergelder. © Marion Doering

"Im Einzugsbereich unseres Familientreffs wohnen rund 2.500 Menschen, davon etwa die Hälfte sind geflüchtet, haben Migrationshintergrund oder stammen aus dem EU-Ausland, vor allem aus dem osteuropäischen", sagt Sören Bär. Seiner Beobachtung nach verlassen sie Gorbitz, sobald sie es zu einer ausreichenden wirtschaftlichen Stabilität gebracht haben. Vor allem Akademiker ziehen in andere Viertel. Was bleibt, sind Menschen am sozialen Rand.

Vor allem für sie stehen die Türen zu dem großen, hellen, farbenfrohen Raum in der zweiten Etage des Einkaufscenters Dresden-Karree offen. Durch die Fensterfront und von der weitläufigen Terrasse aus geht der Blick über die Umgebung. Wie eine Grenze trennt die Coventrystraße die eine von der anderen Welt: Hier abgewohnte Plattenbauten, dort neues Wohnen in weißer Neubausiedlung.

Das kann auf den ersten Blick traurig stimmen, ist es beim genauen Hinsehen auch. Doch da kommt plötzlich Gania durch die Tür. Die junge Libyerin hat ihre vier Kinder mitgebracht. Sie sind drei, vier, sieben und acht Jahre alt. Seit knapp drei Jahren lebt sie mit ihrer Familie hier und sprudelt über wie ein Gebirgsbach. Sören Bär kennt sie schon lange und ist doch immer wieder neu erstaunt - über ihre Energie, Fröhlichkeit und Beredtheit.

Gegenseitiges Verstehen ist die einzige Chance

"Ich wohne gerne in Gorbitz", sagt die Frau mit dem rosa Kopftuch aus zartem Stoff. "Egal, welche Hilfe ich brauche, hier bekomme ich sie." Wie eine Familie sei der Treff für sie, hier finde sie andere Frauen zum Reden und die Kleinen Freunde zu Spielen. Auch deutsche Mütter kommen mit ihren Kindern her, und seit einiger Zeit habe sie guten Kontakt zur deutschen Familie des Freundes ihres Sohnes.

Klingt normal, ist es aber nicht. Das weiß Gania genau so gut wie Wafaa. Die stammt aus Syrien, lebt neun Jahre in Deutschland und war in ihrer Heimat Arabisch-Lehrerin. Ihre drei Kinder sind schon groß, der Jüngste besucht die zehnte Klasse, die beiden anderen studieren Medizin und Chemie. Über einen Kindertreff in Johannstadt hatte sie einst vom Omse-Projekt in Gorbitz gehört und sich beworben. Nun ist sie eine wichtige Mittlerin zwischen Arabisch sprechenden Familien und Schulen, Behörden, Beratern, Ärzten.

Wafaa kennt die Sorgen und Nöte aller Seiten gut. Elementar ist die Sprache, doch auch kulturelles Verständnis füreinander entscheidet, wenn das gemeinsame Leben in einem Viertel gelingen soll. "Die ausländischen Eltern müssen verstehen, wie hier staatliche Instanzen funktionieren", sagt sie. Damit haben sie große Probleme. Allein behördliche Schreiben zu verstehen, einen Kita- oder Schulplatz für ihre Kinder zu organisieren, sei extrem schwierig für sie.

Dreimal mehr Hilfen zur Erziehung als in anderen Vierteln

Ein weiteres massives Problem ist der Rassismus - in der Schule, auf der Straße, auf dem Spielplatz. "Die Kinder und Eltern erzählen mir davon, aber die wenigsten beschweren sich offiziell." Auch dafür brauchen sie Unterstützung. Wafaa und ihre Kollegen bemühen sich um Gespräche und Kooperationen mit Schulen - ein Vorhaben, dass der Verein dringend ausbauen müsste.

Doch von einem größeren Wirkungsfeld kann im Moment keine Rede sein. Bis zum Ende des vergangenen Jahres hatte das interkulturelle Familienprojekt drei Stellen zur Verfügung - anderthalb finanziert über die Sozialorganisation "Aktion Mensch" und anderthalb finanziert vom Land Sachsen, Fördertopf Integrative Maßnahmen. Diese drei Stellen sind, gemessen am Bedarf in Gorbitz, wo dreimal so viele Familien Hilfen zur Erziehung in Anspruch nehmen als im Rest der Stadt, laut Jugendamt zu wenig.

Doch nun soll es auch diese Kapazität nicht mehr geben. "Ab 1. Juni erhalten wir bis Ende 2022 maximal 34 Arbeitsstunden pro Woche von Aktion Mensch bezahlt und müssen dafür hohe Eigenmittel einbringen", erklärt Sören Bär. Damit könne kein Angebot sinnvoll betrieben werden und allenfalls bis zum nächsten Förderzeitraum überleben. Eine endgültige Entscheidung soll Ende April im Jugendhilfeausschuss fallen.

Auch Wafaas Stelle ist bedroht - und Ganias Liebe und Loyalität zu ihrem Viertel. Sie sagt entschieden: "Wenn es den Familientreff nicht mehr gibt, will ich auch nicht mehr in Gorbitz wohnen."

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