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Warum sie nicht blieb, wer sie war

Mit Mitte 40 kehrt die Ökonomin Sigrid Stern aus der Sowjetunion zurück, studiert Psychologie, öffnet eine Praxis. Warum das anderen Frauen Mut machen soll.

Psychologische Beraterin und Buchautorin Sigrid Stern in ihrem Arbeitszimmer. Mit ihrer Lebenschronik will sie anderen Frauen Mut machen.
Psychologische Beraterin und Buchautorin Sigrid Stern in ihrem Arbeitszimmer. Mit ihrer Lebenschronik will sie anderen Frauen Mut machen. © René Meinig

Dresden. Sie musste kein Mathe-Ass sein, um Eins und Eins zusammenzuzählen. Je älter Sigrid Stern wurde, desto besser gelang ihr das. Denn erst aus der Ferne betrachtet ergeben viele Dinge einen Zusammenhang. Die Rechenkunde ist nie ihre Freundin geworden. Doch mit ihrem Leben schließt die Autorin Frieden.

Wann das begann, kann sie nicht auf Jahr und Tag sagen. Als ihr Mann sie einst fragte, weshalb sie nicht die Frau geblieben sei, als die er sie kennengelernt hat, war Sigrid Stern schon mittendrin. Da hatte sie plötzlich auf ihrem Weg gestoppt und eine neue Richtung eingeschlagen.

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Warum man sie nach der Schulzeit ausgerechnet zum Studium der Finanzökonomie schickte, kann sie sich erst heute erklären. "Ich wollte Abitur machen, vielleicht Kunst studieren oder Literatur", sagt die 72-Jährige. Stattdessen beschlossen ihre Eltern, unterstützt von der strengen Tante: Das Mädchen besucht die Fachschule, ohne höhere Reife, dafür baldigst mit Beruf und Verdienst. "Dass mir das Mathematische überhaupt nicht lag, war allen klar, aber egal." Die Nachkriegsgeneration suchte Sicherheiten. Von Talenten wurde niemand satt.

Mit mädchenhaftem Fleiß und Fügsamkeit absolvierte Siegrid Stern ihre Ausbildung. Es folgten gute Anstellungen, Familiengründung, die ersten beiden von vier Kindern und schließlich die Möglichkeit, für ein paar Jahre in die Sowjetunion zu gehen. 

Per Tupolew in ein neues Leben

Auf rund 200 Buchseiten hat Sigrid Stern unter diesem Pseudonym ihr Leben erkundet und beschrieben - um sich und die Menschen, die sie prägten, besser zu verstehen. Aber auch, um anderen Frauen zu zeigen, dass vorgegebene Wege nicht in Stein gemeißelt sind, dass man sie ändern und zu eigenen Wegen machen kann.

Lebendig und detailreich erzählt die Autorin von ihrer ersten Ankunft in Moskau, wohin sie zusammen mit ihrer Familie zunächst für drei Jahre zog. Der Wunsch, aus dem grauen DDR-Alltag herauszutreten, mehr Entwicklungsmöglichkeiten und eine stabilere Existenz zu erreichen, das hatte sie zu diesem Schritt bewogen. Während ihr Mann einen leitenden Posten als Ingenieur in der sowjetischen Vertretung des VEB Carl Zeiss annahm, wurde sie Sekretärin im Außenhandelsbetrieb des VEB Chemieanlagenbaus Leipzig-Grimma. Tochter und Sohn besuchten die Botschaftsschule.

Vom Flug mit der Tupolew ab Berlin-Schönefeld nach Moskau, über die erste Fahrt in einem Wolga und die neue Wohnung in einem ausschließlich für DDR-Bürger vorgesehenem Stadtviertel, bis hin zu alltäglichen Einkäufen in sowjetischen Kaufhallen, erzählt Sigrid Stern so exakt, dass ihre Biografie zugleich anschaulicher Zeitzeugenbericht ist. Jeden Morgen brachte ein Fahrer sie mit Kollegen zur Arbeit. Zu ihrem Gehalt von 700 DDR-Mark, die der Heimatbetrieb zahlte, erhielt sie 84 Rubel Auslandsvergütung. Eine Fahrkarte für die Metro kostete zehn Kopeken. Wurst gab es nur zwei Sorten zu kaufen und Wiener, die aussahen wie "nackte Finger". Die Familie lebte gut und wäre wohl fünf Jahre geblieben, die Auslandseinsätze dieser Art dauerten. Hätte sich die junge Sigrid nicht in ihren Chef verliebt und umgekehrt.

Kontakt zu Westdeutschen verboten

Verliebtheiten unter Verheirateten waren genau so strengstens verboten wie Kontakte zu in Moskau lebenden Westdeutschen. Unter Vorwänden kehrte die Familie 1983 zurück in ihre damalige Heimatstadt Jena. Scheidung, zweite Ehe, neues Glück und alter Unmut als funktionierende Ehefrau, die alle Alltagslast allein trug und ihren Mann für dessen Karriere den Rücken frei hielt.

Während Sigrid Stern zusammen mit ihrem zweiten Ehemann einen weiteren Aufenthalt in der UdSSR vorbereitete, bahnte sich in der DDR die Wende an. Auch in Dresden gingen die Menschen auf die Straße, und als junge Genossin geriet Sigrid Stern den alten gegenüber in Erklärungsnöte. Auf Erich Honecker folgte Egon Krenz, bald sprach Bundeskanzler Helmut Kohl vor den Trümmern der Frauenkirche und irgendwann dazwischen verkauften Sigrid Stern und ihr Mann ihren Trabant für 7.000 Ostmark. In der Sowjetunion würden sie ihn nicht brauchen.

Anfang 1990 ging ihr Flug per Aeroflot Perestroika und Glasnost entgegen. Weder war klar, wie sich daheim Politik und Gesellschaft verändern würden, noch ahnten die Reisenden, was der politische Umbruch für das Leben in der Sowjetunion bedeutet. Mitten hinein startete Sigrid Stern eine neue Lebensetappe. Erst fünf Jahre später kehrte sie zurück. 

Hausfrau oder Studentin sein

Zurück in eine veränderte Welt, in der es keinen Sozialismus und keine Anstellung für eine Finanzökonomin mehr gab. Ganz im Hausfrauendasein aufgehen und ohne eigenes Einkommen leben oder etwas ganz Neues wagen, vor dieser Entscheidung stand Sigrid Stern als Mitte 40-Jährige. "Schon in Moskau hatte ich eine Annonce der Paracelsus Schule gelesen, die Studiengänge zum Psychologischen Berater anbot", erzählt sie. Zurück in Dresden, sprach sie mit dem Leiter der Schule, ging zum Schnuppertag und wusste sofort: Das will ich!

Mit Ersparnissen, einem EU-Zuschuss für Frauen, die sich selbstständig machen wollen, mit riesiger Begeisterung fürs Fach, unermüdlichem Fleiß und einem gewissen Durchsetzungsvermögen der Familie gegenüber machte Sigrid Stern ihren Traum wahr.  Nach dem Studium eröffnete sie ihre eigene Praxis für psychologische Beratungen, arbeitete später auch als Dozentin, Kommunikationstrainerin und Mediatorin. Mit 60 absolvierte sie ihren Abschluss als Heilpraktikerin und betrieb ihre Praxis bis zu ihrem 67. Lebensjahr. Seitdem schreibt sie. Vier Jahre hat die Arbeit an ihrem Buch "Trotzdem was geworden - Chronik eines Lebens" gedauert. Nun ist es erschienen.

Warum Sigrid Stern nicht die Frau von vor vielen Jahrzehnten geblieben ist? Vermutlich, weil die Chance, sich zu verändern und glücklich zu sein, einfach zu verlockend war. Doch am besten erzählt sie das selbst. 

"Trotzdem was geworden - Chronik eines Lebens", Romeon Verlag, erhältlich über ISBN: 978-3-96229-174-7 im Onlinehandel. www.romeon-verlag.de

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