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Mehr Gebärdensprache für alle

Minna ist in dritter Generation taub. Sie reiste durch Kanada, studiert, spielt Theater, nutzt Chancen, die ihre Eltern und Großeltern nie hatten. Doch sie will mehr.

Minna Neumann spielt zusammen mit hörenden und tauben jungen Leuten in einem neuen Stück des Theaters Junge Generation. Darin erzählt sie von Erlebnissen, Erfahrungen und wichtigen Wegen.
Minna Neumann spielt zusammen mit hörenden und tauben jungen Leuten in einem neuen Stück des Theaters Junge Generation. Darin erzählt sie von Erlebnissen, Erfahrungen und wichtigen Wegen. © Christian Juppe

Dresden. Nicht gut Englisch sprechen zu können, hat schon so manchen davon abgehalten, die Welt zu erkunden. Minna spricht gar nicht mit Stimme und Worten und bereist trotzdem ferne Länder. Von Geburt an ist die 23-Jährige gehörlos und teilt sich über Gebärden mit.

"Meine Großeltern, meine Eltern und auch mein Bruder sind taub", erzählt sie und nutzt dafür ihre Hände, ihre Lippen, ihr ganzes Gesicht. Eine Gebärdendolmetscherin macht unterdessen für Hörende verständlich, was Minna in ihrer Muttersprache sagt.

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Eine solche Brücke baute ihr niemand, als sie sich auf den Weg nach Kanada und Australien machte. Work and Travel - ein Abenteuer, das sie viel gelehrt hat. Es war nicht das erste Mal, dass sich Minna Neumann fern von zu Hause zurechtfinden musste. Nach der zehnten Klasse, die sie am Dresdner Förderzentrum für Hörgeschädigte absolvierte, ging sie nach Essen. Dort befindet sich eines der wenigen Gymnasien für Schüler, die nicht oder nur sehr wenig hören.

"Ich musste alles alleine regeln"

Deutschland zu verlassen, vorübergehend mit zwei ebenfalls gehörlosen Freundinnen, dann jedoch ganz allein zu reisen, war nicht zu vergleichen. "Bis dahin hatte ich immer meine Eltern oder Freunde, die ich in der Not um Hilfe bitten konnte", sagt sie. Nun blieb sie auf sich gestellt und kommunizierte, wie es auch Hörende tun, wenn sie eine Landessprache nicht beherrschen - mit Händen und Füßen, wie man so schön sagt. "Wenn es komplizierter wurde, habe ich aufgeschrieben oder per Handyübersetzer erklärt, was ich möchte."

Rund ein Jahr war Minna unterwegs, jobbte auf Bauernhöfen, half bei der Obst- und Gemüseernte - eine körperlich schwere Arbeit. Oder sie verdiente in der Stadt bei einer Firma Geld, die Elektroroller vermarktet. "Vorher war ich immer abhängig von meiner Familie, die jederzeit greifbar war. Dort musste ich alles allein regeln. Das hat mich enorm selbstständig gemacht."

Wieder zurück in Dresden entschied sie sich für ein Studium der Elektrotechnik. In Vorlesungen und Seminaren begleitet sie eine Dolmetscherin. Auf diese Weise, sagt Minna, könne sie gleichberechtigt studieren.

Schwierige Bildungswege

Ganz anders als ihre Eltern und Großeltern. Deren Bildungswege und berufliche Möglichkeiten waren extrem eingeschränkt. "Es gab in der DDR nur ganz wenige Berufe, die gehörlose Menschen lernen und ausüben konnten", weiß Minna von ihnen. Studieren durften ihre Eltern nicht. Bis heute sei es nicht leicht, an einem Schulzentrum für Hörgeschädigte das gleiche schulische Niveau zu erreichen wie an Regelschulen, sagt sie. "Dafür kommen dort einfach zu viele Kinder zusammen, die zusätzliche Beeinträchtigungen haben."

Minna hat es geschafft: Abitur und Studium sind für sie nicht zuletzt dank der UN Behindertenkonvention aus dem Jahr 2008 ein Menschenrecht. Deren Umsetzung wird jedoch von Verbänden und Betroffenen kritisiert, weil es an Konsequenz mangelt. Einen wichtigen Beitrag indes leistet das Theater Junge Generation. Immer wieder sorgt es mit Inszenierungen und Projekten für Barrierefreiheit - in enger Zusammenarbeit mit dem Zusammenschluss tauber und hörender Gebärdendolmetscher "Scouts - Gebärdensprache für alle".

Gerade hatte ein neues Stück Premiere - durch Corona veranlasst in digitaler Form. "Transformers" beschäftigt sich mit den Erlebniswelten Jugendlicher, die sich in der überwältigenden Menge an Entwicklungsmöglichkeiten zurechtfinden müssen. Eine der sechs Spieler und Spielerinnen ist Minna. Zusammen mit den jungen Leuten im Alter zwischen 14 und 26 Jahren hat sie seit September des vergangenen Jahres an der Stückentwicklung gearbeitet und geprobt.

"Als Kind hatte ich ein Hörgerät"

So entstand unter Regie der Theaterpädagogin Anna Lubenska eine Art Haus der Geschichten, durch das die Zuschauer wandeln und dort verschiedene Protagonisten, hörende und gehörlose, mit ihren ganz individuellen Lebenswegen treffen. Sämtliche Proben und Vorstellungen begleiteten und begleiten Gebärdendolmetscher. Was kompliziert klingt, erweist sich dabei als erstaunlich symbiotisch und selbstverständlich.

Für Minna ist es nach langer Zeit einmal wieder ein willkommenes Theatererlebnis. Als Teenagerin hat sie schon einmal an kleineren Schulprojekten mitgewirkt. "In unserem Stück geht es um Veränderungen und Einflüsse, die jeder so erlebt", erzählt sie. "Ich habe meine Erfahrungen in das Stück einfließen lassen und gebe sie auf diese Weise weiter."

Die Gebärdensprache viel stärker ins alltägliche Leben auch der hörenden Mehrheit einzubinden, das ist ihr Wunsch. Dafür engagiert sich Minna Neumann auch ehrenamtlich in der Deutschen Gehörlosen-Jugend. Gehörlosigkeit lässt sich durch Technik nicht einfach weg instrumentalisieren. Es wird immer Menschen geben, die visuell kommunizieren. Auch die Existenz von Hörgeräten und Implantaten wird daran nichts ändern, denn nicht für jeden sind sie geeignet. "Als Kind hatte ich ein Hörgerät, aber damit bin ich gar nicht zurechtgekommen", erzählt Minna.

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Forderungen nach mehr Inklusion betrachtet sie mit Vorsicht. "Irgendwann wird es so sein, dass es keine speziellen Schulen für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen mehr gibt", vermutet sie. Doch es sei nicht zu unterschätzen, wie wichtig es gerade für junge Menschen ist, sich in ihren Peergroups verstanden und akzeptiert zu fühlen. "Entscheiden sollen diejenigen, die tatsächlich betroffen sind."

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