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"Wir sind Anarchisten!"

Vor gut zwei Wochen hat eine Gruppe junger Leute ein Mietshaus im Hechtviertel besetzt. Mit zwei Leerstandsbewohnern im Gespräch.

Mitglieder der Gruppe "Leerstandsbewohner" und Sympathisanten beobachten die Hausbesetzung in der Schanzenstraße 3.
Mitglieder der Gruppe "Leerstandsbewohner" und Sympathisanten beobachten die Hausbesetzung in der Schanzenstraße 3. © Sven Ellger

Dresden. Pünktlich wie die Maurer kommen sie zum Treffpunkt. Unter freiem Himmel in der Dresdner Neustadt. Den Ort haben sie selbst vorgeschlagen, nach einer Verabredung per Mail. Wie auch ihre Telefonnummer funktioniert die Adresse nur temporär. 

Es ist später Nachmittag, Herbstsonne scheint schräg auf die Bänke in der Grünanlage. Uli Ungehorsam, schwarze Hose, schwarze Jacke, schmale Gestalt, wirkt nervös. Immer wieder sieht er sich ringsum. Wie er wirklich heißt, will er nicht sagen. A

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Die Dresdner City-Apotheken bieten mehr, als nur Medikamente zu verkaufen. Das hat auch mit besonderen Erfahrungen zu tun. Was, wenn Sonntagmorgen plötzlich der Kopf dröhnt oder die Jüngste Läuse mit nach Hause gebracht hat?

Auch sein Alter verrät er nicht. "Das könnte Hinweise auf unsere Identität geben", sagt er. Die Polizei könnte daraus Anhaltspunkte nehmen und sie überführen.

Mit korrektem Corona-Abstand hat sich seine Begleiterin im Schneidersitz niedergelassen. Sie dreht eine Zigarette. Auch ihr Name bleibt geheim. Nennen wir sie Rosa. 

Hier im Viertel gibt es viele junge Frauen wie sie. Vielleicht 18 Jahre alt, vielleicht jünger. Auch sie gehört zur "Gruppe". Wie groß die ist? "Das sagen wir nicht." Es soll keinerlei Rückschlüsse auf die Struktur der sogenannten Leerstandsbewohner geben.

Am 17. Oktober hatten Vermummte ein leer stehendes Wohnhaus auf der Schanzenstraße im Hechtviertel gekapert. Bis zum Montagabend behielten sie es besetzt. Als die Polizei am Dienstagmorgen mit rund 130 Beamten anrückte, um das Gebäude zu räumen, stellte sie überrascht fest, dass die Hausbesetzter bereits verschwunden waren.

Das Wochenende über hatte sich die Gruppe aus überwiegend jungen Leuten in den Räumlichkeiten eingerichtet, den Garten aufgeräumt und etliche Sympathisanten und Neugierige angelockt. "Wir sind eine Jugendgruppe, die sich mit dem Thema Leerstand auseinandersetzt", hatten sie der Presse und dem Stadtbezirksamtsleiter für Neustadt und Altstadt, André Barth, erklärt.

In einer Pressemitteilung erläuterten sie ihre Ziele und Beweggründe: Die Gentrifizierung Dresdner Wohnviertel müsse ein Ende haben. Durch Sanierungen werde Wohnraum immer weiter aufgewertet und somit verteuert. Das vertreibe Alteingesessene und lasse Menschen mit geringem Einkommen außen vor. 

Im besetzten Mietshaus wollten die Jugendlichen Wohnungen für Menschen einrichten, die mit der Mietpreisentwicklung in Dresden nicht mithalten können oder auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert werden.
Im besetzten Mietshaus wollten die Jugendlichen Wohnungen für Menschen einrichten, die mit der Mietpreisentwicklung in Dresden nicht mithalten können oder auf dem Wohnungsmarkt diskriminiert werden. © Sven Ellger

Symbolischer Akt oder ernst zu nehmende Übernahme? Streich oder Aktion mit Sinn und Verstand? Was steckt dahinter? Was ist zuvor passiert? Darüber sprechen Uli und Rosa zweieinhalb Wochen später mit der SZ. 

Seid ihr zufrieden mit eurer Hausbesetzung? Die beiden nicken. "Wir haben die Aktion richtig motiviert beendet", sagt Rosa, "Es lief besser als erwartet." Eigentlich habe die Gruppe schon am Montag mit dem Eingreifen der Polizei gerechnet. 

Doch nach Gesprächen mit dem Hausverwalter der Schanzenstraße 3 und dem Stadtbezirksamtsleiter habe sie sich entschlossen, freiwillig zu gehen. Ein geordneter Rückzug will geplant sein. Ebenso die Aktion selbst. 

Wie organisiert man eine Hausbesetzung? Vor jeder Antwort stimmen sich Uli und Rosa darüber ab, wer von beiden antworten will. Überwiegend lässt Uli Rosa das Wort: "Damit haben wir schon Monate vorher angefangen, uns mit anderen Gruppierungen, die Erfahrungen mit Hausbesetzungen oder alternativen Wohnprojekten haben, ausgetauscht." 

Gehört ihr zu  den Putzi-Haus-Besetzern und denen, die unbewohnte Häuser und Wohnungen markiert haben? Nein mit denen haben sie nichts zu tun, sagen sie. Aber gelernt haben sie von solchen Aktionen ganz sicher. 

Das Haus, das nun aufgrund ihrer Besetzung in den Fokus vieler Dresdner gerückt ist, haben sie schon lange im Auge. Es gehört einer Erbengemeinschaft und steht seit rund 15 Jahren leer. 

Wie lebt es sich tagelang ohne Strom, fließend Wasser und Heizung? "Der Strom war abgestellt und die Steckdosen abmontiert", erzählt Uli. "Aber eine funktionierende Toilette gab es, zwar ohne Wasserspülung, aber wir konnten ja mit einer Kanne nachgießen", ergänzt Rosa. 

Überrascht seien sie von den Öfen gewesen, die ließen sich nicht heizen. "Aber wir hatten ja ganz warme Schlafsäcke mit, das war schon okay." Ein Tag, eine Woche, kein Hausbesetzter kann wissen, wie lange die Okkupation dauern wird. Zum Supermarkt spazieren, fällt aus, wenn die Polizei vorm Objekt steht.

Woher habt ihr Essen und Getränke genommen? "Freunde und Nachbarn haben uns gebracht, was wir brauchten. Mit einem Eimer am Strick konnten wir die Sachen über den Zaun transportieren." 

Was hattet ihr mit dem Haus vor? "Wir wollen, dass dort Menschen einziehen können, die auf dem Wohnungsmarkt benachteiligt sind, weil sie keine Akademiker oder noch nicht volljährig sind, wenig Geld verdienen oder einen ausländischen Namen haben." 

Außerdem seien Seminarräume und unterm Dach ein kleines Kino geplant gewesen, erzählt Rosa. Sie hat sich eine Wollmütze über den Kopf gezogen, Uli schiebt die Hände in die Taschen seiner North-Face-Jacke. Es ist dunkel und kalt geworden.

Wer würde die Bewohner aussuchen? "Wir alle zusammen würden Leute einziehen lassen, die unsere Werte teilen", erklärt Rosa. Werte wie sozial, solidarisch, gegen Rassismus und Sexismus zu sein und niemanden zu diskriminieren.

Habt ihr wirklich gedacht, dass euer Plan aufgeht? Dass ihr das Haus einfach geschenkt bekommt? Die beiden sehen sich an und lachen. "Nein, das nicht. Wir hätten das Haus auch gemietet oder gekauft." 

Eine Bewirtschaftung habe sich die Gruppe vielleicht im Sinne des Miethäuser Syndikats, das selbst organisierte Hausprojekte unterstützt, vorgestellt. Aber heutzutage gebe es eigentlich keine Chance mehr, ein ungenutztes Haus zu übernehmen, wie das in den 90er Jahre noch möglich war.

Das Haus gehört anderen Menschen. Ist euch das egal? "Nein", sagt Uli, "Aber wenn ein Haus 15 Jahre leer steht, hat es keinen Zweck. Ab einem bestimmten Punkt sollte man es einer sinnvollen Verwendung zuführen, zum sozialen Nutzen der Menschen, die es brauchen." 

Tübingens Bürgermeister Boris Palmer sorgte jüngst für Schlagzeilen, als er Grundstücksbesitzer, die ihr Bauland nicht bebauen, dazu zwingen wollte, um der Wohnungsnot in der Stadt entgegenzuwirken. Die Idee ist also nicht rein anarchisch. 

Habt ihr im Vorfeld versucht, Kontakt zum Hausverwalter oder den Besitzern aufzunehmen? Nein, haben sie nicht. Erst im Zuge der Hausbesetzung kam es zum Kontakt. "Der Verwalter war sehr unfreundlich und böse. Aber er hat uns zumindest angeboten, dass wir unser Nutzungskonzept in seinen Briefkasten werfen.", sagt Rosa. 

Habt ihrs gemacht? "Ja, gestern."

Und nun? "Erfahrungsgemäß kommt da keine Rückmeldung." 

Ist euch schon einmal etwas geklaut worden? Uli überlegt: "Ja, zweimal ein Fahrrad." 

Was hast du da empfunden? "Beim ersten war ich wütend, beim zweiten nicht mehr. Da habe ich gedacht, ich hole mir halt eins vom Schrottplatz. Ich brauche ein Rad zum Fortbewegen, mehr nicht." 

Wie Wohnt ihr? Eigentlich geht Uli und Rosa diese Frage genau so zu weit wie die nach Name und Alter. Nach einer Weile verraten sie: "Wir wohnen nicht mehr bei unseren Eltern, sondern beide in Wohngemeinschaften." 

Was hat euch so früh von euren Elternhäusern fort getrieben? Uli sucht nach Worten: "Na zum Beispiel, dass die Eltern immer bestimmen wollen, was die Kinder im Haushalt machen sollen. Ich finde das unfair und hätte mir gewünscht, dass die Aufgaben wechseln und alle darüber mitbestimmen dürfen."

Aber da habe es zuhause keine Diskussion gegeben. Rosa stößt der allgemeine Umgang miteinander und die Lebensweise ihrer Eltern ab.

Wie wollt ihr in zehn Jahren einmal leben? Rosa sieht sich in einer "gleichgesinnten Wohngemeinschaft oder in einem Hausprojekt. Sie werde sich "mit verschiedenen Jobs durchschlagen." Auch Uli will mit Freunden leben, "in einem alternativen Viertel mit tollen Menschen und in einer bezahlbaren WG." 

Einen Alltag "mit 40-Stunden-Woche, Haus in Klotzsche und sonst kaum Zeit für etwas anderes als Arbeit", können sich beide nicht vorstellen. "Dafür nehmen wir lieber in Kauf, wenig Geld zu haben."

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Im Gespräch fallen immer wieder Begriffe wie Lohnarbeit und Leistungszwang, soziale Ungerechtigkeit und Ausgrenzung. Sie stammen für Uli und Rosa aus einer kapitalistischen Lebenswelt, die sie verachten. 

Wird es weitere Aktionen geben? Rosa: "Auf jeden Fall! Wir sind Anarchisten." Uli: "Quatsch, sind wir nicht!"

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