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Unterwegs mit einem Vogelstimmenführer

Wenigstens die Singvögel geben im Frühjahr Konzerte. Maik Nollain hört sie in Dresden alle heraus: Meise, Kleiber, Zeisig - und eine große Überraschung.

Die Vielfalt der Gartenvögel sollten die Menschen unterstützen, indem sie auf ihren Grundstücken für genügend Nistmöglichkeiten sorgen, findet Naturfreund Maik Nollain.
Die Vielfalt der Gartenvögel sollten die Menschen unterstützen, indem sie auf ihren Grundstücken für genügend Nistmöglichkeiten sorgen, findet Naturfreund Maik Nollain. © Christian Juppe Photography

Dresden. Die Suche nach dem Vogelgesang beginnt statt an einer Buche im Barock. Maik Nollain hat sein Fahrrad am Palais im Großen Garten geparkt und klopft sich den eisigen Fahrtwind aus der Regenjacke. Unter seine Schirmmütze hat er sich Ohrenschützer gezogen und dicke Handschuhe über die klammen Finger.

Schon über eine Stunde war er an diesem Morgen in Dresdens größtem Park unterwegs - auf der Pirsch nach den gefiederten Frühlingsgrüßen, die zu Tagesbeginn und in den Abendstunden am lautesten zwitschern.

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"Diese Fassade bietet dem Hausrotschwanz alles, was er braucht", sagt der Forstwirt und zeigt auf die verzierte Palaisfront. Hier finde er genug Nischen zum Brüten und könne den Spinnen die Fliegen aus ihren Netzen stibitzen. "Das tun sie ebenso respektlos, wie sich im Kunstdenkmal einzunisten."

Über die verschlungenen Wege zwischen frisch bepflanzten Beeten und Rabatten macht sich Maik Nollain dann auf den Weg in Richtung Nymphenquelle. Deren Portal ist noch eingehaust, doch ringsum im Buschwerk und Baumgeäst hat die Saison längst begonnen. Wer auswärts war, ist im März zurückgekehrt und bildet zusammen mit überwinternden Artgenossen eine jubilierende Vogelschar.

Ein Kleiber hat die Körnertheke für sich entdeckt.
Ein Kleiber hat die Körnertheke für sich entdeckt. © Christian Juppe Photography

An einem Zweig hängt eine präparierte Kokosnuss. Vogelfreunde haben sie mit körnergespicktem Fett gefüllt und dort als Futterstelle aufgehängt. Eine Art Stammtisch, an dem sich Meisen, Kleiber und Rotkehlchen treffen.

Maik Nollain muss nicht lange warten, da nähert sich der erste Gast. Vorsichtig hüpft er durchs Blattwerk, mit jedem Sprung ein wenig näher an die Mahlzeit heran. Der Vogelkenner hat ihn gehört, noch bevor er ihn sah. "Am Gesang weiß ich, dass er in der Nähe ist, und an seinen Bewegungen erkenne ich ihn noch früher als an der Farbe seines Gefieders", sagt er.

"Hilfshasenjäger haben sie meinen Vater genannt"

Maik Nollain ist im Wald groß geworden. "Wie Hänsel und Gretel, nur, dass mein Vater mich dort nicht zurückgelassen hat." Er war Förster. Gagenförster. So haben die Leute früher zu ihm gesagt, erinnert sich Nollain. Lange hat's gedauert, bis er verstand, was das bedeutet. Gemeint war ein dem Amtsförster Untergebener, der kein Großwild, sondern nur Krähen schießen durfte.

Der Begriff Gage für Krähe war in Maik Nollains Heimat Kleingießhübel im Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge üblich. "Oder Hilfshasenjäger haben sie meinen Vater genannt", erinnert er sich und lacht. Heute meint er, kaum jemand hat verstanden, was ihn dazu trieb, tagelang durch den Wald zu streifen, ohne wirklich zu jagen.

Die Blaumeise macht rund 30 Prozent der Meisen aus.
Die Blaumeise macht rund 30 Prozent der Meisen aus. © Christian Juppe

Dabei war der Vater doch ständig auf der Jagd. Sein Sohn, dem er die Leidenschaft vererbt hat, kann das heute gut nachfühlen. Auch er ist ein ewig Suchender, dessen Adrenalinspiegel steigt, wenn er in der Natur unterwegs ist. Fauna und Flora zu entdecken und ihre Zusammenhänge zu verstehen, das treibt ihn an. Darüber kann er atemlos erzählen und seine Zuhörer staunen lassen.

Nach seiner Ausbildung zum Forstwirt arbeitete Maik Nollain viereinhalb Jahre in der Dresdner Heide. Danach ebenso lange im Bayrischen Wald. Eine Zeit, an die er sich gern erinnert, die ihn aber auch gesundheitlich gefordert hat. Schließlich entschloss sich der heute 53-Jährige, Geografie zu studieren.

Ab dann habe er sich freiberuflich durchgeschlagen, zunächst als Rettungsschwimmer. Inzwischen arbeitet er als Skilehrer und als Stadtführer. Beides nicht coronatauglich. Doch Maik Nollain ist wie gesagt findig, nicht nur in Wald und Flur, sondern auch im Leben.

"Als ich während des ersten Lockdowns draußen unterwegs war, fiel mir diese Stille auf", sagt er. Kaum ein Auto auf den Straßen, die Menschen blieben daheim. Plötzlich war Platz für die Klänge, die sonst der Motorenlärm verdeckt - für all das Zirpen, Trällern, Jodeln und Piepsen. "Da kam mir die Idee, Vogelstimmenführungen anzubieten."

Der Star kann Tierstimmen und menschengemachte Töne imitieren.
Der Star kann Tierstimmen und menschengemachte Töne imitieren. © Nabu

Zwar ließ sich das Führen von Gruppen zunächst schlecht mit den Regeln zum Schutz vor Corona vereinen, doch der Sommer brachte Lockerungen und viele interessierte Naturfreunde, die gern mit einem Kenner durch die Grünanlagen streiften. Momentan geht Maik Nollain allenfalls mit einem weiteren Haushalt auf die Pirsch.

"Man weiß es nicht genau, aber es kann gut sein, dass sich im Großen Garten sogar das Sommergoldhähnchen versteckt", sagt er geheimnisvoll. Wenige Meter von ihm entfernt spaziert ein Baumläufer den Stamm hinauf. Irgendwo in den Wipfeln tönt ein Buchfink. Blau- und Kohlmeisen picken auf dem Boden nach Samen und Insekten. Das Hämmern eines Spechts ist weithin zu hören.

"Ich weiß, da werden Katzenfreunde empört sein"

Amseln, Rotkehlchen, Gimpel, Zeisig, Star und Stieglitz bevölkern Dresdens grüne Lunge. "Im Frühjahr veranstalten sie ein solches Konzert, dass es für den ungeübten Zuhörer schwer ist, die verschiedenen Stimmen auseinanderzuhalten", sagt Maik Nollain.

Im Sommer, wenn andere Vogelexperten meinen, Führungen lohnen sich nicht, geht er dennoch mit Neugierigen durch den Park. "Auch dann singen die Vögel, nur eben vereinzelt. So kann man ihnen besser zuhören und ihren Klang leichter unterscheiden."

Sich am Gesang zu erfreuen, ist das eine, ihnen Gutes zu tun das andere. Im Großen Garten sind die Vögel gut mit Nistkästen versorgt. Doch auch Gärten und Terrassen eignen sich. "Wenigstens zwei Meter hoch sollten die Kästen hängen", rät Nollain, am besten südöstlich ausgerichtet und auf keinen Fall so, dass sie die pralle Sonne trifft.

Eine Kohlmeise kehrt am Vogelstammtisch ein.
Eine Kohlmeise kehrt am Vogelstammtisch ein. © Christian Juppe

Sein frisch gekaufter Nistkasten aus dem Baumarkt, den er zur Anschauung mitgebracht hat, ist nun auch sicher vor dem Specht. Maik Nollain hat das Einflugloch mit einer Metallplatte verstärkt, damit der sogenannte Baumeister des Waldes es auf der Suche nach Jungvögeln nicht vergrößern kann. Denn für seine eigene Brut ist ihm jedes Futter recht.

Weniger um Überlebensfragen geht es indes den Katzen, die im Frühjahr die Nachkommenschaft der Garten- und Singvögel dezimieren. "Am besten wäre es, Besitzer ließen ihre Katzen und Kater während der Brutzeit im Haus, damit sie nicht zum Jux die Jungen töten." Besonders gefährdet seien die, wenn sie gerade zum ersten mal das Nest verlassen, noch unsicher und langsam sind. "Ich weiß, da werden Katzenfreunde empört sein. Aber es brächte der Population wirklich etwas."

Eine dringende Bitte hat er an alle Gartenbesitzer: "Benutzt kein Glyphosat! Daran gehen Jungvögel zugrunde."

Maik Nollain verstaut seinen Nistkasten wieder im Rucksack und rüstet sich zum Abschied. Plötzlich hält er mitten im Satz inne und lauscht. "Da ist es!" flüstert er, "Ich habe es gehört - das Sommergoldhähnchen!" Ein beseeltes Lächeln zieht über sein Gesicht: "Es gibt es tatsächlich. Da freue ich mich jetzt aber!"

Für Führungen erreichen Interessenten Maik Nollain telefonisch unter 0174 / 94 75 225.

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