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Der Kalligraf in Dresdens Hafencity

Der Streetart-Künstler Said Dokins verbindet seinen Weg als Künstler und den der Elbe zu einem riesigen Ornament. Auch die Farbe fließt in Strömen.

Von Nadja Laske
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Der Mexikaner Said Dokins wird am 10. November sein Wandbild an der Leipziger Straße beenden.
Der Mexikaner Said Dokins wird am 10. November sein Wandbild an der Leipziger Straße beenden. © Sven Ellger

Dresden. Im Nieselregen solch gute Laune zu behalten, das zeugt von echter Frohnatur. Von Kopf bis Fuß bunt besprenkelt steht Said Dokins auf der Hebebühne in der Hafencity und tupft mit einem verschmitzten Lächeln weiße Punkte auf die riesige Wand zwischen Citybeach und Arcotel. Dort entsteht gerade ein sieben Meter hohes und 80 Meter langes Wandbild, für das der Künstler aus Mexiko angereist ist.

Eingeladen haben ihn Beachbetreiber Frank Weisbach und Hoteldirektor Florian Stühmer. Ihre Idee verhilft Dresden zu einem zeitgenössischen Kunstwerk und einer weiteren Sehenswürdigkeit der Stadt. Zum Schutz gegen den Lärm, der von Frank Weisbachs Volleyballfeldern zur Wohnbebauung herüberschallen könnte, hat er das lang gestreckte Gebäude bauen lassen, dessen Rückwand bis eben noch trist und grau war.

Nun leuchtet sie grün, blau, rot und orange - und das ist nur der Anfang. "Ich brauchte zwei Tage, um die schwarze Grundierung aufzusprühen, drei Tage für die farbige Basis, und ein bis zwei Tage lang arbeite ich nun an den Markierungen", sagt Said Dokins. Die weißen Punkte deuten die Linienführung an und geben ihm Orientierung. Fünf bis sechs Tage wird es dauern, bis der 38-Jährige seine Botschaft in grafischen Zeichen auf den Beton gemalt hat.

Der Betreiber vom Citybeach, Frank Weisbach (l.), hat den Streetartkünstler Said Dokins für Dresden entdeckt und in Florian Stühmer, Direktor des Arcotels (r.), einen begeisterten Mitstreiter gefunden.
Der Betreiber vom Citybeach, Frank Weisbach (l.), hat den Streetartkünstler Said Dokins für Dresden entdeckt und in Florian Stühmer, Direktor des Arcotels (r.), einen begeisterten Mitstreiter gefunden. © Sven Ellger

Said Dokins Werke sind an Häuserfassaden, in Museen und Ausstellungen Spaniens, Hollands, Großbritanniens und Frankreichs zu sehen. In München schuf er ein Wandbild auf der Fassade der Stadtwerke. In seiner Heimat Mexiko, in Peru, Chile, Argentinien, Ecuador und Brasilien hinterließ er seine Handschrift - im wahrsten Sinne des Wortes. Auch sein neuestes Werk wird eng mit dem Ort seines Entstehens verbunden sein.

"Im Jahr 1997 habe ich begonnen, Graffitis zu sprayen", erzählt der Mexikaner. Da war er ein Teenager von 14 Jahren und interessierte sich brennend für Streetart. Nach der Schulzeit studierte er das Fach Visuelle Kunst, schloss die Kunstausbildung ab und befasste sich an der Uni zwei weitere Jahre mit Philosophie. "Aber ich habe bald gemerkt, dass das sehr textlastig ist und ich lieber mit meinen Händen arbeiten will."

In der Szene traf er zahlreiche Künstler, die ihn inspirierten und auf seinem Weg begleiteten. Die traditionelle japanische Kalligrafie fasziniert Said Dokins am meisten. Darüber hinaus prähistorische Wandmalerei, gotische Schriftzeichen und Hypografen. Er vertiefte sich in das kunstfertige Schreiben, übernahm dessen Formen. Über die Jahre wurden seine Werke immer raumgreifender und verzierten schließlich Gebäude auf der ganzen Welt.

Als Frank Weisbach von dem Künstler erfuhr, war er sofort begeistert. Eigentlich sollte die Mauer des Lärmschutzgebäudes künftig mit Holz verkleidet werden. So war es geplant und genehmigt. Doch dann verliebte er sich in die Vorstellung, Said Dokins die monströse Wand zu überlassen und fand in Florian Stühmer einen engagierten Mitstreiter. Auch ihm gefällt der Gedanke, seinen Gästen diese Besonderheit zu bieten und die Hafencity optisch zu beleben.

Rund 11.000 Euro soll das Projekt kosten. Allerdings regen sich in Frank Weisbach so langsam Zweifel. Auf die Frage hin, wie viel Farbe er denn ordern musste, sagt er nur: "Unfassbar viel! Das Farbbudget von rund 3.000 Euro wird wohl nicht reichen." Jedenfalls werden sich die beiden Initiatoren die Kosten teilen.

Said Dokins mit Fans vor einem seiner Wandbilder.
Said Dokins mit Fans vor einem seiner Wandbilder. © PR

Said Dokins steht derweil in seiner beklecksten Daunenjacke, die kein Designer besser hätte kreieren können, auf der Kranplattform und denkt in entsprechend großen Dimensionen: "Ich möchte das aufgreifen, was hier für diesen Ort und die Stadt charakteristisch ist", sagt er. Deshalb werde unbedingt die Elbe eine Rolle spielen. Von den schweren Flutkatastrophen hat er viel gehört und das fließende Wasser beobachtet. "Es gibt bei uns das Sprichwort: Die Sonne ist jeden Tag neu", erklärt Said. Mit dem Fluss sei es das Gleiche. Deshalb wolle er seine Wellen motivisch aufgreifen.

Und so versteht er auch seine eigene Arbeit. Niemals sieht Said seine Werke als etwas Starres, Ewiges. "Hier kommen jeden Tag Leute vorbei, die fragen nach, finden toll, was entsteht, oder auch nicht." Er schaffe seine Kunst für die Menschen, und zu ihr gehöre auch dazu, was die Bewohner der Stadt später damit anfangen. Vielleicht schreibt der Künstler all das in seine aus unzähligen Schriftzeichen entstehenden Ornamente, die an Amulette erinnern. Auf jeden Fall will er damit triste Bauwerke mit guten Kräften aufladen und positive Energien hinterlassen.